Extra-Steuer auf Killerspiele

Ulm.  Analog zur Öko-Steuer muss Deutschland eine Steuer für Computer-Gewaltspiele einführen, fordert Hirnforscher Manfred Spitzer. Sein Aufruf war Auftakt einer Kampagne des Frankfurter Zukunftsrats.

Der Mensch ist besser als sein Ruf. Er neigt, das belegen neuere wissenschaftliche Studien, von Natur aus nicht zu Gewalt und hat eine Tötungshemmung, sagt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Aber man kann Menschen vieles an- respektive abtrainieren: auch Skrupel. Die US-Armee habe das Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erfolgreich bewerkstelligt: Mit von Militärexperten entwickelten Video-Killerspielen habe man dort Soldaten die Hemmung zu töten genommen oder ihre Gewaltbereitschaft zumindest erheblich gesteigert.

Diese Army-Spiele sind die Vorläufer jener gewalthaltigen Computerspiele, die heute massenhaft in deutschen Haushalten genutzt werden. Allein das Spiel "Counter-Strike" wurde von der Spieleindustrie nach Angaben des Internet-Lexikons Wikipedia zwischen 2000 und 2008 international rund 4,2 Millionen mal in der Windows-Version verkauft; nicht eingerechnet sind die 9,3 Millionen verkauften Exemplare von "Half-Life", auf denen Counter-Strike kostenlos installierbar ist.

Für Spitzer ist das schlicht "Wahnsinn". Das häufig von Spielebefürwortern oder Laisser-faire-Pädagogen angeführte Argument, Gewaltspiele seien ein Ventil und machten höchstens jene Menschen aggressiv, die ohnehin schon gewaltbereit seien, lässt er nicht gelten. Es sei durch zig Studien wissenschaftlich nachgewiesen, dass "Tötungstrainingssoftware" schädliche Auswirkungen für alle Konsumenten habe. "Ob Jungen, Mädchen, Erwachsene, Unter- oder Mittelschicht: Jeder wird dadurch gewaltbereiter."

Um diesem Missstand Einhalt zu gebieten, fordert Spitzer die Einführung einer Steuer auf Gewalt-Computerspiele. "Dies wäre, ähnlich wie die Öko-Steuer, ein wirksames Korrektiv", sagte er gestern anlässlich einer Tagung des Frankfurter Zukunftsrates in Ulm (siehe Info-Box). Den eigentlichen Skandal sieht er darin, dass die Politik, obwohl sie um die Schädlichkeit solcher Spiele wisse, bislang nicht bereit sei, etwas dagegen zu unternehmen. Das liege vor allem an der Lobbyarbeit der Spieleindustrie, die mittlerweile sogar Lehrstühle mit Medienpädagogen finanziere, damit diese gegenteilige Behauptungen aufstellten.

Der Frankfurter Zukunftsrat will mit seinem Aufruf einen Anstoß zu einem gesellschaftlichen Bewusstseinswandel geben, damit "von unten" Druck auf die Politik ausgeübt wird. Bis entsprechende Gesetzesinitiativen mehrheitsfähig würden, werde gleichwohl noch einige Zeit vergehen, prognostiziert Vorstandsmitglied Manfred Pohl.


Kommentare (5)

16.06.2010 20:55 Uhr |   Berti

Steuer auf Killerspiele

Na da gelingt den Steuerempfängern wieder ein Supercoup!!
Steuern auf Killerpiele erheben und schon lassen alle Kinder, Jugendliche und Spielsüchtige die Finger von solchen Spielen. Es gibt nur eine Nation, die das glaubt: mit dem deutschen Michel kann man echt alles machen...
16.06.2010 16:28 Uhr |   MattS

Studien nur von Befürwortern?

Ich möchte in Bezug auf dieses Thema einmal eine recht aktuellen Artikel und Studie des renommierten US-Amerikanischen Magazins "Review of General Psychology" hinweisen. Sie hat den Auftrag für eine Studie gegeben, die sich mit dem besagten Thema beschäftigt. Es handelt sich hierbei um einen seriöses Magazin, dass sich nicht NUR mit der Wirkung sondern mit den Ursachen und dem Verlauf beschäftigt. Die Studie "Vulnerability to Violent Video Games: A Review and Integration of Personality Research" von Patrick M.(Vanilla University) und Charlotte N. Markey (Rutger University) setzt sich mit den Ursachen und Effekten von Unterhaltungssoftware auseinander und stellt nicht nur negative sondern auch positive Wirkungen vor. Ich empfinde es als unprofessionell Lobbyarbeit in der Politik zu unterstellen und Gegenstudien als pures Produkt von Befürwortern als Argument auszuschließen. Was ist an sowas bitte seriös und neutral?

Quelle: http://www.apa.org/pubs/journals/releases/gpr-14-2-82.pdf
17.06.2010 02:03 Uhr |   unbekannt

Diese Blättchen steht ganz in der Tradition...

des Axel Springer Verlages. Dichtkunst und Schöpfung neuer Tatsachen lassen sich eben vermeintlich besser, aber vorallem schneller, verfassen als mühsame Recherchearbeit. Hier zählt für die, wahrscheinlich extern, Angestellten nur der 'Output' und somit 'Input' auf das Konto die primäre Rolle.

DIe Studie ist auf meinen ersten Blick hin aussgezeichnet angefertigt worden. Nur die Zusammenfassung habe ich zusammenhängend gelesen, weshalb ich mal vermute, dass die positiven Auswirkungen von 'VVGs' eher nebensächlich und somit höchstens sekundär, wenn nicht gar tertiär beachtet werden sollten. Bleibt nur damit zu schließen: It appears that the vast majority of individuals exposed to VVGs do not become violent in the “real world.” (Anmerkung des Kommentators: Vast majority bedeutet demnach soviel wie die überwältigende/riesengroße/enorme Mehrheit.)

P.S. Hier auch noch eine Wiedergabe des Niveaus dieses Blättchens: http://www.swp.de/gaildorf/nachrichten/suedwestumschau/art1158742,472389,

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Autor: CHRISTOPH MAYER | 16.06.2010

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