Die "Ärzte" als Laternen-Joe im Ulmer Roxy

Bescheidenheit ist ihre Sache nicht. "Die Ärzte" nennen sich auch schlicht "die beste Band der Welt". Und die war jetzt im ausverkauften Roxy - allerdings inkognito, unter dem Bandnamen Laternen-Joe.

Der Erfolg hat seinen Preis. Mit ihm wachsen die Bühnen, und damit wächst die Distanz zum Publikum. Je größer eine Bühne ist, desto teurer werden auch die Karten. Und wer viel Geld ausgibt, um seine Heroen mal live auf der Bühne zu sehen, darf erwarten, dass die Herren dort oben im Rampenlicht auch die Hits spielen, die sie groß gemacht haben. Und zwar in einer ordentlichen Version, die nicht nur eingeschworene Fans erkennen. Merke: Auch Pop hat seine Marken, und im Live-Paket sollte drin sein, was außen auf der Packung, respektive auf dem Ticket, steht, damit das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.

Die Ärzte sind eine dieser erfolgreichen Bands - und das schon seit Jahrzehnten. Und sie haben ein Problem: Denn groß geworden sind die Spaß-Punker durch ihre provokanten Scheiben, die in den frühen Jahren schon mal indiziert wurden. Die Radios boykottierten sie, die Konzerte waren trotzdem ausverkauft. Das ist längst Schnee von vorgestern. Denn seit Jahren ist das Trio ein sicherer Hitlieferant, wird von den Medien hofiert und ist zum Markenprodukt mutiert - mit allen negativen Begleiterscheinungen.

Was tun, um sich als Musiker seinen Spaß zurückzuholen? Man tourt inkognito, denkt sich einen Fantasienamen aus, streut aber genügend Gerüchte, um auch sicherzustellen, dass die Fans mitbekommen, dass hinter den Namen Jealousy, Julia und Jack Laterne und der Band Laternen-Joe sich niemand anderes verbirgt als Farin Urlaub, Bela B. und Rod Gonzalez, also "Die Ärzte". Und schon ist man den Fluch des Markenartikels los. Darf wieder rocken, was man will und wie man will.

Und das taten die Drei im binnen weniger Stunden ausverkauften Roxy denn auch - unter anderem. Denn über weite Strecken nahmen Bela B. und Farin Urlaub ihre Aufgabe, das Publikum zu unterhalten, sehr wörtlich und quasselten vor allem, Jealousy alias Farin übrigens im für einen Berliner recht flüssigen Reutlinger Schwäbisch. Und die beiden frönten auch in der Vergangenheit, gruben jede Menge Songs aus der Popgeschichte aus und lieferten eigenwillige Versionen etwa alter Uriah-Heep-Titel ab, das aber mit hohem Spaßfaktor - auf und vor der Bühne.

Und die Herren plauderten auch aus dem Nähkästchen des Popstars, der keinen Schlaf findet, weil die Seehunde des Zirkus Krone die ganze Nacht Radau gemacht hatten. Schlaflos in Ulm wurde denn zum Running Gag des Abends, wurde immer wieder ad hoc verreimt, auch in jeder Menge Ärzte- Songs extemporiert, denn von denen gab es zwischen Gealbere und Gequassel unterm Strich doch eine ganze Menge zu hören. Unter anderem "Junge", "Das Lied vom Scheitern", "Unrockbar", "Vampyr", "Schrei nach Liebe", "Rebell", aber auch ältere wie "Wilde Mädchen" oder "Lustiger Astronaut". Alles, wie man es von den Ärzten gewöhnt ist - mal mit der Präzision eines Uhrwerks und ausgefuchsten Arrangements, die vergessen lassen, dass da gerade mal drei Herren ihre Instrumente bearbeiten, dann wieder an der Grenze zum Dilettantismus intoniert. Macht ja nix, ist ja kein Ärzte-Konzert. War es aber doch.


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Autor: HELMUT PUSCH | 28.04.2011

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