Gitarrenbauer: Weltklasse made in Jedesheim

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Jimi Hendrix ist schuld. So wollte der zwölfjährige Rainer Tausch aus Illertissen-Au auch Gitarre spielen. Aber dazu braucht man eine E-Gitarre. „Damals sind wir halt nicht zu Mama und Papa gelaufen, damit sie uns eine kaufen“, erzählt er.  Rainer baute sich eine, mit Nägeln als Bünden, die Tonabnehmer besorgte er sich im Vöhringer Musikgeschäft Rödder. Insgesamt drei Gitarren entstanden, bis es endlich zu einem industriell hergestellten Instrument aus Fernost reichte. Heute ist Rainer Tausch 48 und ein Gitarrist, der seinen Hendrix virtuos beherrscht. Er baut immer noch Gitarren – auf Weltklasse-Niveau: handgemacht in Jedesheim.

Tipps von Uli Teuffel

Spitzeninstrumente aus der Region? Da fällt einem sofort ein anderer Name ein: Uli Teuffel aus Holzschwang. Und in der Tat, Teuffel, der unter Gitarrenbauern als einer der innovativsten und renommiertesten gilt, ist nicht ganz unschuldig daran, dass der einige Jahre jüngere Tausch den Sprung in die Gitarrenbaubranche wagte. Denn nach der Fach­oberschule mit Fachrichtung Gestaltung in Augsburg, einem Praktikum bei einem Geigenbauer und einer Lehre als Schreiner arbeitete Tausch beim Holzschwanger Schreiner Tom Sauerbrey. Dessen Nachbar war Teuffel, bei dem sich Tausch so manchen Tipp holte.

1995 beschloss er, sich als Gitarrenbauer selbstständig zu machen. Doch anders als Teuffel, der die E-Gitarre regelrecht dekonstruiert hat, um sie nach seinen Vorstellungen wieder zu interpretieren, ja eigentlich fast schon spielbare Skulpturen erschafft, setzt Tausch seit einigen Jahren zumindest auf den ersten Blick auf an Klassiker angelehnte Modelle: Leo Fenders Telecaster und Les Pauls von Gibson.

Auch wenn Tauschs Gitarren ihren Vorbildern auf den ersten Blick ähneln, sind sie völlig eigenständige Instrumente. Das beginnt schon beim Holz: „Ich verarbeite am liebsten heimische Sorten wie Birne oder Nussbaum“, sagt Tausch. Nicht nur, um der derzeitigen Diskussion um Tropenhölzer zu entgehen. „Birne klingt auch besser“, sagt er, nimmt eine seiner 665er zur Hand und beweist es. Die hat nicht nur alles, was man sich von einer Telecaster wünscht, sondern von allem ein Schippe mehr. Und das gilt auch für die 659er, die an eine Les Paul erinnert.

Das charakterisiert Tauschs Gitarren gut: Sie sind tatsächlich etwas größer als ihre Vorbilder, haben längere Mensuren, leicht vergrößerte Korpusse, dafür sind sie innen hohl. Das spart Gewicht und gibt dem Klang eine akustisch perkussive Note. Das alles in Handarbeit und, je nach Kundenwunsch, mit teils speziell für Tausch entwickelten Tonabnehmern des Burladinger Pick-Up-Cracks Harry Häussel und weiteren feinen und damit teuren Bauteilen. Diese Instrumente kosten weniger, als man erwarten könnte: zwischen 3000 und 5000 Euro.

20 bis 30 Instrumente schafft Tausch pro Jahr, zu wenige, um damit die Musikgeschäfte flächendeckend zu beliefern. Das muss Tausch auch nicht mehr. Mittlerweile hat sich die Qualität der Instrumente aus Jedesheim herumgesprochen, seine Kundschaft findet Tausch aber auch auf Messen. Etwa der Holy Grail Show im Berliner Estrel-Hotel.

Spezielle Messen

Die wird von den European Guitar Builders organisiert und zeigt nur handgebaute Instrumente. Dieses Jahr war Tausch auf der Namm-Show in Los Angeles vertreten, die ein Gegenstück zur Musikmesse in Frankfurt ist, also ein Schaufenster der Musikinstrumentenindustrie und deren Großunternehmen. Dieses Jahr gab es dort erstmals eine spezielle Abteilung für Boutique-Gitarren. Dort schaute einer bei Rainer Tausch vorbei, der seit Jahrzehnten mit seinen Instrumenten das Qualitätsniveau im industriellen Gitarrenbau vorgibt: Paul Reed Smith. Er war begeistert von diesem Rainer Tausch und seinen Instrumenten, ließ sie sich genauestens erklären. Sein Urteil: ­great. Ein Ritterschlag für die Instrumente aus Jedesheim.

Der Beginn Gut 85 Jahre ist es her, dass die Gitarre elektrisch wurde. 1932 stellte die Firma Rickenbacker die Frying Pan vor, die erste in Serie produzierte elektrisch verstärkte Steel-Gitarre. 1950 folgte Leo Fenders Telecaster, 1952 das Les-Paul-Modell von Gibson.

Die Klassiker Die Frying Pan ist Geschichte, die beiden anderen Modelle werden heute noch hergestellt und  sind neben der Fender Stratocaster die Klassiker der E-Gitarre schlechthin.

Die Gegenwart Auch die Firmen Fender und Gibson existieren heute noch, bauen rund um den Globus täglich tausende Instrumente in allen Preisklassen, von der Stangenware aus chinesischen Fabriken bis zu feinen und teuren Kleinserien aus den so genannten Custom-Shops.

Die Schwemme E-Gitarren aus China werden im Internet schon für unter hundert Euro angeboten – vor allem von Händlern im Internet. Die Online-Riesen wie das fränkische Musikhaus Thomann haben sogar eigene Marken aufgelegt.

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