Ein erwartbarer Ibsen im Podium des Theaters Ulm

Wie eine Frau sich aus ihrem bürgerlichen Puppenheim befreit, davon erzählt Henrik Ibsen in seiner "Nora". Die Inszenierung im Podium des Theaters Ulm aber emanzipiert sich nicht recht von der Konvention.

LENA GRUNDHUBER |

"Die Sache der Frau"? Er sei sich nicht einmal klar darüber, was das sei, hat Henrik Ibsen gesagt. Nachzulesen steht das im Programmheft zu "Nora oder Ein Puppenheim", das jetzt Premiere im Podium des Theaters Ulm hatte. Man ist also gewarnt: Eines der bekanntesten Emanzipationsdramen des 19. Jahrhunderts erzählt, ja, vom Ausbruch einer Frau aus ihrem bürgerlichen Gefängnis. Doch wie jeder große Text handelt "Nora" letztlich von der "Sache des Menschen", wie Ibsen sagt. Von dem, was ihn bedingt und ängstigt, was ihn einzwängt und befreit. "Es ist heute mehr ein Stück über Partnerschaft als ein gesellschaftspolitisches Stück", findet Regisseurin Nilufar K. Münzing. Einspruch: "Nora" ist genau so aktuell, wie man sie sein lässt.

Es ist ja kein Zufall, dass das Drama sich auf dem weißen Tepppichboden eines Bankdirektors abspielt. Ibsen erzählt in aller Härte vom Warencharakter bürgerlicher Beziehungen, zeigt, wie Machtstrukturen auch intime Verhältnisse regulieren, wie Ängste sich in (sexuelle?) Neurosen transformieren. Bei Männern und Frauen gleichermaßen, denn Ibsens Nora ist beileibe nicht das unschuldige "Eichhörnchen", das sie ihrem Ehemann zuliebe spielt. Ihr kleines Geheimnis, so erklärt sie einmal schockierend beiläufig, werde sie ihrem Mann erzählen, "wenn ich nicht mehr so hübsch bin wie jetzt". Wenn ihr Körper nichts mehr wert ist, wird sie auf andere Aktien setzen müssen.

Noras Geheimnis ist aus heutiger Sicht tatsächlich eher lässlich und wird hier sehr ausführlich dargelegt. Vor Jahren hat Nora die Unterschrift für einen Kredit gefälscht, um ihrem kranken Mann eine lebensrettende Reise zu finanzieren. Gatte Torvald, von Gunther Nickles als fast schon bemitleidenswerter Möchtegern-Patriarch gespielt, ahnt davon nichts. Indes: Einer seiner Mitarbeiter, Krogstadt (Christian Streit), hat die Finger in der Sache. Er erpresst Nora, um die eigene Kündigung zu verhindern, und bringt die Wahrheit ans Licht, die Katastrophe ins Rollen. Der Verstoß gegen Regeln und Rollenbilder wiegt am Ende schwerer als die Moralität einer Handlung aus Liebe.

Dass Nora das ahnt, ist die eigentliche Tragödie. Die Beziehung zwischen dieser Frau und diesem Mann - das Ende bringt es nur ans Licht - war wohl immer eine Lüge. Das ist die klirrend kalte Wahrheit, der zeitlose Kern dieser Geschichte, den man ganz ohne bodenlangen Samtrock erzählen könnte. Doch die Regisseurin wählt den historisierenden, konventionelleren Weg. Dafür steht die Kostümierung, aber auch ein Puppenhaus, das als metaphorischer Zaunpfahl auf der Bühne winkt (Bühne: Britta Lammers). Die Protagonistin wird sich in höchster Not darin verschanzen, denn Renate Steinle gibt eine Nora aus dem Buche. Als Mädchen, als Kind, Puppe, Lerche, in der erst spät der Mut zur Befreiung reift. Steinle transportiert intensiv die Not dieser Frau, am Ende aber fehlt ihrer Figur die innere Entwicklung, um die bittere Abrechnung mit ihrem Gatten glaubhaft zu machen.

Psychologischen Resonanzraum bauen die Nebenfiguren. Maximilian Wigger-Suttner verleiht dem Hausfreund Doktor Rank schimmernde Zerbrechlichkeit, wenn er Nora mit der Ironie der Verzweiflung seine Liebe gesteht. Und Christian Streit, der als Krogstadt gewohnt energetisch zu Werke geht, zeigt im Gespräch mit der geliebten Christine (Aglaja Stadelmann) eine jungenhafte, furchtsame Zartheit, die berührt. Natürlich sind da noch die süßen Kinder (Jette Peters, Aaron Handel) souverän betreut von Christel Mayr als Kindermädchen.

"Als das Wunderbare nicht kam", als ihr Mann sie nicht stützte, sondern sie in Sorge um die eigene Reputation im Stich ließ, da sei ihr Glaube an diese Ehe zerbrochen, sagt Nora. Das Wunderbare - es leuchtet auch in dieser Inszenierung eher an den Rändern auf.

Nächste Termine

Schauspiel im Podium Weitere Aufführungen sind in diesem Monat am 14., 22., 25. und 30. Januar im Podium des Theaters Ulm. Beginn der Vorstellung ist jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter 0731/161-44 44 oder im Internet unter www.theater.ulm.de

 

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