Die Burka, ein rotes Tuch
Ulm/Neu-Ulm. Eine verschleierte Frau in einem öffentlichen Gebäude, für Gerd Zillhardt ein Affront. Doch in Ulm gibt man sich bedeckt: Für ein Verbot fehle die Rechtsgrundlage, heißt es. Ohnehin gebe es kaum Beschwerden.
Unbehagen, Unverständnis, Verärgerung. So beschreibt Gerd Zillhardt seine Gefühle beim Anblick einer Frau mit Ganzkörperschleier in einem öffentlichen Gebäude. Etwa in der Ulmer Stadtbibliothek. Eigentlich "ein Ort der Aufklärung und Offenheit", sagt er, an dem die Verhüllung des Gesichts völlig fehl am Platze sei. "Verschleiern darf man sich, aber wehe man macht Krümel oder bringt den Hund mit", sagt der pensionierte Geschichtslehrer.
Schon häufiger ist ihm eine Frau mit Niqab, der nur die Augenpartie unverdeckt lässt, begegnet. Religiösen Zwang oder eine Provokation vermutet der Ulmer dahinter. Beides sei nicht akzeptabel. Zumal er befürchte, dass so das "Unbehagen in der Bevölkerung gegenüber muslimischen Mitbürgern und deren religiös berechtigten Anliegen" in der Öffentlichkeit zunehme. Vor einigen Wochen wandte sich Zillhardt deshalb an die Bibliotheksleitung und forderte ein Hausverbot für verschleierte Frauen.
Ohne Erfolg. Die Hausordnung treffe keine Aussage, dass das Tragen einer Burka verboten ist. "Insofern sehe ich keine Handhabe, Ihrem Wunsch zu entsprechen", heißt es in einer Stellungsnahme des Direktors der Stadtbibliothek. Die hatte Jürgen Lange zuvor mit dem Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner und der Rechtsabteilung der Stadt abgestimmt. Eine Änderung der Hausordnung und damit der Satzung der Bibliothek könne nur durch den Gemeinderat erfolgen, heißt es in dem Schreiben an Zillhardt weiter. Es gebe, so Lange weiter, "momentan keine gesetzliche Grundlage, das Tragen einer Burka in öffentlich zugänglichen Räumen ... zu verbieten".
Gibt es denn weitere Klagen über verschleierte Frauen in der Stadtbibliothek? "Nein", sagt Lange. Seine Mitarbeiter hätten nichts von Diskussionen oder gar Problemen berichtet.
Das gleiche Bild bei anderen öffentlichen Einrichtungen in Ulm und Neu-Ulm: So gut wie keine Beschwerden, heißt es seitens der Städte. "Zu uns ist niemand gekommen und hat sich beklagt", betont die Neu-Ulmer Pressereferentin Sandra Kohnle. "Allerdings ist eine Frau in Burka in Neu-Ulm eher die große Ausnahme."
Doch für den 66-jährigen Zillhardt ist die Angelegenheit zur Grundsatzfrage geworden. "Wenn sich bislang niemand anders beschwert hat, heißt das noch lange nicht, dass eine Burka-Trägerin für die Menschen kein Problem darstellt." Mit der Stellungnahme Gönners und Langes möchte sich der Ulmer nicht zufrieden geben. Natürlich stehe nichts von einer Burka in der Hausordnung öffentlicher Gebäude wie etwa der Bibliothek, meint er. Eben, weil das Thema hierzulande neu sei. "Deshalb muss man nun reagieren und nicht erst auf eine gesetzliche Grundlage warten", meint Zillhardt. Er fordert die Stadtverwaltung auf, "couragiert und selbstbewusst" eine eigene Position zu vertreten und hat nun alle Fraktionen im Stadtrat angeschrieben, mit der Bitte um Stellungnahme. Bislang hat er nichts gehört.
Weitere Artikel:
- HINTERGRUND: Konvertiert: Ein Leben hinterm Schleier
- Verfassungsrechtliches Gutachten: Unfassendes Verbot in Deutschland unmöglich
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Autor: NICOLE REUSS | 24.08.2010
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Ob Burka oder, wie hier, Niqab: Das Tragen eines Ganzkörperschleiers ist in keinem öffentlichen Gebäude in Ulm verboten. Foto: dpa
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Kommentare (4)
Schluss mit Spekulationen
Liebe Leserinnen und liebe Leser,vernünftig wäre es doch die Trägerin direckt selber anzusprechen, was denn ihre Motivation sei, solch eine Kleidung zu tragen. Leider werden wir hier mal wieder Zeuge von Spekulationen und falschen Vermutungen, denn, dass die konvertierte Deutsche sich zum Tragen des Schleiers VOR der Heirat mit dem Bösewichtmuslim entschied, möchte hier natürlich keiner wissen.
Ein solch unqualifiziertes Verhalten eines Geschichtslehrers, der doch als studierter Historiker wissen sollte, zu welchen Ergebnissen solch eine verurteilende und intolerante Vorgehensweise führen kann. Wir sollten endlich begreifen, dass diese Menschen ein Teil dieser Gesellschaft sind und ihren Beitrag hier leisten. Von einem Pädagogen hätte man sich sicherlich ein klärendes Gespräch zwischen den betroffenen Parteien gewünscht, statt sich hinter dem Rücken dieser Dame zu beschweren und öffentlich so bloß zu stellen.
Die Burka--Ein rotes Tuch
Wo ist denn der Unterschiedzwischen Burka und Vermummten????
Das eine wird geduldet,die Vermummung ist aber Strafbar.
Was haben wir nur für ein Rechtssystem in Deutschland???İch kann auch nicht im Ausland immer nur Provozieren.Wo soll das noch hinführen?
Recht und Ordnung nur, wenn sie dem eigenen...
Da stellt jemand eine demokratische Anfrage und wird korrekt und mit Verweis auf geltendes Recht und Ordnung abschlägig beschieden - aber statt das zu akzeptieren, wird Druck gemacht. Für sein persönliches Wohlgefühl will Zillhardt die im Grundgesetz verankerten Rechte beschnitten sehen - will nicht wissen, wo er jahrzehntelang unterrichtet hat...Unabhängig von Unterdrückung oder nicht ist die Burka in der öffentlichen Wahrnehmung längst zur Phantomdebatte geworden, und ich sehe sie auch schon hier kommen, die blinden PI-Gläubigen.
Es geht gar nicht darum, Aufklärung und Moderne zu forcieren. Man will das Problem nur nicht mehr vor der Nase haben. Was dann im Wohnzimer passiert, in das wir nie sehen werden, kümmert nicht weiter, solange man sich stolz wegen des bisschen Symbolpolitik auf die Schultern klopfen kann. Arme Europäer sind wir.