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Freie Künstlergruppe Ulm/Neu-Ulm stellt in der Caponniere 4 aus

Vor einigen Jahren sollte sie noch abgerissen werden, doch die Neu-Ulmer Caponniere 4 hat sich zum kulturellen Treffpunkt gemausert. Die laufende Ausstellung entführt in die historischen Katakomben.

KERSTIN SCHELLHORN |

Die Bilder zucken vorbei, stakkatoartig und wild. Blitze, die einen wolkenverhangenen Himmel durchbrechen, sind darauf ebenso zu sehen wie gewöhnliche Menschen, die über eine Straße gehen. Dazu spielt elektronische Musik, die in den dunklen Gängen der Caponniere 4 widerhallt. Der Stop-Motion-Film "Jam Session" von Carina Wachsmann war im vergangenen Jahr bei der Triennale Ulmer Kunst zu sehen und hatte dort den zweiten Publikumspreis gewonnen. Vier Jahre lang hatte die in Rom lebende Künstlerin alle möglichen Ereignisse von ihrer Terrasse aus aufgenommen und schließlich zu einem Kunstwerk verwoben.

Hans Liebl und Eduard Hollmann von der freien Künstlergruppe Ulm/Neu-Ulm konnten Wachsmann neben 19 weiteren Künstlern für die Ausstellung "Kunst in der Caponniere 4" gewinnen, die noch bis 14. September in der historischen Festungsanlage zu sehen ist. "Wir wollten eine lebendige Ausstellung machen, die ohne die übliche Selbstbeweihräucherung der Kunstschaffenden auskommt", sagt Hans Liebl, der selbst seine "Klassikerschau" beigesteuert hat: Eine Bilderserie im Comic-Stil, die Klassiker der Kunstgeschichte zitiert und sie humoristisch überzeichnet. In Edvard Munchs "Schrei" etwa steht eine weitere Person, eine Frau, die ruft: "Jetzt halt doch endlich die Klappe." Man darf nicht immer alles so ernst nehmen, meint Liebl und freut sich, wenn die Besucher lachen.

Dass ein derartiger Kunstbetrieb in den Katakomben der historischen Festungsanlage heute möglich ist, ist nicht selbstverständlich. Nachdem die Caponniere 1993 wiederentdeckt worden war, sollte sie aufgrund ihres desolaten Zustands abgerissen werden. Untersuchungen des Vereins "Förderkreis Bundesfestung Ulm" ergaben jedoch, dass die Gewölbe und die in der Erde liegenden Mauern in einem weit besseren Zustand waren als ursprünglich angenommen. "Es ist unserem Verein zu verdanken, dass es die Anlage überhaupt noch gibt", sagt Gabriel Hartlieb, der heute die Führungen organisiert.

2005 beschloss der Neu-Ulmer Stadtrat schließlich, 1,8 Millionen Euro in die Hand zu nehmen und die Caponniere 4 soweit zu sanieren, dass sie auf Dauer erhalten bleiben kann. Das Zünglein an der Waage war die für 2008 geplante Landesgartenschau gewesen, in deren Konzept die Festungsanlage eingebunden wurde.

Mareike Kuch, Leiterin des Sachgebiets Vereine, Sport, Kultur bei der Stadt Neu-Ulm, hatte damals das Programm für die Caponniere organisiert. "Die Jazz-Matineen auf dem Sonnendach sind gut angekommen, und da habe ich gesagt, ich möchte das weitermachen." Und so kam es dann auch. Nachdem die Anlage nach ihrer Erbauung im 19. Jahrhundert militärisch bald ausgedient hatte, bekam sie ein zweites, künstlerisches Leben geschenkt. Inzwischen finden rund zehn Veranstaltungen pro Jahr statt. Lesungen, Jazz-Matineen und eben auch Ausstellungen wie die der freien Künstlergruppe Ulm/Neu-Ulm.

Allerdings soll es auch bei dieser kleinen Veranstaltungsreihe bleiben. "Unser Budget reicht für mehr nicht aus", sagt Kuch. Häufiger Konzerte zu veranstalten sei mit Rücksicht auf die Anwohner ohnehin nicht drin. "Aber es wäre klasse, wenn wir mehr Ausstellungen in die Caponniere bringen könnten."

Maler Hans Liebl war es wichtig, vor allem auch Werke junger Künstler zu zeigen. So zum Beispiel die computergenerierten Bilder von Thomas Hajdu: schwarz-weiße Drucke im 80er-Jahre-Stil mit vereinzelten, dafür aber umso grelleren Neon-Farbtupfern. Eine lebendige Ausstellung sollte es werden, und das ist den Organisatoren Hollmann und Liebl gelungen.

Dazu tragen auch Workshops und Aktionen bei, die begleitend zur Ausstellung stattfinden. Freitags können Besucher Porträts von sich zeichnen lassen, samstags filzt Künstlerin Renate Zugmaier mit künstlerisch Interessierten, und Eduard Hollmann zeigt verschiedene Maltechniken. Und er meint es ernst, wenn er sagt: "Meine Bilder und Installationen darf man anfassen und auch abhängen, wenn man will."

So gehts zur Ausstellung "Kunst in der Caponniere 4"

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