Die biografische Lücke

Nach dem Krieg schwieg der von 1948 bis 1972 amtierende Ulmer OB Theodor Pfizer über seine NS-Vergangenheit. Die jetzt gefundenen Akten zeigen sein ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus.

ANDREAS LÖRCHER |

"Unter Hinweis auf die von höchsten Stellen mehrfach bestätigte überragende Bedeutung eines leistungsfähigen Eisenbahnwesens für die Erringung des Endsiegs muss dabei jedem Gefolgschaftsmitglied klargemacht werden, daß der Krieg die Mobilisierung der letzten Leistungsreserven und von jedem Berufskameraden eine vorbildliche persönliche Haltung und einen unbeugsamen Einsatzwillen erfordert."

Wer 1944 in einem innerbetrieblichen Propagandaflugblatt der Reichsbahn vom "Endsieg" schreibt und von seinen Untergebenen "unbeugsamen Einsatzwillen" einfordert, ist der von 1948 bis 1972 amtierende Oberbürgermeister von Ulm, Theodor Pfizer. Das Propagandaflugblatt wurde von einem Mitarbeiter der Reichsbahn aufbewahrt und dokumentiert den Teil von Pfizers Biografie, den er nach dem Krieg wohl am liebsten verschwiegen hätte. Doch ganz lassen sich biografische Spuren nicht verwischen, und so wird Pfizer mit dem Propagandaflugblatt und seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus zwei Jahre nach Kriegsende konfrontiert, wie aus den im Staatsarchiv Ludwigsburg verwahrten Entnazifizierungsakten hervorgeht.

Nachdem Pfizer 1946 vom Oberreichsbahnrat zum Ministerialrat innerhalb des württembergischen Verkehrsministeriums befördert wird, läuft die Eisenbahnergewerkschaft wegen Pfizers Vergangenheit Sturm. Pfizer habe eng mit dem NS-Regime zusammengearbeitet, er habe ausschließlich mit "prominentesten Naziführern" verkehrt, sei entgegen den Gepflogenheiten höherer Beamter der Reichsbahn tagtäglich in einer Eisenbahneruniform mit SS-ähnlichem Schnitt und Kriegsverdienstkreuz herumstolziert und habe eine befreundete jüdische Familie "menschenunwürdig behandelt", so die Vorwürfe in dem vom Verbandsvorstand Molt unterzeichneten Brief der Einheitsgewerkschaft der Eisenbahner an das Verkehrsministerium.

Drei Monate zuvor, im März 1946, war Pfizer in einem Entnazifizierungsverfahren der US-Behörden zunächst als nicht belastet eingestuft worden - aufgrund seiner Angaben, er sei weder Mitglied der NSDAP noch Parteianwärter gewesen. Bei dieser Einstufung wäre es wahrscheinlich geblieben, wenn nicht ein Dokument der NSDAP von 1941 zur Person Theodor Pfizer aufgetaucht wäre. Aus dem Dokument geht nämlich hervor, dass Pfizer geflissentlich verschwieg, dass er sich bereits 1923 als 19-jähriger Burschenschafts-Student zusammen mit seinen Bundesbrüdern der republikfeindlichen illegalen Schwarzen Reichswehr angeschlossen hatte. In diesen paramilitärischen Verbänden waren rechtsradikales und antisemitisches Gedankengut beheimatet. Auch meldete sich Pfizer 1935 freiwillig zur Wehrmacht und wurde mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet. Insbesondere verschwieg Pfizer aber in diesem US-Meldebogen, dass er sich im Juni 1940 für die NSDAP-Mitgliedschaft beworben hatte. Zu seinem Glück wurde er nicht als Mitglied, sondern lediglich als Parteibewerber bei der NSDAP-Ortsgruppe Dresden-Stehlen geführt. Nachdem Pfizer1941 als Verbindungsbeamter zum Oberschlesischen Steinkohlen-Syndikat nach Gleiwitz abgeordnet wird, versucht er, durch ehrenamtliche Mitarbeit in der NSDAP-Ortsgruppe Gleiwitz-Ring als vollwertiges Parteimitglied anerkannt zu werden. Doch sein Gesuch wurde abgelehnt mit der Begründung, es seien bereits überproportional viele Akademiker in der Ortsgruppe.

Als "verhinderten Parteigenossen" bezeichnen die Gewerkschafter deshalb Theodor Pfizer, nachdem dieser 1946 zum Ministerialrat befördert wird. Insbesondere die Karriere Pfizers im "Dritten Reich" wird von seinen Widersachern auf dessen Loyalität zur NSDAP zurückgeführt.

Seine Laufbahn bei der Reichsbahn beginnt Pfizer 1932 als außerplanmäßiger Gerichtsassessor in Frankfurt, er wird 1933 zum Reichsbahn-Assessor ernannt und bereits ein Jahr später im Alter von 30 Jahren als Reichsbahnrat angestellt. Ihm wird zunächst die Stellung als Vorstand des Reichsbahn-Verkehrsamts in Ludwigshafen übertragen, er wechselt 1938 nach Mainz, 1939 wird er bei der Obersten Bauleitung der Reichsautobahnen in Wien eingesetzt, 1940 findet man ihn bei der Reichsbahndirektion in Dresden, ehe er 1941 zur Generalbetriebsleitung Ost-Berlin und als Verbindungsbeamter zum Oberschlesischen Steinkohlensyndikat nach Gleiwitz abgeordnet wird. Im Februar 1942 wird Pfizer zum Oberreichsbahnrat befördert und übernimmt in Stuttgart das Dezernat Güterverkehr sowie das Pressedezernat. Mit 38 Jahren gehört Pfizer nun zur Führungsriege der Reichsbahn in Stuttgart und verfügt bereits über einen eigenen Chauffeur.

Dass Pfizer nach dem Krieg seine Karriere ungebremst fortsetzen kann, ins Verkehrsministerium abgeordnet und zum Ministerialrat befördert wird, noch bevor sein Entnazifizierungsverfahren abgeschlossen ist, stößt bei Gewerkschaftern der Eisenbahn auf Unverständnis. Kleine Beamte, die weder NSDAP-Parteimitglied noch Parteianwärter gewesen sind, seien bereits wegen Kleinigkeiten aus politischen Gründen entlassen worden, aber ein hohes Tier wie Pfizer mache weiterhin Karriere, so der Vorwurf der Gewerkschafter in besagtem Brief.

Auch die Eignung Pfizers für eine leitende Stellung im Ministerium wird angezweifelt. "Es darf deshalb mit Recht angenommen werden, dass Herr Pfizer sich aufgrund seiner Vergangenheit nie in einem positiven Sinne zum neuen demokratischen Staat einstellen wird", so die abschließende Beurteilung des späteren Ulmer OB durch die Eisenbahner-Gewerkschaft.

Doch den Spruchkammerakten sind auch ganz andere Perspektiven auf das Wirken und die Einstellung Pfizers in der NS-Zeit zu entnehmen. Alexander Graf Schenk von Stauffenberg, der Bruder der beiden hingerichteten Widerstandskämpfer des 20. Juli, führt in einem Schreiben zur Entlastung Theodor Pfizers aus, dieser sei dem Nationalsozialismus ablehnend gegenübergestanden. Pfizer habe unter anderem im Gespräch mit seinem Onkel, dem hingerichteten Widerstandskämpfer des 20. Juli, Nikolaus Graf von Üxküll-Gyllenband, seine Ablehnung gegenüber den Nationalsozialisten zum Ausdruck gebracht.

Robert Tillmanns, späteres CDU-Bundesvorstandsmitglied, die Witwe des hingerichteten Widerstandskämpfers Friedrich Reck-Malleczewen und weiter Freunde und Bekannte Pfizers betonen in ihren Entlastungsaussagen dessen politische und moralische Ablehnung des Nationalsozialismus.

Pfizer verteidigt sich in einem dreizehnseitigen Schreiben an die Spruchkammer gegen die Vorwürfe der Gewerkschafter. Als "Christ" und wegen seines "ausgebildeten Rechtsgefühls" sei er dem Nationalsozialismus früh ablehnend gegenübergestanden. Als NSDAP-Mitglied habe er sich nur beworben, weil ihm ein Vorgesetzter aus Karrieregründen dazu geraten habe; auch die ehrenamtliche Mitarbeit in der NSDAP-Ortsgruppe habe er aus diesem Grund geleistet. Entgegen den Anschuldigungen der Gewerkschaft habe er während der NS-Zeit unverändert gute Beziehungen zu jüdischen Familien gepflegt. Dass er Uniform getragen habe, obwohl dies bei höheren Bahnbeamten verpönt gewesen sei, begründet er mit der Solidarität gegenüber den Untergebenen, von denen das Tragen von Uniformen erwartet worden sei. Weiter führt Pfizer aus, in seiner 4000 Bände umfassenden Bibliothek seien 500 im Nationalsozialismus verbotene Bücher zu finden gewesen, überwiegend von konservativen Autoren, aber auch kommunistische Schriften von Karl Liebknecht und Karl Marx. Darüber hinaus habe er die Frankfurter Zeitung gelesen und um NS-Schriften einen großen Bogen gemacht.

Als Indiz für seine NS-feindliche Haltung führt Pfizer an, er habe Freundschaften zu den Widerstandskämpfern Dietrich Bonhoeffer, Paul Collmer, Rüdiger Schleicher und den Brüdern Stauffenberg gepflegt. Bereits 1939 habe er im Gespräch mit Nikolaus Graf von Üxküll-Gyllenband über die Beseitigung des Regimes gesprochen. Durch Eugen Gerstenmaier, den im Kreisauer Kreis organisierten christlich motivierten Widerstandskämpfer, sei er bereits im Januar 1941 über die Umsturzpläne zum 20. Juli 1944 im Bilde gewesen. 25 bis 30 Mal sei er seit 1922 Gast im Stauffenbergschloss in Lautlingen gewesen. Er habe deshalb nach dem Attentat auf Adolf Hitler mit seiner Verhaftung gerechnet, so Pfizer.

Übertreibung von Entlastungsmomenten, Verharmlosung von belastenden Fakten, Schönfärberei der eigenen NS-Biografie, die Verbreitung von Halbwahrheiten über die eigene Verstrickung sowie erbettelte Gefälligkeitsaussagen von Freunden und Bekannten dienten in der Nachkriegszeit vielen NS-Belasteten bei ihrer Entnazifizierung der Verleugnung ihrer Verantwortung im NS-Machtapparat. In Pfizers Fall erscheinen beim Studium der Spruchkammerakten die Entlastungsargumente dennoch überwiegend glaubwürdig und stimmig, denn er kann auf namhafte und über jeden Zweifel erhabene Zeugen bauen.

Der bezeugten gedanklichen Ablehnung des Nationalsozialismus steht jedoch Theodor Pfizers Handeln als Oberreichsbahnrat diametral gegenüber. Als Pressedezernent betreibt er eifrig innerbetrieblich Propaganda für die Ziele des Nationalsozialismus. In vorauseilendem Gehorsam empfiehlt er in einem Rundschreiben den Bahnbeamten bei Appellen Adolf Hitler, Joseph Goebbels oder Dr. Albert Ganzenmüller zu zitieren. Ausgerechnet mit dem Lob des Organisators der Transporte in die Vernichtungslager, Ganzenmüller, beginnt Pfizer dieses Rundschreiben. Der Staatssekretär habe den "entscheidenden Anteil" der Reichsbahn bei "der Lösung der Kriegsaufgaben" gelobt.

Darüber hinaus betreibt Pfizer als Verantwortlicher für den Güterverkehr im Südwesten die Zwangsarbeiter-Lager in Ulm, Bietigheim und Plochingen. Hunderte Ausländer arbeiteten als Arbeitssklaven unter unmenschlichen Bedingungen. Besonders in Bietigheim haben die Zwangsarbeiter während Pfizers Amtszeit unter menschenunwürdigen Zuständen zu leiden. Auch organisiert Pfizer bis zur letzten Stunde des Krieges pflichtbewusst den Nachschub von Waffen und Munition für einen sinnlosen Kampf. Über den Güterverkehr werden damals aber nicht nur Kriegsgüter, sondern auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter transportiert, auch die Deportationen von Menschen in die Konzentrationslager werden in Güterzügen vorgenommen. Während Pfizers Amtszeit in Stuttgart fahren vom dortigen Nordbahnhof sieben Züge mit Verfolgten des Nationalsozialismus in die KZ Theresienstadt und Auschwitz ab. Ob er als Dezernatsleiter direkt mit diesen Todestransporten zu tun hatte, bleibt allerdings offen.

Das innerbetriebliche Propagandaflugblatt habe er zwar formuliert, räumt Pfizer vor der Spruchkammer ein; er habe aber auf Anordnung Ganzenmüllers gehandelt. Die Bahnarbeiter, welche die Rolle Pfizers im Nationalsozialismus bei der Gewerkschaft angezeigt haben, getrauen sich nicht, gegen den Ministerialrat auszusagen, da sie dienstliche Konsequenzen fürchten. Und so wird Theodor Pfizer am 22. Januar 1947 von der Anklage als NS-Belasteter freigesprochen. Ein Jahr später wechselt Pfizer vom Verkehrsministerium in Stuttgart als Nachfolger von Robert Scholl ins Oberbürgermeisteramt nach Ulm, das er 24 Jahre bis 1972 bekleidet.

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