Erstaunt über Stillstand in Haiti

Neu-Ulm/Port-au-Prince.  Walter Backeler hat bei seinem THW-Auslandseinsatz in Haiti noch keine Spur von Neuaufbau gesehen. Die Schäden des Erdbebens sind allgegenwärtig. Backeler half dabei, in Camps das Regenwasser abzuleiten.

Gut sieben Monate ist das schwere Erdbeben in Haiti jetzt her, das vor allem in der Hauptstadt Port-au-Prince Tausende von Menschen unter den einstürzenden Häusern begrub. In der Vier-Millionen-Stadt kamen mehr als 200 000 Einwohner ums Leben, 1,5 Millionen wurden obdachlos. Die meisten dieser 1,5 Millionen Haitianer leben heute noch in großen Camps. Wobei Camp viel zu sehr nach Ordnung und Zivilisation klingt. "Die Haitianer haben ein paar Holzpflöcke in den Boden gerammt und Planen drübergezogen, es gibt kein fließend Wasser und Hauptstromleitungen werden beliebig angezapft", beschreibt Walter Backeler die Situation in den Notunterkünften.

Vor ein paar Tagen ist der Zugführer des Technischen Hilfswerks (THW), Ortsgruppe Neu-Ulm, von seinem fünfwöchigen Auslandseinsatz in Port-au-Prince zurückgekehrt. Unter seiner Anleitung wurde in zwei Camps das Abwasser in Drainagegräben geleitet. Denn: In einem Zeltlager der Größe von anderthalb Fußballfeldern leben rund 6000 Menschen. Jetzt in der Regenzeit schüttet es jeden Abend etwa eine Stunde lang. Da Port-au-Prince von Hängen umgeben ist, suchte sich das Regenwasser samt dem Abwasser der Lagerbewohner, dem Kot der herumlaufenden Schweine und Ziegen und samt dem vielen Müll bisher seine eigenen Wege durch die kreuz und quer aufgebauten Zelte. "So schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt", sagt Backeler. Der 44-Jährige ist seit 15 Jahren ehrenamtlich beim THW engagiert und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Biberach bei Roggenburg. Der gelernte Schreiner arbeitet in einer führenden Position bei der Weißenhorner Firma Peri, dem bekannten Hersteller von Schalungen und Gerüsten.

Backeler ist nicht nur Zugführer beim THW, sondern nennt sich auch Spezialist für die Errichtung und den Betrieb von Notunterkünften. Mit dieser Qualifikation steht sein Name in einer bundesweiten Expertendatenbank. Kurz nach seinem Pfingsturlaub kam die Anfrage, ob er nach Haiti fliegen könne. Er konnte. Der Impfschutz muss ohnehin immer aufgefrischt sein, der Arbeitgeber stellte ihn frei, die Familie willigte ein "und mich bewegte das Leid der Menschen in Haiti" (Backeler). In zwei Lehrgängen erfuhr er noch schnell, "was in Haiti gerade los ist" .

Seit Mai managt das Technische Hilfswerk dort ein von der Europäischen Kommission finanziertes Projekt, um gemeinsam mit dem haitianischen Zivilschutz die Infrastruktur in den Notunterkünften zu verbessern. Wie schon seine Vorgänger hatte auch Backeler die Aufgabe, täglich durch die Camps zu laufen und einheimische Vorarbeiter anzuweisen, wo und wie sie mittels Sandsäcken kleine Dämme bauen sollen. So wurden die Zeltplätze entwässert, das Dusch- und Toilettenwasser umgeleitet und dann trockengelegte Wege zwischen den Zelten gekiest. Das alles bei 40 Grad Hitze, 75 Prozent Lufttemperatur und stinkendem Müll, der nur vom Abwasserstrom "entsorgt" wird.

Als Hilfskräfte wurden überwiegend Frauen eingestellt, die die Sandsäcke abgefüllt und auf dem Kopf zur Baustelle getragen haben. "Die Männer waren außerhalb der Lager in ihren eingestürzten Häusern damit beschäftigt, von Hand den Stahl aus dem Beton zu klopfen und zu verkaufen", erklärt Backeler.

Der erfahrene Familienvater freundete sich rasch mit den Kindern an und baute so geschickt das anfängliche Misstrauen der Lagerbewohner ab. Er selbst wohnte in den vier Wochen mit anderen THW-Helfern in einem stabilen, vom Erdbeben verschont gebliebenen und bewachten Haus. An den Wochenenden bekam der Roggenburger - "das war gut für die Psyche" - sogar noch ein paar schöne Ecken von Haiti zu sehen: beim Besuch in einer Privatvilla sowie am traumhaften Karibikstrand.

Wann geht es mit Haiti wieder aufwärts? Die Unterkünfte der Armen müssten noch mindestens zehn Jahre halten, schätzt Backeler. Wenn sein Arbeitgeber mitmacht, will der überzeugte THWler im Januar wieder dorthin.


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Autor: CAROLIN STÜWE | 21.08.2010

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