Down-Syndrom dreimal häufiger als vor 1986

Nach Tschernobyl gab es auch in Süddeutschland deutlich mehr Todesfälle bei Neugeborenen, sagt Reinhold Thiel von der Ulmer Ärzteinitiative.

Herr Thiel, Sie sind unter anderem Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative und Vorstandsmitglied bei der IPPNW-Deutschland, also im Verein "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung". Wie kam es zu Ihrem Engagement gegen die militärische und zivile Atomkraft?

REINHOLD THIEL: Ich kann mich noch genau an den 1. Mai 1986 erinnern. Meine beiden Kinder waren im Krabbelalter, und ich bin mit ihnen auf der Mai-Kundgebung in Ulm gewesen. Wenn die Behörden mich damals sachgerecht über die Gefährdung durch die Reaktorkatastrophe und auch über die schon bekannten Werte in Süddeutschland informiert hätten, hätte ich die Kinder nie mitgenommen und dort auf dem Boden spielen lassen.

Auslöser war also die Sorge um die Gesundheit Ihrer Kinder?

THIEL: Ja. Ich begann, mich mit der radioaktiven Strahlung und der Niedrigstrahlung auseinanderzusetzen. Je mehr ich dann davon begriffen hatte, desto erschrockener, aber auch wütender bin ich über die kursierenden falschen Informationen geworden.

Wie hat sich die Strahlung auf unsere Region ausgewirkt?

THIEL: Es gab nach 1986 vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, wo die höchsten Belastungen festgestellt worden waren, deutlich mehr Todesfälle bei Neugeborenen. Im bayerischen Süden, der vergleichsweise stark belastet war, war die Fehlbildungsrate Ende 1987, sieben Monate nach der höchsten Cäsiumbelastung von Schwangeren, nahezu doppelt so hoch wie in Nordbayern. Auch kamen mehr Kinder mit Down-Syndrom auf die Welt. Im Januar 1987, neun Monate nach Tschernobyl, wurde in einem Labor für genetische Diagnostik in München diese Erkrankung zwei- bis dreimal häufiger als üblich bei Neugeborenen festgestellt.

Leidet die Region heute noch unter dieser Katastrophe?

THIEL: Genaueres wissen sicherlich die Jäger aus dem Landkreis Neu-Ulm. Es sollten nach meiner Einschätzung viele geschossene Wildschweine mit Strahlenbelastung als Sondermüll entsorgt werden. Das radioaktive Cäsium von Tschernobyl ist in Süddeutschland inzwischen genau so tief in die Erde eingedrungen, wie es die Wildschweine mit ihren Rüsseln erreichen.

Reaktorkatastrophen ereignen sich nicht nur in der Ukraine. Japan leidet gerade unter dem, was in Fukushima geschah. Könnte so etwas auch bei uns passieren?

THIEL: Das Gundremminger Atomkraftwerk ist als Siedewasserreaktor mit den Reaktoren von Fukushima vergleichbar. Dessen größtes Gefahrenpotenzial geht vom Nasslager aus, in dem die Brennstäbe abkühlen. Wenn dort etwas schief ginge, dann ist das gefährlicher, als im Reaktor selbst, weil sofort große Radioaktivitätsmengen freigesetzt würden, die - wiederum verglichen mit Fukushima - einen solch weiten Raum vom Reaktor entfernt auf Jahrzehnte hin unbewohnbar machten, dass auch alle Ulmer und Neu-Ulmer umsiedeln müssten.

Hat sich in unserem Raum schon Radioaktivität aus Fukushima niedergeschlagen?

THIEL: Eine Wolke ist bereits über uns hinweggezogen. Weitere werden folgen.


Kommentare (1)

26.04.2011 16:59 Uhr |   eurofan

Übel!

"Im bayerischen Süden, der vergleichsweise stark belastet war, war die Fehlbildungsrate Ende 1987, sieben Monate nach der höchsten Cäsiumbelastung von Schwangeren, nahezu doppelt so hoch wie in Nordbayern."

Hat man die Folgekosten dieser schlimmen, genetischen Erkrankungen eigentlich auch in den Atomstrompreis mit eingerechnet? Klar nicht, das bezahlen wir mit den immer weiter steigenden Krankenkassenbeiträgen?

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