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Die Twitter-Welt schaut nach Neu-Ulm

Das Internet macht die Welt zum Dorf: Der US-Fernsehsender ABC News listet Julia Probst, eine junge Frau aus Neu-Ulm, unter den zehn wichtigsten Twitterern des Jahres auf.

ROBERT DÖNGES | 0 Meinungen

Eine junge Frau aus dem Kreis Neu-Ulm dürfte die derzeit bekannteste Gehörlose in Deutschland sein. Weil sie für das Internet kleine Meldungen, „Tweets“ genannt, verfasst und auf Twitter veröffentlicht. Etwas, das zwar mehr als 100 Million Menschen auf der Welt auch tun. Twitter selbst sagt, dass 2011 so etwa 90 Milliarden Tweets geschrieben worden sein.

Doch seitdem der Internet-Dienst die bewegendsten, wichtigsten, eindrucksvollsten Tweets des Jahres sammelt, trudeln bei Julia Probst, die sich auf Twitter „@EinAugenschmaus“ nennt, die Medienanfragen ein: Ihr Name taucht auf Platz sieben der weltweiten Liste auf. Die „Zeit“ hat schon über sie berichtet, die deutschsprachige Ausgabe des Magazins „Wired“, die „Süddeutsche Zeitung“, auch die SÜDWEST PRESSE.

Und nicht zuletzt amerikanische Medien wie die „Huffington Post“ oder der Nachrichtensender „ABC“. Denn für Jack Dorsey, den Gründer und Vorstand von Twitter, hat Julia Probst etwas getan, was sie heraushebt aus dem Meer der Twitterer: Sie hat den Gehörlosen in Deutschland, rund 80.000 Menschen, wortwörtlich Gehör verschafft.

Geheuer ist ihr der Rummel nicht. „Ich wollte nie so viel Aufmerksamkeit“, sagt sie, fast entschuldigend. Seit der Geburt taub, hat sie die Fähigkeit perfektioniert, von den Lippen zu lesen. Bei der Fußball-WM 2010 begann sie damit, während TV-Übertragungen der deutschen Länderspiele die Kommentare und Flüche der Protagonisten zu twittern.

So wurde etwa aus dem für jedermann sichtbaren Ärger von Jogi Löw auf dem Bildschirm der mitlesbare Zorn („Scheiße, das gibt es doch nicht!“). Innerhalb kurzer Zeit fanden 5000 Menschen Probsts Ableseservice so interessant, dass sie ihre Kurz-Übersetzungen auf Twitter abonnierten.

Ihre wachsende Popularität im Internet nutzte die 30-Jährige, um auf ihr eigentliches Anliegen aufmerksam zu machen: die fehlende Barrierefreiheit, also die Zugänglichkeit von Medien. „Ich bin da reingerutscht“, begründet sie ihr Engagement. In ihrem Blog und auf Twitter gab und gibt sie Einblicke in ihr Leben als politisch interessierte „Grenzgängerin“.

Schreibt an gegen fehlende Simultanübersetzungen durch Gebärdensprachdolmetscher bei politischen Veranstaltungen oder Nachrichtensendungen. Moniert die Nachlässigkeiten in der Welt der Hörenden, etwa bei der Bahn, die über Zugverspätungen lediglich per Lautsprecherdurchsage informiert. Oder beim deutschen Polizei-Notruf 110, an den man keine SMS schicken kann. In Österreich sei das möglich.

Im August, beim Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt in Berlin, sprach Julia Probst die Kanzlerin persönlich auf das Dilemma der Nichthörenden an: Wie bitte solle sie die Rede Merkels mitbekommmen, wenn kein Gebärdensprachdolmetscher dabei sei, um das gesprochene Wort zu übersetzen? „Ich bin ehrlich, nicht diplomatisch“, sagt sie mit Verve.

Danach habe sich Angela Merkel bei ihr wegen der Nachlässigkeit entschuldigt. Die Neujahrsansprache der Kanzlerin übrigens, das hatte ihr Regierungssprecher Steffen Seibert am 17. Dezember getwittert, wurde in diesem Jahr erstmals auch in Gebärdensprache übersetzt (auf „Phoenix“).

Das politische Berlin produziert nicht die einzige Achtlosigkeit, die Probst kritisiert. Die Tatsache etwa, dass 90 Prozent der Lehrer an Schulen für Gehörlose keine Gebärdensprache könnten, ist für sie, die sich die Gebärdensprache mit 17 selbst beibrachte, ein Unding. Sie selbst, aufgewachsen in einer Großfamilie, hatte das Glück, im Kreis Neu-Ulm eine ganz normale Grundschule besuchen zu können, zusammen mit Hörenden.

Das Lernen von Deutsch in Wort und Schrift war für sie nie anstrengend, daher könne sie heute „gut reden, gut kommunizieren, gut schreiben – die Mehrheit der Gehörlosen kann das nicht.“ Die meisten der betroffenen Kinder durchliefen eben nicht einen lautsprachlichen Regelschulbesuch, sondern Sonderschulen für Gehörlose.

Besonders in Rage reden kann sie sich, wenn es um die die fehlenden oder unterirdisch schlecht gemachten Untertitel im deutschen Fernsehen geht. Zehn Millionen Schwerhörige gebe es in Deutschland, denen vernünftige Untertitel genau so helfen würden wie ausländischen Mitbürgern, die Deutsch verstehen wollten. „Untertitel sind immer so mies. England, Amerika, Schweiz und viele andere setzen Nachsprecher und Scrollingverfahren ein – hohe Qualität!“ monierte sie am 6. November in einer Online-Debatte mit anderen. Diesen Tweet sah Twitter-Chef Dorsey als beispielhaft für Julia Probsts Engagement an – und verlieh ihm im Dezember den Ritterschlag der weltweit wichtigsten Tweets des Jahres.

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