Die Oper "Il ritorno d'Ulisse in patria" am Ulmer Theater

Nicht alle Tage ist am Theater Ulm frühbarocke Oper zu erleben: Matthias Kaiser inszenierte jetzt Claudio Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in patria". Alte Musik, eine moderne Geschichte.

JÜRGEN KANOLD |

Es ist Zeus persönlich, der die Musterungskommission leitet, und auch die Ärzte und Krankenschwestern sind göttliches Personal: Il Tempo (die Zeit), La Fortuna (das Schicksal) und L'Amore (die Liebe). Wen sie da vor sich haben, das ist "die menschliche Zerbrechlichkeit". Und die muss, in Unterwäsche, mehrere Liegestütze machen

Tauglich ist dieser Mann aber auf jeden Fall, gilt es doch, Truppen für den Krieg zu rekrutieren. Aber wir sehen ja eine Allegorie - tauglich? Claudio Monteverdis Spätwerk "Il ritorno d'Ulisse in patria" (die Heimkehr des Odysseus) handelt von nichts anderem als von den schweren Prüfungen des Lebens, denen ein Mensch ausgesetzt wird. Ob er sie bestehen kann? Dass es in dieser frühen italienischen Barockoper (1640 uraufgeführt in Venedig) tatsächlich zum Happy End kommt, kratzte damals sehr menschlich an der Macht des Mythos.

In einem Prolog also stellt Monteverdis Oper die dramatische Ausgangssituation dar: "Sterblich bin ich, ein Mensch", weiß Odysseus. Er ist ein Spielball der Götter. Freuden, Schmerzen, Reichtümer, Glück? Darüber befindet das Schicksal. Vergebens sucht er nach einem Ort ohne Gefahr. Und die Liebe? Auch Amor ist ein blinder Schütze, geflügelt und nackt. Ja, Odysseus wird hier Soldat, um in Troja zum Helden zu werden und danach traumatisiert wieder nach Hause zurückzukehren, wo seine Gattin Penelope 20 Jahre sehnsüchtig auf ihn gewartet hat - so lange, dass sie es gar nicht mehr glauben kann, ihn lebendig zu sehen . . .

Einen starken Anfang hat Matthias Kaiser inszeniert: Er besetzte den Prolog der allegorischen Figuren konkret mit Odysseus und verlängert die Geschichte in eine Gegenwart. Und Kwang-Keun Lee singt die Titelpartie hoch emotional als "menschliche Zerbrechlichkeit". Im vielgestaltigen Bühnenbild von Mona Hapke, einem düsteren Komplex aus Versatzstücken und Schauplätzen der Macht und des Untergangs, einem Szenario, das die Kugelgestalt der Zeit verdeutlicht, simultane Auftritte möglich macht, schickt der Regisseur seinen Helden an die Front. Dann geht's um Ruinen: äußerlicher und seelischer Art. Klarer, fokussierter wird die Geschichte nicht mehr erzählt werden, bis Odysseus und Penelope sich am Ende nach viel mythologischem Geplänkel und volkstümlicher Komödie wiederfinden und nach allen Qualen endlich die Lust besingen.

Dass sich die drei "Ulisse"-Aufführungsstunden am Theater Ulm auch in manchmal ermüdenden Passagen hinstrecken, liegt in der Natur der Sache: An einem 374 Jahre alten Werk, an den Konventionen einer uns fremden Zeit, als es noch etwas Neues war, "dass Menschen ihre wichtigsten Angelegenheiten singend ausführen". Das muss man sich mal vorstellen: Librettist Giacomo Badoaro meinte sich Mitte des 17. Jahrhunderts noch entschuldigen zu müssen, dass man Musik in die Handlung des Dramas eingeführt habe, also etwas "nicht Naturgetreues". Gemeint sind dann vor allem Rezitativ und Parlando, aber auch gefühlvolle Koloratur - I Chiao Shih als Penelope, Maria Rosendorfsky als Minerva, Edith Lorans als Telemaco.

Regisseur Kaiser stilisiert nicht streng oder arbeitet nur zeichenhaft, er versucht, die Geschichte zu beleben als Kriegsheimkehrerschicksal. Und er bedient auch das Spektakel, das einst in Venedig, als die Oper sich kommerzialisierte, vom Publikum gefordert wurde: Minerva fliegt durch den Himmel (und landet per Fallschirm), Zeus' Adler schwingt sich durch die Lüfte (als Projektion), eine Putzfrau (Rochus Bliesener) hebt die Welt aus den Angeln - macht jedenfalls einen Globus kaputt. Die aufdringlichen Freier der Penelope sind Knallchargen, darunter Thorsten Sigurdsson als Eurimaco und Don Lee als Antinoo. Hans-Günther Dotzauer darf lustig bananenmampfend als Fettsack Iro auftrumpfen.

Unentschieden spielt das sehr klein besetzte, auf der Bühne platzierte Orchester. Hendrik Haas dirigiert historisch informiert, hat sich Gedanken über die Instrumentierung gemacht, setzt Akzente. Aber der Klang ist gemixt: Chitarrone und Barockgitarre sind im Continuo dabei, Posaunen imponieren in den göttlichen Szenen, das Donnerblech tönt barocktheatralisch, aber den sehr heutigen Streichern ist Vibrato und Legato nicht fremd.

Passt schon, aber trotzdem schade, dass das Theater Ulm kein Geld hat, um für ein Monteverdi-Projekt mal ein Originalklang-Ensemble wie das Hassler-Consort einzukaufen.

Aufführungen

Termine "Il ritorno d'Ulisse in patria" (die Heimkehr des Odysseus) steht im Großen Haus wieder am Dienstag, 20 Uhr, auf dem Spielplan. Die nächsten Vorstellungen: am 27. Dezember (19 Uhr), 2. Januar (20 Uhr) und 4. Januar (14 Uhr). Karten: Tel. 0731/161-4444.

Übertitel Das Theater Ulm zeigt Monteverdis Oper in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Die Aufführungsdauer beträgt rund drei Stunden (inklusive einer Pause). Informationen auch im Internet unter www.theater.um.de

SWP

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr