Geschenk fürs Publikum

Ballettchef Roberto Scafati lädt zur Premiere seiner Choreografie "Carmen" ins Große Haus. Den "Bolero" lasse er als Geschenk an die Fans nochmal tanzen, sagt der 49-Jährige - und erklärt, was noch ansteht.

CLAUDIA REICHERTER |

Sie wollten Chirurg werden, waren Soldat und wurden Balletttänzer. . .

ROBERTO SCAFATI: (lacht) Ja, das ist ungewöhnlich. In der Familie gab es keine Künstler, aber ich habe immer getanzt. In Rom in den 80er Jahren konnte man von Dienstag bis Sonntag in die Disco gehen und ich bin da nicht hin, um nach den Mädchen zu schauen, sondern um zu tanzen. Dass ich Profitänzer werden könnte, war eine Traumvorstellung. Ich dachte nicht, dass sie sich verwirklichen ließe. Erst mit 21 bin ich in die Ballettschule gegangen. Die Lehrerin war begeistert. Und ich hab alles gegeben. Als mir Nurejew einen Vertrag gab, war das wie in einem Märchen.

Was ist das Schönste für Sie in Ihrer aktuellen Position als Chef einer kleinen städtischen Tanzcompagnie?

SCAFATI: Jetzt gerade? Hmm, gute Frage. Zum einen, dass ich jetzt seit sechs Jahren hier Direktor bin, denn das ist genau die Zeit, die es braucht, um eine Compagnie zu bauen - und die Ulmer Compagnie hat eine sehr gute Qualität. Am Anfang sind da noch so viele Baustellen, jetzt habe ich die nötige Erfahrung, und die Kreativität fließt. Zum anderen, dass wir jetzt fest von Mark Dorfmüller und seinem Rehaplus-Team unterstützt werden. Das hilft enorm. Etwa, als sich Rustam Savrasov bei den Proben zu "Carmen" einen Finger brach. Zum dritten freue ich mich sehr, dass ich mit vier Schulen das Projekt "Chance To Dance" umsetzen kann. Da arbeite ich an drei Tagen die Woche mit 50 Zehn- bis 16-Jährigen, die sonst mit Tanz nichts zu tun haben.

Die Compagnie umfasst statt zwölf jetzt nur noch zehn Tänzer. Weshalb die Verschlankung, hat das finanzielle Gründe?

SCAFATI: Die Stadt finanzierte stets zehn Vollzeitstellen. Dass zeitweise zwölf Tänzer dabei waren, lag daran, dass ich zum Teil in Ansprache mit ihnen Verträge aufgesplittet habe. Denn wer keine Stelle hat, muss als Tänzer ja trotzdem jeden Tag trainieren, und in einer Ballettschule müssten arbeitslose Tänzer noch dafür bezahlen. So sind sie mit einer Praktikantenstelle immer noch besser dran als ohne Job. . .

Ist es schwer, für eine kleine Compagnie Nachwuchs zu werben?

SCAFATI: Ich bekomme jeden Tag an die fünf Blindbewerbungen und aufs letzte Vortanzen haben sich 500 Leute gemeldet.

Mit Lorenzo Angelini haben Sie einen hoch begabten Cranko-Schüler hergeholt, der auch gleich in der ersten Spielzeit beim Podiums-Ballettabend Junge Choreografen eine eigene Arbeit beisteuerte - langweilt sich solch ein Talent nicht in einer vergleichsweise provinziellen Stadt?

SCAFATI: Ich glaube, er fühlt sich hier wohl. Ich versuche mein Bestes zu geben, dass all diese talentierten Tänzer bleiben. Eine kleine Compagnie hat den Vorteil, dass man sich als Tänzer nicht als eine Nummer unter 100 anderen fühlt, dass man eher die Chance erhält, eine große Rolle zu tanzen - und selbst zu choreografieren. Mir ist es wichtig, dass wir eine Vielfalt an Choreografen im Team haben, damit sich das Publikum nicht langweilt.

Wie geht es Ihnen? Haben Sie nach mehr als 20 Jahren hier mal genug?

SCAFATI: Nein, weil Ulm bot mir ja immer wieder neue Erfahrungen. Ich bin nicht stehengeblieben. Klar, ich könnte mich weg bewerben und würde anderswo vielleicht mehr verdienen, aber was ich hier aufgebaut habe, ist mir wertvoll.

Überlegen Sie Ulm mit Intendant von Studnitz, dessen Vertrag 2018 ausläuft, zu verlassen?

SCAFATI: Das ist abhängig davon, was der neue Intendant will. Mir ist wichtig, dass ich geschätzt werde. Generell würde ich gern bleiben.

Warum jetzt erneut der "Bolero", den die Compagnie schon in der vergangenen Spielzeit tanzte - gehen Ihnen die Ideen aus?

SCAFATI: Eigentlich nicht. Der "Bolero" ist ein Geschenk ans Publikum, da er vergangenes Jahr bis zur letzten Aufführung ausverkauft war. Dazu hat mich diesmal Schtschedrins "Carmen" inspiriert. Ich finde das Arrangement fantastisch.

Was steht diese Saison sonst noch auf dem Programm?

SCAFATI: Ich freue mich sehr, dass es mit der Beteiligung des Theaters Ulm am zweiten Tanzfestival "Ulm Moves!" klappt - trotz der Proben für die "West Side Story". Wir gestalten einen Abend im Großen Haus zusammen mit Domenico Strazzeri von Stradodanza und für den Gala-Abend kommt ein super Gastspiel nach Ulm. Außerdem bereiten wir derzeit die Tanzszenen zu "Die Bakchen" vor. Die Choreografie macht Compagniemitglied Yuka Kawazu.

Heute Premiere: "Carmen" und "Bolero"

Zur Person Roberto Scafati wurde am 29. Oktober 1965 in Rom geboren und begann dort mit 21 Jahren die Ausbildung zum Tänzer. Nach dem Studium bei Rosella Hightower in Cannes kehrte er für erste Engagements unter Rudolf Nurejew nach Italien - ans Teatro San Carlo in Neapel und ans Teatro dell'Opera in Rom - zurück. 1994 kam er als Solotänzer ans Ulmer Theater, wo er bis zu seinem 38. Lebensjahr tanzte. 2004 wurde der Vater einer zweieinhalbjährigen Tochter Assistent, Trainingsleiter und Ballettmeister, im Januar 2009 Ballettdirektor.

Zum Ballettabend Heute, 20 Uhr, wird im Großen Haus des Theaters Scafatis Choreografie "Carmen" uraufgeführt. Darauf folgt die Wiederaufnahme seiner Choreografie auf Maurice Ravels "Bolero" aus der Spielzeit 2013/14. Beide Stücke begleitet das Philharmonische Orchester des Theaters unter der Leitung von Daniel Montané. Bühne und Kostüme gestaltete Marianne Hollenstein.

Zum neuen Stück Die Protagonistin, die Soldaten, Neiderinnen und der Tod tanzen hier die Geschichte der begehrten Carmen auf die Musik Rodion Konstantinowitsch Schtschedrins, der sie 1967 basierend auf Bizets Oper fürs Bolschoi schrieb. Dazu kommen zwei Stücke von Arvo Pärt.

Es tanzen Ceren Yavan-Wagner (Carmen), Damien Nazabal (Don José), Pablo Sansalvador (Tod), Giulia Insinna, Yuka Kawazu, Juliane Nawo, Fabienne Schärer, Lorenzo Angelini, Yuhao Guo, Christof Schedler und (zur Premiere verletzungsbedingt noch nicht) Rustam Savrasov.

Dauer Eine Stunde und 50 Minuten (mit Pause).

 

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