Der Zuschauer als Kritiker: Verdis "La Traviata" am Theater Ulm

Musikalisch ein Genuss - aber teilweise zu modern inszeniert. Die Meinungen über Matthias Kaisers Fassung von Verdis "La Traviata" fürs Theater Ulm sind geteilt. Eva-Marie Mihai hat Besucher befragt.

SWP |

Karl Heinz und Theresia Geier, Wiesensteig (77): Diese "Traviata" könnte man ebenso gut auf größeren Bühnen zeigen. Die Violetta (Edith Lorans) und der Alfredo (Andre Nevans) haben uns so gut gefallen, wie noch nie ein Solistenpaar im Theater Ulm. Die Inszenierung (Matthias Kaiser) war sehr schön ins Heute übertragen. Schließlich haben wir dieselben Probleme wie die Menschen vor 200 Jahren. Besonders gefallen hat uns auch die Lichttechnik (Bühne: Detlev Beaujean). Die schönen Farben und die Spots waren zart ausgewogen. Das hat die Stimmungslage perfekt unterstützt.

Gerhard Schmiedel, Ulm (59): Die Idee mit dem riesigen Reifrock, der sich als Bühnenbild durch alle drei Akte zieht, fand ich problematisch. Zum Beispiel in der ersten Szene, als die Violetta von oben gegen einen geballten Chor ansingen muss. Das macht es ihr unnötig schwer. Außerdem habe ich das Gestell des Reifrocks als Käfig empfunden, der eine große Distanz von den Akteuren zu mir als Zuschauer schafft, genauso wie das Bett im letzten Akt, das auf der Bühne sehr weit hinten stand. Das hat den direkten Kontakt zum Zuschauer verhindert. Das passt eigentlich nicht zu Verdis direkter Musik.

Katrin Wolfinger, Ulm (45): Das war das Schönste, was ich je gesehen habe. Wegen mir hätte das Ganze noch drei Stunden länger dauern können. Wenn Alfredo (Andre Nevans) gesungen hat, hat das einen direkt getroffen. Auch wenn man kein Italienisch versteht, musste man den deutschen Text nicht mitlesen, man hat einfach gefühlt, was da vor sich ging.

Gizem Kirlikova, Ulm (23): Das Stück ist sehr emotional. Der Regisseur hat das sehr gut gemacht. Das ganze Stück ist sehr lebendig, man kann sich richtig mit den Figuren identifizieren. Besonders im 4. Akt, als Violetta auf dem Totenbett liegt, da entsteht eine Traurigkeit, die man als Zuschauer richtig mitfühlt. Edith Lorans als Violetta war für mich die beste Akteurin des Abends, aber ich mochte auch Alfredo (Andre Nevans) und den Doktor (Don Lee) sehr.

Walter Barth, Blaustein (71): Meine Frau und ich waren begeistert von der lebendigen Aufführung, es war nicht eine Sekunde langweilig. Mal wieder eine musikalische Meisterleistung vom Ulmer Theater. Aber nicht nur fürs Ohr, sondern auch für das Auge. Inszenierung, Bühnenbild und das Orchester (Timo Handschuh) - alles wirklich sehr gut. Ich finde das Ulmer Theater großartig.

Lilli Kral, Neu-Ulm (60): Musikalisch fand ich es hervorragend. Die Violetta hat ja stimmlich furchtbar viel geleistet. Aber auch der Vater (Kwang-Keun Lee) und die Zofe (Eleonora Halbert) waren sehr gut. Die Aufmerksamkeit lag natürlich bei dem Neuen: Andre Nevans als Alfredo. Er hat sich sehr gut gemacht. Was mir nicht gefallen hat, war der Chor, der zu Beginn Selfies schoss. Ich mag es einfach nicht, wenn Leute permanent mit Handys herumlaufen.

Denis Zimmermann, Ulm (30): Ich weiß noch nicht, wie ich die Umsetzung des Stückes finden soll. Manchmal fand ich die Inszenierung unverständlich. Zum Beispiel dieses klobige Krankenhausbett am Schluss oder der Boxkampf. Er symbolisiert ja eigentlich sehr gut den Kampf der Liebe, aber andererseits hat das hat doch mit Gewalt nichts zu tun. Das finde ich schwierig. Aber es ist ja der Sinn der Sache, dass man auch hinterher noch darüber nachdenkt. Was mich sehr gestört hat, waren die beiden Umbaupausen. Die waren zu lang und einfach nervig.

Theresa Huhn, Ulm (45): Musikalisch ein Genuss - ästhetisch aber keine schöne Aufführung. Das war mir zu spartanisch gehalten. Es war verwirrend, dass die Figuren Kostüme aus unterschiedlichen Epochen anhatten. Man versteht nicht so recht, was der Regisseur damit beabsichtigt. Außerdem fand ich die Liebesbeziehung des Paares unglaubwürdig. Die sahen nicht so aus, als seien sie unsterblich ineinander verliebt.

Tickets und Termine

Vorstellungen Noch 12 Mal steht Giuseppe Verdis "La Traviata" auf dem Spielplan des Theaters Ulm: am Sonntag, 19 Uhr, am Mittwoch, 15. Oktober, 20 Uhr, sowie am 17., 19., 25., 31. Oktober, am 19. und 30. November, am 20. und 26. Dezember, am 11. Januar sowie am 25. Februar. Karten sind noch erhältlich an der Theaterkasse (Tel.: 0731/161 4444 oder E-Mail theaterkasse@ulm.de).

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