Großer Spaß: Neujahrskonzert der Philharmoniker im Theater Ulm

In fünf verschiedenen Kleidern und Kostümen tritt Maria Rosendorfsky im Neujahrskonzert des Theaters Ulm auf - und auch sonst ist das Programm der Philharmoniker sehr bunt und unterhaltsam.

JÜRGEN KANOLD |

Leonardo DiCaprio und Kate Winslet sind diesmal auch dabei. Die kinomäßig auf den Bühnenhintergrund projizierten "Titanic"-Stars dekorieren den Philharmoniker-Sound, aber romantische Liebesgeschichten und Untergänge, das können die Ulmer selbst. Maria Rosendorfsky gibt die Céline Dion und singt wunderschön "My Heart Will Go On", Operndirektor Matthias Kaiser schleppt einen Ventilator herbei und macht ein bisschen Wind, um eine ikonografische Hollywood-Szene nachzustellen.

So nimmt also Generalmusikdirektor Timo Handschuh den Taktstock zwischen die Zähne, um als Jack mit beiden Händen die geliebte Rose zu umfassen, die an Bord des Dirigentenpults wiederum die Arme ausbreitet und am liebsten die ganze Welt umarmen möchte. Matthias Kaiser sitzt an der Bühnenrampe und verdrückt 'ne lustige Kitsch-Träne, das Publikum jubelt. Schon stehen die Philharmoniker nach dem "Titanic"-Einsatz in der Donaumonarchie stramm, gibt Handschuh den Einsatz zum Radetzky-Marsch: Trommelwirbel für die finale Neujahrskonzert-Prozession mit klatschenden Zuschauer-Bataillonen . . .

Ja, das war wieder eine turbulente philharmonische Kreuzfahrt. Handschuh hat nun wirklich keine Berührungsängste vor leichterer Muse und steuerte souverän durch musikalische Gewässer ganz unterschiedlichen Tiefgangs. Ein Riesenspaß - en suite: Nach dem Neujahrs-Neujahrskonzert folgen neun Wiederholungen bis Anfang Februar, wobei ein Werk wie das "Intermezzo sinfonico" aus Mascagnis Oper "Cavalleria rusticana", die am Ostermorgen spielt, das Potenzial für noch spätere Termine besitzt.

Es lebe der fröhlich-kuriose Programmmix: Mit der Ouvertüre zum "Zigeunerbaron" begannen die Philharmoniker schmissig und schüttelten den Silvesterkater ab, dann umgeigte Konzertmeister Tamás Füzesi (Ungar) die Sopranistin Maria Rosendorfsky (ungarische Mutter) zum Operettenlied "Hör' ich Cymbalklänge" aus Franz Lehárs "Zigeunerliebe" - und auf diese Paprikamischung folgte das "Alla marcia" aus der "Karelia-Suite" des Finnen Jean Sibelius. Ziemlicher Klimawechsel, aber Ungarn und Finnen sind bekanntlich durch die finno-ugrische Sprachfamilie verbunden.

Und einmal mehr setzte Timo Handschuh auch auf Filmmusik, er dirigierte Ausschnitte aus "Star Wars" von John Williams und ein Medley aus "Fluch der Karibik" von Klaus Badelt und Hans Zimmer, um bald darauf, in einem "hämoglobilen Programmteil", wie Moderator Matthias Kaiser süffig bemerkte, zwei Nummern aus der k.u.k.-Herrlichkeit des Johann Strauß (Sohn) aufzuführen: den Walzer "Wiener Blut" und die Schnellpolka "Leichtes Blut". Das musizierten die Philharmoniker am 1.1. auch nicht anämisch, sondern beschwingt. Und zur "Jockey-Polka" schnallte sich Schlagzeuger Edgar Braun das Hoppe-Hoppe-Spielzeugpferd um und knallte mit der Holzpeitsche.

Herausragende Solistin des Neujahrskonzert ist, wie schon 2014, Maria Rosendorfsky, die gebürtige Wienerin. Die Sopranistin erscheint bei fünf Auftritten in fünf verschiedenen Abendkleidern oder Kostümen und zeigt sich überhaupt bestaunenswert vielseitig: feurig-folkloristisch ("Zigeunerliebe"), lyrisch-innig (das "Morgen"-Lied von Richard Strauss) oder mit dem Glamour des Pop-Stars ("There You'll Be" aus dem Film "Pearl Harbor").

Dann wiederum spielt Maria Rosendorfsky Opernkabarett und lässt in Francis Poulencs Buffa "Die Brüste des Tiresias" als fregattenhafte Thérèse, die nicht mehr weibliche Gebärmaschine sein will und sich dem Drängen der Posaune (Tobias Rägle) erwehrt, die Luftballone aus ihrer üppigen Oberweite platzen. Wobei sie in der Zugabe dann wieder Luft holt fürs romantische "My Heart Will Go On".

Info Karten für die Neujahrskonzerte im Großen Haus gibt es im Prinzip nur noch für die Termine am 8. Januar (20 Uhr), 25. Januar (19 Uhr) und 8. Februar (11 Uhr).

Pausengespräch

Während die Stadtspitze um Oberbürgermeister Ivo Gönner an Neujahr auf dem Münsterplatz mit dem "Ulmer Weitblick" beschäftigt war und sang- und klanglos die Illuminierung des Münsterturms anschaltete, schaute und hörte man abends im Theater Ulm gewissermaßen auf die Probleme vor Ort: auf die kaputten Sitze im Großen Haus und die schlechte Akustik. Das war aber nicht nur ein Thema der Pausengespräche des Neujahrskonzerts. Generalmusikdirektor Timo Handschuh hielt vor Publikum eine sehr direkte Ansprache: "Wir wünschen uns 830 neue Stühle in diesem Raum!" Heftiger Applaus. Allerdings gehe es nicht allein um Sitzkomfort, sondern um eine Verbesserung der Akustik - nein, er korrigierte sich: "um eine Herstellung der Akustik" - von "0,0 Nachhallzeit" sprach Handschuh und appellierte: "Kämpfen Sie für ihre Philharmoniker und für Ihre Sitze!"

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