Ein Sog aus Melancholie und Lebensfreude

Ulm.  Balkanmusik satt. Mal aus Berlin, mal aus Bulgarien. Und dazu Musik aus den Dolomiten, die auf der Donau entstanden ist. So klang das Finale des Donaufestes, das Abertausende in die Stadt lockte.

Der Balkan? Der beginnt in Neukölln, behauptet zumindest Norbert Drescher, der dort mit orientalischer Musik im Ohr aufgewachsen ist. Heute ist Drescher der Perkussionist einer der erfolgreichsten deutschen Bands: Corvus Corax, die mit ihrem Mittelalter-Sound die internationalen Größen des Hardrock bei Festivals schon mal auf die Plätze verweisen. Doch Mittelalter-Rock alleine füllt die Kolkraben (Corvus corax ist der lateinische Name der Spezies) nicht so richtig aus. Nach ihrem "Tanzwut"-Ausflug in die Techno-Welt haben sie jetzt den Balkan für sich entdeckt. Berlinski-Beat heißt die Kooperation der Kolkraben mit dem DJ Robert Soko, die beim Donaufest auf der Bühne am Marktplatz ihre Live-Premiere erlebte.

Wobei Tanzwut ganz gut als Umschreibung dessen passt, was die Kolkraben und Soko da mit ihren Bombards und Dudelsäcken, aber auch mit Blechunterstützung tröteten. Tanzrhythmen aus dem Balkan, stilecht mit der Goc, der orientalischen Trommel untermalt, repetitiv hypnotisierend gespielt von ausgebufften Profis, die sehr wohl wissen, dass der Spaß des Publikums vom Spaß der Musiker auf der Bühne abhängt. Und die Berliner hatten Spaß, rissen ihr Publikum schon nach kurzer Zeit mit. Das musste auch so sein, denn mehr als eine Stunde Musik hat das Balkan-Kollektiv noch nicht im Programm. Das erste Album ist im Studio ja auch erst noch im Entstehen. Und so gab es als Zugabe die Berlin-Reminiszenz der Band, eine Oriental-Version des Marsches "Berliner Pflanze", gleich nochmal. Berlinski-Beat? Das hat jede Menge Live-Potenzial, und die Live-Premiere war beim Donaufest ein echtes Highlight. hep

Doch der Berliner Balkan-Abend war am Freitag noch nicht gelaufen, denn schließlich stand auch noch Miss Platnum auf dem Programm. Irgendwie der musikalische Gegenentwurf zu den anarchistisch aufspielenden Berlinski-Beatern. Denn was die im rumänischen Temeswar geborene Miss Platnum mit ihren zwei Background-Kolleginnen da zelebriert, ist eigentlich Soul auf internationalem Niveau. Eigentlich, nur fehlt da fast alles, was Black Music so spannend macht: ausgefeilte jazzige Harmonien, federnde, funky Rhythmen. Das Einzige, was geblieben ist, sind mächtige und messerscharfe Bläsersätze. Nur werden die wie bei den Gipsy-Brassbands ganz anders phrasiert, hupt die Tuba mit, hat die Trompete jede Menge Vibrato. Und rhythmisch orientiert sich Miss Platnum auch eher nach Istanbul als nach Detroit. Nur eines ist gleich: Das Ganze ist hoch perfekt. Die Band ist so tight, als spiele da nur ein Mann.

So ungewohnt das Ganze klingt so hohe Klasse hat das, was die Musiker da machen. Und Miss Platnum, die nicht gerade Model-Maße hat, versteht es mit viel Witz und Hintersinn, genau darüber zu singen, ein Frauenbild zu propagieren, in dem Spaß am Essen und Trinken ganz einfach zum Leben gehört. "Feiert den Augenblick, Ihr wisst nicht, was kommt", forderte sie, und das Publikum ließ sich das nicht zweimal sagen, tanzte und feierte ausgelassen und erklatschte sich mehrere Zugaben. hep

Auch wenn der Jazzwa Trans Danube Music Orient Express aus Linz kommt: Besetzt ist die Band international, will heißen aus jenen Ländern, in denen die Musika orientala tziganeasca gepflegt wird - gepflegt und nicht wie man es von Fußgängerzonen her kennt, mit falschem Pathos, fettigen Glissandi und tremolierendem Vibrato runtergenudelt wird.

Diese Klischee-Vorstellungen demontierten zwei Bands am Samstagabend: die Jazzwa Trans Danube Music Orient Express Band und das Martin Lubenov Orkestar vor weit über 1000 Zuhörern auf dem Marktplatz. Drei Stunden lang hielten die fünfzehn Musiker der beiden Bands die Mixtur aus Orientalismen, Mariachi-Klängen, Tango und Jazz am Köcheln. Eine Musik, die sofort die Herzen der Zuhörer anspricht, auch deshalb, weil sie in vielen Farben und Facetten sprühend den Musikern reichlich Raum bietet, sich in all ihrer Virtuosität voller Leidenschaft und purer Spielfreude zu präsentieren. Das Balkan-Fieber griff um sich. Eine Krankheit, an der man gerne leidet: Füße wippten, Hände klatschten mit, peu à peu zog es immer mehr Infizierte tanzend in Richtung Bühne.

Zum Vorreiter wurde ein betagtes Paar. Langsam wiegte sich seine Volkstanzschrittfolge zum bittersüßen mazedonischen Lied von Jazzwa. Jazzwa bedeutet kleines Kaffeekännchen. Stark, heiß, bekömmlich kredenzte es einen mitreißenden Melodien- und Sprachen-Mix.

Nebojsa Krulanovic mit seinem umgehängten Keyboard war Chef der Truppe, die mit schmachtender Geige, Musette-Charme, Trompeten- und Saxophon-Geschmetter alle Register zog. Publikumsliebling war Sängerin Lana Cencic. Das zierliche Temperamentsbündel mit großer, wandlungsfähiger Stimme erzählte auch von Liedinhalten, von der recht fröhlichen Nachbarin, die vom Ehemann verlassen wurde, von zwei Toten in Istanbul oder von ausgelassenem Trink- und Hochzeitsliedern. Ein Sog aus Melancholie und Lebensfreude, dem sich niemand auf dem Marktplatz entziehen konnte und wollte.

Tiefer nach Osten zog das stark vom Jazz inspirierte siebenköpfige Martin Lubenov Orkestar. In den Orient bis zu den Wurzeln der Roma in Indien drangen mit arabesken Verzierungen die Klarinette und die Vokalisten Petar Yankov und Dimifar Mitren vor, die auch mit ihrer Trommelkunst auf Toms und Darabukka übermütig einheizten. Star auf dem Tummelplatz des virtuosen Draufgängertums war Martin Lubenov, ein Teufelskerl mit halsbrecherischen Tempi auf dem Akkordeon. and

Nicht auf der Marktplatzbühne, sondern im Donausalon präsentierte das Donaufest Ganes. Ganes heißen die Feen in den ladinischen Sagen. Ladinisch sprechen in zwei Dolomitentälern gerade noch 30 000 Menschen. Und aus einem dieser Täler, dem Gadertal, stammen die Schwestern Marlene und Elisabeth Schuen und deren Cousine Maria Moling. Musik aus Südtirol? Was hat das mit dem Donaufest zu tun? Auf Umwegen jede Menge. Denn die drei Musikerinnen waren alle auf der Hubert von Goiserns Linz-Europa-Tournee, die der Alpenrocker per Schiff die Donau hinab absolvierte, mit dabei. Eine Tournee, die vor vier Jahren beim Donaufest Konturen bekam, als Goisern in Ulm die ersten Gespräche mit den Offiziellen aus den Donauanrainer-Staaten führte. Und auf dieser Tournee beschlossen die Ladinerinnen, ihre Band Ganes zu gründen. Das wars dann aber auch schon mit dem Donaubezug. Denn Ganes macht internationalen Pop, Balkanklänge kommen bei Ganes ebenso wenig vor wie Alpenländisches - von einem kurzen Dreigesang-Jodler kurz vor der Pause mal abgesehen.

Dennoch: Dreigesang ist kein schlechter Begriff für das, was die Drei da auf der Bühne machen. Denn obwohl jede einzelne von ihnen das Zeug hat, als Solistin zu bestehen, so richtig mitreißend wird Ganes dann, wenn zu dritt gesungen wird. Zu dritt, nicht unbedingt dreistimmig. Dazu sind die meist in Close Harmonies geführten Gesangsarrangements einfach zu komplex. Was Ganes macht, ist eigentlich A-cappella-Gesang hoher Schule. Nur spielen die drei Multi-Instrumentalistinnen auch noch ihre Instrumente, und das auf professionellem Niveau. Gerade mal einen Pianisten und einen Gitarristen brauchten die Drei noch, um das Publikum im ausverkauften Donausalon zu verzaubern. Nicht nur das Publikum: Roxy-Geschäftsführer Thomas Rothacker buchte die Band von der Bühne weg. Der Konzert-Termin steht zwar noch nicht fest, aber dieses Konzert sollte man sich nicht entgehen lassen. hep


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