Flüchten oder standhalten
Die neue Ausstellung des Edwin-Scharff-Museums Neu-Ulm vermittelt viel Information über Künstlerschicksale in der Nazi-Zeit. Dabei kann man naturgemäß die Qualität von Größen der Moderne genießen.
Bei Edwin Scharff war es so gewesen: Der Bildhauer lehrte als Kunstprofessor in Berlin, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Gleich im April 1933 wurde er zwangsbeurlaubt wegen politischer Betätigung in der angeblich kommunistischen Münchner Räterepublik. Und weil seine Frau Helene Ritscher, eine Schauspielerin ungarisch-jüdischer Herkunft, keinen "Ariernachweis" besaß. Unverzüglich trat Scharff in die NSDAP ein; er dachte, seine Frau durch dieses Zugeständnis schützen zu können. Tatsächlich ließ man ihn zunächst weiterarbeiten, allerdings zwangsversetzt in Düsseldorf. 1936 bekam er sogar einen öffentlichen Auftrag, aber 1937 waren 48 seiner Werke eben doch in der "Kunstsäuberungsaktion" der Nazis, drei davon in der Ausstellung "Entartete Kunst" dabei. 1939 wurde Scharff, 52-jährig, in den Ruhestand geschickt, 1940 folgte das absolute Arbeitsverbot.
Durch den zeitlichen Schwerpunkt des Scharff gewidmeten Museums am Neu-Ulmer Petrusplatz spielt dort in den Ausstellungen die Künstlerverfolgung während der Nazi-Diktatur in Deutschland immer wieder grundsätzlich herein. "Undeutsch", "artfremd", "entartet" war zwischen 1933 und 1945 alles Abstrakte, waren Expressionisten, Surrealisten, Kubisten, waren die Bauhäusler und sowieso die Arbeiten von allen Künstlern jüdischer Herkunft oder kommunistischer Gesinnung. Die ganze Avantgarde wurde diffamiert und verfolgt, 20 000 Kunstwerke von 1400 Künstlern entfernten die NS-Kommissionen 1937 in einer beispiellosen Aktion aus 100 Museen. Wirre, irre, kriterienlose Vorgänge, eigentlich mag man es gar nicht mehr hören - wenn nicht die Folgen für zahlreiche hervorragende Künstler gravierend gewesen wären. Und so geht es jetzt im Edwin-Scharff-Museum einmal ums Spezielle des Themas: um die Schicksale von Künstlern im nationalsozialistischen Bildersturm. Und natürlich um gute Kunst.
Flüchten, standhalten, ausweichen, die Reaktionen auf die Bedrohung waren ganz unterschiedlich. Auch das arbeitet Museumsleiterin Helga Gutbrod in ihrer Ausstellung heraus, in der sie 90 Bilder, Grafiken und Skulpturen von 65 Künstlern zusammengeführt hat, der Großteil der Werke ist aus der Sammlung des Willy-Brandt-Hauses in Berlin nach Neu-Ulm gekommen. Besonderes Gewicht liegt bei solch biografischem Ansatz auf Vermittlung, auf Information. Ausführliche Textfahnen hängen im Entrée und in den Räumen, die Geschichte jedes einzelnen Künstlers kann der Besucher nachlesen. Diese Blätter stecken zum Herausholen in einer Box - damit die Kunst vor lauter Information nicht noch unter geht.
Ein Schlaglicht wird eingangs auf Ulm/Neu-Ulm geworfen. Karl Hofers Gemälde "Die Trunkene" steht für die Opfer der nationalsozialistischen "Säuberungsaktion" in der Sammlung des Ulmer Museums, Edwin Scharffs Büste des 1933 abgesetzten Ulmer Oberbürgermeisters Emil Schwamberger für die Schikanen an diesen beiden lokalen Größen. Max Beckmann, Lyonel Feininger, Max Ernst, John Heartfield, berühmte Namen sind dann mit eindrücklichen Blättern anzutreffen, alle vier verließen Deutschland wegen der Repressalien und gingen ins Exil. Otto Dix, George Grosz, Conrad Felixmüller, es geht mit der Prominenz grad so weiter, wenn speziell gesellschaftskritische und politisch kämpferische Künstler gezeigt werden, denen die Nazis mehr oder weniger das Leben verdarben.
Wichtig sind im Konzept dieser Ausstellung aber auch die Künstler, die durch den erzwungenen Bruch in ihrem Schaffen in Vergessenheit gerieten - oder weil sie von den Nazis umgebracht wurden wie Otto Freundlich, Fritz Schulze und Elfriede Lohse-Wächtler. Starke malerische Kräfte sind bei diesen Dreien zu entdecken. Überhaupt sollte man sich immer wieder von dem bedrückenden Hintergrund losmachen und dann einfach die Kunst genießen, die üppigen Frauen Paul Kleinschmidts zum Beispiel oder die gefühlige Käthe Kollwitz. Bei ihr befinden wir uns in der Abteilung "Innere Emigration", wo auch zwei Selbstbildnisse hängen, in denen fast erschreckend stark die Erschöpfung zum Ausdruck kommt, die das Leben unter der Willkür und dem Terror der Nazis hinterlassen hat. Es sind die Gesichter von Wilhelm Geyer und von Edwin Scharff.
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Autor: PETRA KOLLROS | 03.09.2010
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Farbsatt und sinnlich ist die Malerei Paul Kleinschmidts, der seit 1933 als "entarteter" Künstler galt und damals in Ulm lebte ("In der Hängematte", 1928). Der Karikaturist Karl Holtz, dessen Blatt "Aus einer völkischen Rede" (1930) in der Ausstellung zu sehen ist, bekam von den Nationalsozialisten sofort Berufsverbot. Museumsfotos
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