Fehler nicht wiederholen

Ulm.  Die Idee war gut, der Verlauf noch besser. Die CDU hatte für Samstagvormittag unter die Arkaden des Stadthauses zur Debatte über Stuttgart 21 geladen - und viele Passanten blieben stehen.

Kämpferisch wie selten hat die Ulmer CDU am Samstag öffentlich für das Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Neubaustrecke über die Schwäbische Alb geworben. "Als Ulmer kann man nur dafür sein", sagte Stadtverbandsvorsitzender Thomas Kienle, der Vertreter aller Parteien zum Diskurs geladen hatte. Die Partei hatte sich etwas überlegt und unter den Arkaden des Stadthauses Mikrofone aufgebaut, um direkt die Passanten miteinzubeziehen. Die Rechnung ging auf, zeitweise verfolgten die hitzig geführte Debatte bis zu 80 Zuhörer.

Thomas Kienle (CDU), Martin Rivoir (SPD), Frank Berger (FDP) und Gerhard Bühler (FWG) sprachen sich für das Projekt aus, Michael Youkov (Grüne) und Uwe Peiker (Linke) dagegen. Gerade Bühler erinnerte dabei an die ersten Pläne für die Schnellbahnstrecke aus dem Jahr 1980, als die Bahn von Beimerstetten aus direkt nach Günzburg und damit an Ulm vorbei fahren wollte. In vielen Diskussionen sei es gelungen, dass der ICE-Halt in der Stadt bleibe, da könne man jetzt nicht "rumdiskutieren, sonst verlieren wir wieder alles".

Alternativlos ist die Strecke auch für Kienle von der CDU. Allein der Landtag habe sich in 150 Sitzungen mit dem Projekt befasst, 21 Ingenieurbüros arbeiteten seit Jahren an den Plänen, da könne man jetzt nicht so tun, als seien das alles "Hobbybastler, die eine Faller-Miniaturlandschaft gestalten". In erstaunlicher Offenheit räumte er ein, dass der CDU-Protest gegen den vor Jahren in Ulm geplanten Straßenbahnausbau falsch gewesen sein. "Das war ein Fehler, den sollten Sie jetzt mit der Eisenbahn nicht wiederholen", rief er den Grünen zu. Ähnlich wie in Stuttgart eröffne das Vorhaben auch in Ulm die große Chance, das ganze Bahnhofsviertel mit den umliegenden Arealen Dichter-, Theater- und Sedelhofviertel neu zu planen. Kienle: "Das ist ein Projekt der Zukunft."

Ganz ähnlich argumentiert Martin Rivoir von der SPD, der den Grünen vorwirft, den Protest aus wahltaktischen Gründen anzustacheln. Die von den Gegnern vorgebrachten Alternativen hält er allesamt für unrealistisch, sowohl inhaltlich als auch formal. Ein Umdenken vergeude nur unnötig Zeit. "Wir können jetzt bauen und sollten nicht noch einmal 20 Jahre mit Neuplanungen vertun", sagte Rivoir.

Bauen, und zwar so oder gar nicht, will Frank Berger von der FDP. Die Trasse sei 1988 festgelegt worden, da könne man 22 Jahre später erwarten, dass endlich gebaut werde. Aus seiner Sicht ist das Vorhaben verkehrspolitisch sinnvoll und finanzierbar. Über die Kostensteigerung wolle die FDP erst sprechen, "wenn es so weit ist". Er sieht darin auch ein grünes Projekt. Weil die Bahn gerade für Geschäftsreisende attraktiver werde, würden weniger Autos fahren.

Gerade diese verkehrliche Sinnhaftigkeit bezweifeln die Grünen; sie halten auch den baldigen Baubeginn für unrealistisch, weil es für drei Teilstrecken wie Albauf- und Albabstieg noch gar keine Planfeststellungsbeschlüsse gebe, sagte Michael Youkov. Er nannte den Tiefbahnhof in Stuttgart überflüssig und für die Schnellstrecke nach Ulm für unnötig. Im Übrigen glaubt er nicht an eine schnelle Umsetzung der Bauarbeiten; wegen der immensen Kosten müssten sie auf 20 Jahre gestreckt werden.

Uwe Peiker von den Linken bezweifelt, dass der neue Bahnhof in Stuttgart mit nur noch acht Gleisen überhaupt leistungsfähig genug sei, um neben den Schnellzügen auch langsamere Regionalzüge aufzunehmen. Peiker: "Die Bahn muss aber konkurrenzfähig zum Auto sein - gerade auch in der Fläche."


Kommentare (2)

11.10.2010 13:18 Uhr |   TRG

Mutig

Es war mutig zuzugeben, dass man in der Vergangenheit einen Fehler gemacht hat, indem man gegen die Straßenbahnpläne war. Respekt.

Jeder Laie glaubt nun, die Kapazität von Bahnhöfen anhand der Anzahl der Gleise abschätzen zu können. Dabei hängt die Kapazität von so vielen Faktoren ab und nicht zuletzt vom Betriebskonzept.
Kapazitätsengpässe sind aber zuallerst anderswo zu befürchten. Und dort (im Bereich zwischen Wendlingen, Flughafen und Rohr) sollte die S21-Planung auch noch verbessert werden.
11.10.2010 07:37 Uhr |   Beobachter1

'Zuviel Nutte in der Politik' ...

'Zuviel Nutte in der Politik' (Zitat von Luc Jochimsen, Bundespräsidenten-Kanditatin der Linken).

Sowohl die Grünen (das sind die, die Hartz IV mitentwickelt haben!), als auch 'Die Linke' wirken sehr heuchlerisch.
Lassen das Projekt demokratisch legalisieren und hetzen jetzt dagegen.

Vor allem die Baumschutz-Scheinheiligkeit ist auffällig. Die wären auch für ein paar Mrd. Euro weniger 'verschwunden'.

Die Linke gab's damals noch nicht.
Sehr wohl gab's aber den Ulrich Maurer (Stuttgart 21-Hetzer Nummer 1). Der ist aktuell 'ganz oben' bei der Linken.
Hatte aber damals alles geschehen lassen und erst Mitte 2005 'brandeilig' mal sein Fähnchen in einen neuen, aufkommenden Wind gehängt.

Übrigens - als Rechtsanwalt mit Kanzlei in Stuttgart, als SPD-Führer in BW, ... das Projekt demokratisch legalisieren lassen und seit ca. einem Jahr hetzen - das ist Un-Sozial.
Auch zu spät.

Aber kompetente Rechtsanwälte, die damals wichtigeres zu tun hatten, soll's aber auch bei den Grünen geben.

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

Sie können noch Zeichen als Text schreiben
Für registrierte Nutzer
Bitte anmelden, um Ihren Kommentar abzuschicken
Für noch nicht registrierte Nutzer
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.








Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:


Autor: HANS-ULI MAYER | 11.10.2010

Google 1+

VCD: Kein Geld für Züge wegen Stuttgart 21

Landkreis Der Verkehrsclub Deutschland VCD kritisiert, dass Gelder für die Regionalisierung des Bahnverkehrs nicht für besserr Zugverbindungen genutzt werden.... mehr

S 21: Abrissteil stürzt auf Frau

Stuttgart Bei den Abbrucharbeiten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 am Südflügel des Hauptbahnhofs ist am Samstag eine Passantin von einem Abrissbrocken getroffen worden.... mehr

Bahn: S 21 geht erst Ende 2020 in Betrieb

Stuttgart Laut Bahn-Vorstand Volker Kefer verzögert sich der Start von Stuttgart 21 um ein Jahr. Um die Mehrkosten aus der Schlichtung wird weiter gefeilscht.... mehr

Bahn vergibt S-21-Aufträge für 800 Millionen

Stuttgart Der Polizeieinsatz zur Räumung des Mittleren Schlossgartens in Stuttgart im Februar kostet das Land nach vorläufigen Berechnungen 7,7 Millionen Euro. Den größten Posten machten mit 6,2 Millionen die Personalkosten aus, wie das Innenministerium gestern mitteilte.... mehr

Was übrig bleibt

Stuttgart Matthias B. und Nina Picasso haben gegen Stuttgart 21 gekämpft. Während er nach dem Volksentscheid den Protest einstellt, denkt sie nicht ans Aufhören. Eine Geschichte über den Umgang mit Niederlagen.... mehr

Bahn will Aufträge für Tiefbahnhof bis Ende März vergeben

Stuttgart Nach mehrmonatiger Verzögerung will die Bahn alle ausstehenden Aufträge für den Bau des umstrittenen Tiefbahnhofs Stuttgart 21 bis Ende März vergeben.... mehr

Transporter rast mit hohem Tempo auf Wohnmobil

Langenau Noch unklar ist die Ursache für einen schweren Auffahrunfall am Donnerstag auf der Autobahn 7 bei Langenau, bei dem ein Transporter mit extrem hohem Tempo auf ein Wohnmobil auffuhr. Drei Menschen wurden dabei schwer verletzt, eine Katze wird vermisst.... mehr
Schwerer Unfall bei Brenz

Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz

Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr

Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um

Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr

Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters

Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr

Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam

Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

Feuer bei Firma Knittel in Vöhringen

Vöhringen In dem Abfallentsorgungsbetrieb Knittel in Vöhringen ist am Donnerstag ein Großbrand ausgebrochen. Plastikmüll und Altpapier standen in Flammen.... mehr