Die Mutter aller Diven

"Viva la Mamma!" Doch, das kann man sagen. Dominik Nekel als Theatermutter ist in dieser Opern-Farce ein Erlebnis. Was Andreas von Studnitz inszeniert hat: anfangs sehr witzig, später nur Klamauk.

JÜRGEN KANOLD |

Die Primadonna eiert ihre Arie in zweifelhafte Höhen hinauf. Der Tenor (Hans-Günther Dotzauer), so ein Provinz-Villazón von der Krim, knödelt sich abstürzend durchs Libretto, das er nicht kennt. Die Herren des Chors stehen wie immer steif herum wie die Ölgötzen.

Und der Regisseur (J. Emanuel Pichler), so ein Zyniker aus dem Pott mit Pudelmütze, verzweifelt: "Mehr Empathie!" und "den einen oder anderen Konsonanten" in der Artikulation fordert er. Und er beleidigt gern rassistisch: "Da seh' ich doch schon wieder asiatische Unkenntnis." Dann darf die phlegmatische Regieassistentin auf die Bühne schlurfen, um dem Willen ihres Chefs Nachdruck zu verleihen - es ist in dieser Rolle Angela Weißhardt, die echte Verwaltungsdirektorin. Was soll man dazu sagen? Der Intendant weiß es: "Wir wollen ja alle, dass der Abend ein Erfolg wird."

Das wird er, nun ja, in Teilen schon fürs Ulmer Publikum. Aber jetzt müssen wir zunächst mal die Realitäten, die Spielebenen sortieren. "Viva la Mamma!" heißt die Opernparodie von Gaetano Donizetti, ein heiteres Drama in zwei Akten über eine Theatertruppe, die daran scheitert, die Opera seria "Romulus und Ersilia" aufzuführen. Intrigen, Schmiere, Diven-Gehabe und die nackte Angst ums finanzielle Überleben.

Es geht, so der Originaltitel aus dem Jahre 1827, um "Le convenienze ed inconvenienze teatrali", also die "Sitten und Unsitten des Theaters", und der Ulmer Intendant Andreas von Studnitz inszeniert das mit seiner ganzen Erfahrung als klamaukige Schauspiel-Satire mit Gesang über den absurden Opernbetrieb; sehr heutige Anspielungen, Insider-Gags und Extra-Dialoge inklusive. Im ersten Akt zeigt Britta Lammers' Bühne die Probenbühne und viel Theater hinter den Kulissen: sehr lustig etwa Michael Burow-Geier als schwäbisch sich ereifernder Komponist. Im zweiten Akt sieht der Zuschauer auf die (unfertige) Bühne im Comic-Dekor von "Romulus und Ersilia" und erlebt eine völlig missratende Generalprobe des im üppigsten Antik-Trash kostümierten Ensembles.

Studnitz teilt in "Viva la Mamma!" heftig und derb aus, das Proben-Chaos und der harsche Ton scheinen reale Züge zu tragen. Für Selbstironie spricht, dass er sein einst bei "Pension Schöller" eingesetztes "Schlümpfekonzept" als gigantischen Regieeinfall herausstellt, über den aber alle hausintern höhnen. Wobei die Parade mit umgeschnallten Stummelbeinen auch ein Spott ist auf das Rampenstehen in der Oper. Ja, alle kriegen ihr Fett ab, natürlich auch der örtliche Zeitungskritiker.

Dann aber wird nicht mehr nur über den Opernbetrieb gelästert, dann ist es der Opernbetrieb: Doch dieser ist, jetzt wirklich gesungen, nicht mehr so humorvoll, weil mit dem deutschen Text die Koloraturen holpern, dem Belcanto der Esprit fehlt und die Musik irgendwie nicht so wichtig klingt. Eine Wand verdeckt das von Michael Weiger solide dirigierte, solide spielende Orchester und dämpft es nieder. Mamma Agata aber ist eine Wucht, genauer: eine Wuchtbrumme. Dominik Nekel tritt als Theatermutter in einem roten Tanten-Fummel mit blonder Pony-Perücke auf, als sei Hape Kerkeling der Ehrengast. Nur spricht Nekel feines Fritz-Eckhardt-Wienerisch, der Bassist muss ein toller "Rosenkavalier"-Ochs sein, aber man kann auch "Viva la Mamma!" jubeln.

Nekel sticht aus der Knallchargen-Garde als wahrer Komödiant heraus und singt Buffo-Oper mit herrlich seriöser Stimme. Mamma Agata, die ihr verklemmtes Töchterlein Luigia (Maria Rosendorfsky) hätschelt und protegiert ("Remscheid, Gießen, Osnabrück/ alle sind nach ihr verrückt!"), hält sich allerdings selbst für die Ober-Diva. Sie kauft sich ein in die Produktion: rettet mit ihrem Geld das Theater.

"Ich war schon Vorsitzende der Theaterfreunde, als ihr noch in die Windeln g'schissen habt", herrscht Mamma Agata die Kollegen an. Sie singt dann auch noch die Arie "Heil sei dem Tag!" aus Lortzings "Zar und Zimmermann", worauf der Intendant (Joachim Pieczyk) in seiner Geldnot ihr einen Auftritt beim Fest für die neue Bestuhlung verspricht. Richtig, die Aufführung zieht sich im zweiten Teil dann doch sehr dahin und ist äußerst bemüht um lokalen Bezug.

Dann versucht Stefano (schön albern: Tomasz Kaluzny), der Ehemann der Primadonna (Edith Lorans), sich als nölender Ersatz-Tenor und Romulus den Dolch zu geben, schafft es aber nicht. Mamma Agata stöhnt auf und raunzt zur Bühne hin: "Bitte schön, lass' ihn endlich krepieren!" Ja, irgendwann ist es dann auch mal gut.

In der Hauptrolle: Dominik Nekel

Zur Person Der 1973 in Wien geborene Dominik Nekel, der jetzt als Gast die Titelpartie in "Viva la Mamma!" singt, gehört seit der Saison 2011/2012 zum Ensemble des Landestheaters Linz und feierte dort nicht zuletzt großen Erfolg als Baron Ochs auf Lerchenau im "Rosenkavalier". Das Ulmer Publikum aber kennt den Bass schon lange: Nekel hatte unter dem damaligen Intendanten Ansgar Haag 2005/ 2006 sein erstes festes Engagement und war am Karajan-Platz unter anderem als Ramphis ("Aida") und Leporello zu erleben. Danach wechselte er ans Staatstheater Meiningen.

Aufführungen Die nächsten Vorstellungen von "Viva la Mamma!": wieder an Aschermittwoch, 10. Februar, sowie am 12., 14., 18., 27. Februar.

SWP

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr