Hendrik Haas ist musikalischer Leiter der "West Side Story"

Hendrik Haas, Chordirektor und Kapellmeister am Theater Ulm, hat schon etliche Musical- und Opern-Premieren dirigiert. Eine "West Side Story" auf der Wilhelmsburg ist aber allemal etwas Besonderes.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

Die Bühne auf der Wilhelmsburg ist riesig und farbenfroh, doch vor Hendrik Haas' Augen ist sie auf wenige Zentimeter zusammengeschrumpft und zudem schwarz-weiß. Der Dirigent der "West Side Story" blickt im Orchesterraum der Burg auf einen kleinen Monitor, um die Sänger zu sehen, und dirigiert zugleich die 30 Musiker vor ihm.

"Sehr schwierig" sei diese Arbeit, sagt der 43-Jährige, "weil man keinen atmosphärischen Kontakt nach außen hat". Er fühle sich wie ein U-Boot-Kapitän, der mit der Meeresoberfläche kommuniziere. "Es ist schade, dass wir Musiker nicht wirklich unmittelbar sind", findet er - um sofort zu betonen, wie großartig es ist, diesen Musical-Klassiker zu spielen. Wobei auch Leonard Bernsteins Musik eine Herausforderung darstellt: "Es ist zum großen Teil auskomponierter Jazz, und den wie improvisiert, möglichst leicht klingen zu lassen - das ist eben nicht leicht."

Der belüftete und dank einer Stoffverkleidung akzeptabel klimatisierte Orchesterraum liegt hinter den dicken Mauern der Wilhelmsburg, just dort hinter der Bühne, wo auf einer Graffiti-Wand "Import/Export" steht. Das ist passend - denn hier wird während der Proben fleißig per Mikro hin und her diskutiert. "Das mit der Fermate war jetzt prima!", sagt Haas, "Maria, noch mal die Stelle bis zum As". Die Sänger sehen den musikalischen Leiter ebenfalls auf einem Monitor; der steht am Fuß der Tribünen.

Den Klang von zehn Streichern, acht Holz- und sieben Blechbläsern, Klavier, Gitarre und drei Schlagwerkern aus dem Orchesterraum auf die Bühne zu bringen, ihn dort groß klingen zu lassen und mit den Singstimmen auszubalancieren - daran wird bis zur Premiere am Freitagabend getüftelt. "Das ist musikalisch und technisch anspruchsvoll", erklärt Haas.

Er ist seit 2011 am Theater Ulm, ist Chordirektor und Kapellmeister, hatte die musikalische Leitung von "Sugar - Manche mögen's heiß", "Ghetto" und "Cabaret". Man könnte ihn also für einen Musical-Spezialisten halten, doch das habe sich in Ulm "eben so ergeben. Ich komme eigentlich vom klassischen Repertoire", sagt Haas.

Der gebürtige Solinger hat in Düsseldorf Kirchenmusik studiert und dann in Detmold sein Kapellmeisterstudium absolviert. Das Musical-Genre kennengelernt hat er am Münchner Gärtnerplatztheater, wo er von 2001 an als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung engagiert war, unter anderem "Anatevka" und die Operette "Der Bettelstudent" dirigierte. 2003 wechselte er ans Stadttheater Pforzheim, 2006 ans Badischen Staatstheater Karlsruhe. Nun ist er seit vier Jahren in Ulm tätig. Das Haus biete ihm die große Chance, sich mit dem Musiktheater in seiner ganzen Vielfalt auseinanderzusetzen - das reiche dann eben vom Musical-Ulk "Sugar - Manche mögen's heiß" ("super Musik, ein toller Big-Band-Sound") bis zu Monteverdis Oper "Il ritorno d'Ulisse in patria", die er in dieser Spielzeit leitete: "Das war eine schöne Rückkehr zu meinen Wurzeln." Ohnehin könne er sich stets mit seinen musikalischen Aufgaben "voll identifizieren", sagt Haas. Und die lauten in den kommenden Wochen: 14 Mal "West Side Story" dirigieren - mit dem steten Blick auf den Monitor.

Morgen Premiere auf der Wilhelmsburg

Das Stück Hätten Julia und Romeo in den Fifties in der Bronx gelebt, hießen sie Maria und Tony: Shakespeares berühmte Liebesgeschichte liegt dem Plot des Musicals "West Side Story" zugrunde, das am Samstag, 20.30 Uhr, auf der Wilhelmsburg Premiere feiert. Das Stück wurde geschrieben von Leonard Bernstein (Musik), Arthur Laurents (Buch), Stephen Sondheim (Songtexte) nach einer Idee von Jerome Robbins, der die Uraufführung 1957 choreografierte und inszenierte. Die dramatische Geschichte, die coole wie ironische, anrührende und klare Charakterzeichnung, die virtuosen Tanzszenen, vor allem aber Bernsteins raffinierter sinfonischer Jazz mit vielen Ohrwürmern ("America", "Maria", "Somewhere" "I Feel Pretty") machen das Werk zu einem der ganz großen und erfolgreichsten Musicals.

Inszenierung Regie führt erstmals in Ulm der Musical-Experte Rhys Martin, die musikalische Leitung hat Hendrik Haas, es spielt das Philharmonische Orchester. Die Bühne ist von Britta Lammers, die Kostüme sind von Ulrike Nägele.

Ensemble Maria Rosendorfsky gibt die Maria, in weiteren Hauptrollen sind die Gäste Nikolas Heiber (Tony), Dalma Viczina (Anita), Stefan Rüh (Riff), Christopher Brose/Maximilian Widmann (Bernardo) zu erleben. Hinzu kommen weitere Ensemblemitglieder, viele Gäste, die Ballettcompagnie, zusätzlich gecastete Tänzerinnen, Kampfsportler und Breakdancer aus der Region sowie Auszubildende der Wielandwerke Ulm und Statisten.

Spieldauer drei Stunden inklusive Pause.

Shuttle-Service Zur Wilhelmsburg fahren von der Stadt aus - Bahnhof, Theater, Willy-Brandt-Platz, Karlstraße - Busse der Linie 7. Von der Haltestelle "Kliniken Michelsberg" geht es zu Fuß noch 500 Meter bergauf. Autos können kostenlos auf dem Gelände der Firma Müller im Industriegebiet Jungingen parken. Von dort fährt ab zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn ein kostenloses Bus-Shuttle zur Festungsanlage - und nach der Vorstellung wieder zurück.

Nachtkritik nach Ende der Aufführung unter www.swp.de

 

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