Die Bedrohung früh erkennen
Ulm. Welche fachlichen Konsequenzen müssen Jugendpsychiater, Psychologen, Lehrer und Sozialarbeiter aus den Amokläufen an Schulen ziehen? Damit beschäftigt sich ein Symposium an der Uni-Klinik.
Amokläufe an Schulen sind selten. In Deutschland gibt es etwa einen vollendeten Fall pro Jahr. Für Wissenschaftler heißt das: Statistisch verlässliche Aussagen über potenzielle Folgetäter sind schwierig zu treffen. Dennoch gibt es Möglichkeiten für eine Risikoeinschätzung, sagt Prof. Reinmar du Bois, Leiter der Klinik für Kinderpsychiatrie am Stuttgarter Olgahospital. „Alle bisherigen Amokläufer hatten schwerwiegende psychiatrische Probleme.“ Daher sei anzunehmen, dass auch künftige Täter psychisch krank sind – und sich mitunter sogar in längerfristiger ärztlicher Behandlung befinden.
Welche fachlichen Konsequenzen müssen Jugendpsychiater, Psychologen, Pädagogen und Schulsozialarbeiter aus den Schulmassakern von Winnenden und Co. ziehen? Mit dieser Frage beschäftigte sich gestern ein Dutzend Experten aus Medizin, Kriminologie, Rechtswissenschaft und Politik auf einem Symposium an der Uni-Klinik. Wie kann man Trittbrettfahrer von wirklich gemeingefährlichen Tätern unterscheiden? Wie geht man mit ihnen um? Welche Bedeutung haben Internet-Foren beim Mobbing von Schülern? Das waren nur einige der diskutierten Themen.
Gastgeber Prof. Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiatrie, war Mitglied des Expertenkreises „Amok“ der Landesregierung, der nach dem Massaker von Winnenden gebildet wurde. Selten sei eine Fachtagung bei Pädagogen, Therapeuten und Schulsozialarbeitern auf derart großes Interesse gestoßen, sagt er. „Wir mussten über 100 Interessenten absagen, weil das sonst die räumlichen Kapazitäten gesprengt hätte.“
Bei einem Schulamokläufer muss eine Menge zusammenkommen, betont du Bois, der auch Gutachter im Winnenden-Prozess ist. Da sei zum einen das Persönlichkeitsprofil des weitgehend sozial isolierten jungen Menschen, der sein Heil in ausgiebigen Gewaltspielen am Computer sucht und dort starke Suchttendenzen entwickelt. Das allein reiche jedoch nicht aus – sonst gäbe es tausende Amokläufer. Zwingend hinzu kommen psychiatrische Aufälligkeiten, etwa Depressionen. Viele potenzielle Amokläufer beschäftigten sich intensiv mit dem Thema „Tod“, auch mit ihrem eigenen. Der zweite Amokläufer-Prototyp ist der autistisch wirkende und oft auch nach außen hin skurril auftretende Jugendliche, der nicht zwischen Phantasie und Realität unterscheiden kann. Vergleichsweise selten ist der Psychopath: unempathisch, gefühlskalt und mit einer Freude an Gewalt.
Wie soll ein Arzt reagieren, wenn ein Patient Gewaltphantasien äußert, etwa von den Waffen seines Vaters schwärmt? Für den Ulmer Medizinethiker Prof. Heiner Fangerau ist klar, dass die ärztliche Schweigepflicht Grenzen hat. Allerdings nur dann, wenn eine Gewaltankündigung realistisch ist und der Patient sich weigert, ein sofortiges Therapieangebot wie eine Klinikeinweisung anzunehmen. „Diese Abwägung stellt Ärzte unter Umständen vor ein Dilemma.“
Für Fegert ist der freie Zugang zu Schusswaffen ein zentrales Problem, „auch wenn das banal klingt“. Außer dem Psychopathen, der sich die Waffe notfalls mit Gewalt besorge, scheiterten die übrigen Amoklaufkandidaten in der Regel an der Beschaffung, sagt Fegert. Ausnahme: Waffen sind im häuslichen Bereich frei verfügbar. An diesem Punkt müsse man ansetzen, sagt der Ärztliche Direktor der Ulmer Jugendpsychiatrie. „Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter müssen an die Familien rankommen und auch eine Jugendarbeit in den Schützenvereinen etablieren, die in vielen Dörfern oft das einzige soziale Angebot darstellen.“
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Autor: Christoph Mayer | 02.12.2009
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Einschusslöcher in der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen nach dem Amoklauf eines 17-jährigen. (Archivfoto)
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Kommentare (1)
Unzulässiges Schließen wider sozialer Tatbestände
Nichts anderes charakterisiert Dilettantismus mehr, als zum vermeintlich Gemeinsamen (vgl. Bäuml, 1994: 1) zweier durch die Wirklichkeit geschlossener und damit sich gegenseitig ausschließender Dimensionen wie denen psychischer und krimineller Ereignisse ein Gespräch zu versuchen. Weil es solches Sowohl-Als-Auch real wie zuvor auch künftig nicht gibt, sondern stets ein Entweder-Oder, kann ein so genannter Amokläufer allein entweder in seinen jungen Jahren zum Schwerverbrecher geworden sein oder aber seelisch leidend sein. Andere Schlüsse sind unzulässig und widersprächen allen gesellschaftlichen Tatbeständen.