Erlebenswert: Oper "Peter Grimes" von Benjamin Britten am Theater Ulm

Eine mitreißende Oper aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, aber leider zu selten auf dem Spielplan: Das Theater Ulm zeigt endlich mal Benjamin Brittens leidenschaftsvolles Drama "Peter Grimes".

JÜRGEN KANOLD |

"Wer sich abseits stellt, der wird vernichtet", weiß Peter Grimes, der angstvolle, getriebene Fischer. Er hat auf dem Meer seinen Schiffsjungen verloren und muss sich vor Gericht verantworten - war es ein Unfall, war es Mord? Grimes wird freigesprochen, obwohl das ganze Dorf ihn kollektiv verachtet und gegen ihn hetzt. Und dann stirbt später auch noch ein zweiter Junge . . .

Dieser vom großen Fang so besessene Fischer wird zum Verbrecher abgestempelt und dadurch zerstört - so hat der Tenor Peter Pears, der Lebensgefährte des Komponisten Benjamin Britten, die tragische Geschichte zusammengefasst: "Grimes ist weder Held noch Opernschurke. Er hat vieles gemein mit einem gewöhnlichen, schwachen Menschen, der mit der Gesellschaft, in der er lebt, nicht zurechtkommt." Und das alles, so meinte Pears, der 1945 in London die Titelpartie in der Uraufführung von "Peter Grimes" sang, zeige die Musik "ganz eindeutig".

Tatsächlich sind in dieser Charakterstudie über das Anders-Sein alle Emotionen zu hören. Naturhafte See-Stücke komponierte Britten, aber eigentlich expressive Seelen-Stücke fürs Orchester. Britten (1913-1976) selbst war ein Außenseiter, der sich im 20. Jahrhundert noch den Schönklang traute und auch fürs aufwühlende Drama die tonalen Grenzen nur auslotete, als revolutionäre Kollegen das musikalische Material reiner Gedankenarbeit unterwarfen. "Das Einzige, was zählt, ist, dass ein Komponist seine Musik so klingen lassen sollte, dass sie zwangsläufig und richtig erscheint, das System ist unwichtig", sagte der Engländer einmal.

Es geht um eine packende Geschichte: Oft klingt das, als ob Giacomo Puccini an einem nebligen Tag der 1940er Jahre an der Ostküste Englands wiederauferstanden wäre. Verismo, nur britischer, wetterumtost, mit weniger Sonnenlicht und anglikanisch. Und natürlich kannte der junge Britten auch die Größen der Moderne: Wenn Grimes am Ende den Tod auf dem Meer sucht, erinnert die Wellenschlagsmusik doch sehr an Alban Bergs "Wozzeck".

Also, das muss man erleben. Man darf dem Theater Ulm nur dankbar sein, dass es diese auf jeden Fall bedeutendste Oper eines britischen Komponisten auf den Spielplan setzte. Daniel Montané und den Philharmonikern gelang in der Premiere aber auch eine wirkungsvolle Aufführung, so kraftvoll, rhythmisch sicher wie lyrisch fein ausbalanciert. Die "Sea Interludes" (Zwischenspiele) in "Peter Grimes", in Ulm bebildert bei heruntergelassenem Vorhang mit einer Fischschwarm-Projektion, versteht Montané als natursinfonische Psychogramme auszudeuten. Viel Beifall für den 1. Kapellmeister, der nach dieser Saison Ulm verlässt.

Das Ensemble, seltsam plastikbeschürzt von Kostümbildnerin Angela C. Schuett, kommt in dieser Oper fast vollzählig zum Einsatz, ist noch mit Solisten aus dem Chor verstärkt - es singt auf solidem Niveau, auch wenn das Englische nicht immer englisch klingt. Für den Tenor Hans-Günther Dotzauer ist der Peter Grimes endlich wieder eine bedeutende Charakterrolle, die er glaubwürdig, klar, mit Bravour meistert. Oxana Arkaeva ist die Lehrerin Ellen, die für Grimes Sympathie zeigt, Tomasz Kaluzny der ruppige Captain Balstrode, Thorsten Sigurdsson ein sehr markanter Bob Boles. Der von Hendrik Haas einstudierte Chor singt mit Wucht.

Das spielt sich ab auf einer Werft, in einem ausgeschlachteten Schiffsrumpf. Liegen da Riesenalgen, Taue, Krakenarme herum? Das alles bleibt im abstrakt Ungefähren der maschinenbewegten Bühne (Marianne Hollenstein). Reiner Realismus ist nicht die Sache von Regisseur Matthias Kaiser, nur dass im Falle des eher unbekannten "Peter Grimes" deutlich mehr Story gut getan hätte. Schon den wichtigen Prolog - die Gerichtsszene - verortet Kaiser nicht nachvollziehbar.

Aber Kaiser gelingen immer wieder starke Bilder in düsterem Licht. Das Seil ist sein Hauptrequisit. Am Seil sucht Grimes Halt, am Seil zieht er ein imaginäres Netz hinter sich her - gefüllt mit Schuldgefühlen und aufgehetzter Meute. Und die Musik erzählt sowieso alles.

Info Nächste Termine: Samstag, 19 Uhr; am 19., 24., 31. Mai.

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