Ein Oratorium wie eine Oper
Zwei selten zu hörende Beethoven-Werke, ein Mammutaufgebot an Sängern der Ulmer Kantorei und des Nymphenburger Kantatenchors und ausgiebigen Applaus gab es in der Pauluskirche.
So viele Sänger. Zusammen mit dem Nymphenburger Kantatenchor, der den Chorklang der Ulmer Kantorei mit seinen jungen Stimmen hörbar auffrischte, waren"s 150, die die ordentlich besuchte Pauluskirche zum Erbeben brachten. Ja, Albrecht Haupt widersteht den Verführungen der historischen Aufführungspraxis mit eiserner Entschlossenheit und setzt dem detailgeschärften Originalklang unverdrossen seine romantisch üppige Chorsprache entgegen.
Doch Beethoven lässt sich gewiss nicht allein über eine authentische Besetzung erschließen. Und weil Albrecht Haupts große Stärke seit über 60 Jahren seine glühende Leidenschaftlichkeit ist, kann er die Botschaften überzeugend vermitteln. So auch diesmal bei zwei Beethoven-Werken, von denen das Passionsoratorium "Christus am Ölberge" sogar eine Ulmer Erstaufführung gewesen sein soll.
In der eigenwilligen C-Dur-Messe brilliert vor allem der Chor. Strahlende Forte-Höhen werden verlangt, jähe Stimmungswechsel, fulminante Steigerungen, gewaltige Choraufschwünge. All dies gelang dem Riesenchor beeindruckend gut. Ohnehin merkte man, dass Haupt und seine Nymphenburger Kollegin Christine Schüttke es mehr auf dramatische Unmittelbarkeit abgesehen hatten als auf sakrale Erbauung. Fabelhaft, mit viel Sinn fürs Atmosphärische, agierte das überwiegend jung besetzte Sinfonieorchester Nymphenburg, um dessen hervorragende Bläser sich manches Profiorchester reißen würde.
Aus dem spürbar motivierten Sängerquartett mit Mi-Yeon Baek (Sopran), Agnes Schmauder (Alt) und Christoph Kögel ( Bass) ragte der junge koreanische Tenor Youn-Seong Shim, diesjähriger Stipendiat des Ulmer Wagner-Verbandes, mit wunderbar gestalteter Empfindungskraft heraus. Besonders ergriff er als todesnaher Christus im Oratorium.
Bewundernswert auch die (von kleinen Nervositäten durchsetzte) mutige Präsenz der jungen koreanischen Sopranistin Mi-Yeon Baek, die ganz kurzfristig für die erkrankte Kim L. Reibnitz eingesprungen war und mit asiatischer Disziplin die beiden ihr unbekannten Partituren in zwei Nachtschichten einstudiert hatte. Kompliment für diese Leistung, vor allem als viel geforderter Seraph im Oratorium.
Ein Oratorium, das mit seinen wild donnernden Kriegerchören, den höchst expressiven Rezitativen und Arien und dem finalen, brausenden Lobeshymnus des Engelchors eher an eine Oper erinnert. "Fidelio" ist ja nicht mehr allzu fern. "Zu neuer Popularität" wollten Schüttke und Haupt dem Passionsoratorium mit ihrem Mammutchor verhelfen. Dem langen Applaus zufolge dürfte ihnen das in Ulm gelungen sein.
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Autor: SUSANNE RUDOLPH | 19.04.2011
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Die Solisten beim Konzert in der Pauluskirche: (von links) Christoph Kögel (Bass), Youn-Seong Shim (Tenor), Agnes Schmauder (Alt) und Mi-Yeon Baek (Sopran). Foto: Sophie Krauss
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