Die Sicherheit siegt - Hinter den Kulissen der Ratiopharm Arena
Mehr als hundert Menschen kümmern sich während jedes Basketballspiels in der Ratiopharm Arena um die Sicherheit von Fans, Mitarbeitern, Mannschaften und Schiedsrichtern. Ein Blick hinter die Kulissen.
Autor: LYDIA BENTSCHE |Feuer ist im Kiosk aber weit und breit nicht in Sicht. Nur Würstchenduft liegt in der Luft. „Das war ein Voralarm“, erklärt der Feuerwehrmann aus Reutti. „Die gibt es fast während jeder Veranstaltung hier.“ Wahrscheinlich hat die Spülmaschine gedampft oder beim Braten ist zu viel Rauch aufgestiegen. Alles halb so wild, keine Gefahr.
Sicherheit gewährleisten. Darum kümmern sich an jedem Basketball-Spieltag in der Neu-Ulmer Arena neben der Feuerwehr auch Polizei, Rettungsdienst, Security-Mitarbeiter und Stewards. „Sicherheit ist das Wichtigste“, sagt Nico Keller, der bei Basketball Ulm Veranstaltungen leitet. Die Sicherheit der Fans, Mitarbeiter, Spieler, Trainer, Teams und Schiedsrichter. Dafür sind mehr als hundert Menschen im Einsatz, die meisten sind Sicherheitsleute der Ulmer Security-Firma SHS und Ordner, die Stewards genannt werden. Was die Sicherheitsmaßnahmen für ein Spiel kosten, verrät Keller nicht.
Etwa zur gleichen Zeit, als der Rauchmelder 135/2 die Feuerwehr auf Trab hält, herrscht vor dem Eingangsbereich der Arena Gedränge. Fans stehen dicht hintereinander. Es ist 19.30 Uhr. In einer halben Stunde beginnt das Basketballspiel der Ulmer gegen Cholet. Die Sicherheitsleute reagieren flexibel. Sie wollen Panik und Ärger vermeiden – und entscheiden, die Zusatztüren in der Mitte zu öffnen. Es ist genug Personal im Eingangsbereich, um auch dort einen kontrollierten Einlass zu ermöglichen. Die Stewards in türkisenen Shirts begrüßen die Gäste, scannen Tickets. Die Sicherheitsleute in Schwarz achten darauf, dass niemand in die Halle kommt, der stark alkoholisiert ist. Sie kontrollieren Taschen, Trommeln und Fahnen.
"Beim Basketball dürfen Fans mehr Trommeln und Fahnen mitbringen als beim Fußball", sagt Max Heumann, Sicherheitsleiter von SHS. "Die Kontrollen sind aber genauso strikt.“ Körperkontrollen gebe es nur bei Derbys wie Ulm gegen Tübingen. Erhöhte Aufmerksamkeit herrsche, wenn auch Fußballfans zu einem Spiel erwartet werden - etwa weil ein Fußballverein einer Stadt auch in der Gegend spiele. Basketballfans machen wenig Probleme, sagen die Sicherheitsverantwortlichen in Neu-Ulm. Sie seien emotional und laut, aber friedlich. Normalerweise. Anders war es am 2. Dezember nach dem hitzigen Bundesligaspiel der Ulmer gegen Bamberg: Ein Fan warf einen Gegenstand auf den Schiedsrichter, als er den Innenraum der Halle verließ. Dafür musste der Verein 750 Euro Strafe zahlen. Den Fans müsse klar sein, dass sie mit solchen Aktionen den Verein schädigen, sagt Keller. Er akzeptiert keine Gewalt. „Wir machen hier eine Familienveranstaltung für Jung und Alt.“
Bereits zwei Stunden vor Spielbeginn trifft sich Keller mit Vertretern von SHS, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und der Arena zu einer kurzen Sicherheitsbesprechung. Was gibt es zum vergangenen Heimspiel zu sagen? Sind alle Sicherheitsmitarbeiter da? Was müssen sie heute beachten? Wie viele Fans werden erwartet? Heute haben sich offiziell keine Gästefans angekündigt. Das heißt, es kommen keine Fanbusse. "Wir gehen davon aus, dass französische Gästefans in der Halle verteilt sitzen werden", sagt Heumann. "Deshalb werden wir den zusätzlichen Mann, der normalerweise den Gästeblock im Auge behält, dort abziehen und lieber mehr Streife laufen."
Sicherheitsbesprechung, Anzahl und Einsatzorte aller Sicherheitskräfte, Handlungsabläufe, Einsatzszenarien und Evakuierungspläne für Notfälle: Alles beruht auf dem Sicherheitskonzept, das der Hallenbetreiber in Rücksprache mit Stadt, Polizei, Feuerwehr und Rettungszweckverband für alle Veranstaltungen erarbeitet hat. Speziell für die Basketballspiele gibt es einen Genehmigungsbescheid der Stadt, der weitere Auflagen und Sicherheitsaspekte enthält. Für Keller ist dabei der Innenbereich mit dem Spielfeld das „Hochsicherheitsgebiet“.
Dort sehen Security-Mitarbeiter nach dem Rechten, nicht die Polizei. "Es gibt keinen Anlass, dass wir uns offensiv zeigen", sagt Jürgen Salzmann, Polizeihauptkommissar aus Neu-Ulm. Mehrere Beamte sitzen im Polizeiraum in der zweiten Ebene. Von dort haben sie durch abgedunkelte Scheiben den Blick in den Innenraum. Und in viele andere Bereiche der Arena. Dank der Videoanlage, die ihnen bis zu 36 Bilder auf jedem der drei Monitore anzeigt. "Wenn die Securityleute jemanden hinausführen, der sich aufführt, haben wir das von hier aus im Blick und könnten sofort Verstärkung an die richtige Stelle schicken", erklärt Salzmann.
Heumann von SHS hingegen ist den ganzen Abend in der Arena unterwegs. Der 32-Jährige trägt einen schwarzen Anzug, ist kräftig und lacht gern. Sein Rundgang führt ihn ins Foyer. Die meisten Sicherheitsmitarbeiter, die hier vorhin den Einlass kontrollierten, sind jetzt während des Spiels im Halleninneren. Alles ist ruhig. Dann torkelt hinter Heumann ein junger Mann die Treppe nach unten – und übergibt sich. "Tschuldigung", stammelt er und wankt weiter in Richtung Toilette. "Bitte einmal auf der Treppe im Foyer wischen", spricht Heumann ins Funkgerät und schüttelt grinsend den Kopf. Als Veranstaltungskaufmann mit „Security-Führerschein“ erlebt er einiges. Seit 2007 arbeitet er bei SHS.
Das Reinigungspersonal ist nicht einmal eine Minute später im Foyer an der Treppe. Und Heumann funkt weiter. Wie sieht es aus mit Schnee und Glatteis vor den beiden Treppenhäusern? Es sind nur noch sieben Minuten bis zum Spielende. Haben Mitarbeiter schon nachgesehen? Falls doch noch etwas ist, sollen sie dem Räum- und Streudienst Bescheid geben.
Die letzten Spielminuten verbringt Heumann im Innenraum. "Ich schaue immer wieder auf die Anzeige oben. Führen wir oder nicht? Je knapper das Spiel, desto emotionaler die Fans." Sollte Ulm gewinnen, kommen die Spieler noch zum Feiern vor den Stehblock. Dann müssen dort noch mehr Sicherheitsleute sein. Schon jetzt stehen etwa 20 mit dem Rücken zum Spielfeld. Sie blicken nach oben in die Zuschauerränge - rechts und links, rechts und links, mal in diesen Block, mal in jenen Block. Hier wird geklatscht, dort wird gejubelt, da holt sich einer ein Bier. "Wenn man den Job eine Weile macht, erkennt man auffällige Bewegungen und weiß, wann man Verstärkung anfordern muss, weil gleich etwas passieren könnte."
Ein Kollege kommt auf Heumann zu, sagt leise: "Hinten über dem Ausgangsbereich für Spieler und Schiedsrichter sind einige junge Leute sehr laut und auffällig. Wir beobachten sie." Jetzt stellen sich dort ohnehin zusätzliche Sicherheitsleute auf. Zwei werden die Schiedsrichter hinausbegleiten. "Falls doch wieder jemand etwas nach unten wirft, wollen wir die Täter identifizieren und ihre Personalien aufnehmen", sagt Heumann. "Wir haben das Hausrecht."
Die Schlusssirene ertönt, die Halle verstummt. Cholet hat in letzter Sekunde einen Dreier versenkt. Ulm hat verloren. Die Sicherheitsleute blicken weiter in alle Richtungen. Schiedsrichter und Spieler verlassen die Halle schnell. Die Zuschauer, die eben noch als auffällig galten, machen keinen Blödsinn. "Nach so einer Niederlage verlassen viele Fans schlagartig die Halle", sagt Heumann. An den Aufgängen staut es sich. Und nicht einmal eine Viertelstunde später ist im Hochsicherheitsgebiet alles vorbei. Auch im Foyer und draußen auf dem Parkplatz gibt es keine Probleme. Ulm hat verloren, die Sicherheit hat gewonnen.






