Der Zuschauer als Kritiker: Strindbergs "Totentanz" am Theater Ulm

Die Resonanz auf die Ulmer Inszenierung von August Strindbergs Ehehölle in "Totentanz" fällt unterschiedlich aus. Besetzung und Bühne aber gefielen den meisten der von Otfried Käppeler befragten Zuschauer.

Helgard Röderer (68), Ulm: Der Stoff ist herber Tobak. Aber das Thema, die Beziehung zwischen Mann und Frau, ist heute noch aktuell. Wenn die Frau heute auch etwas emanzipierter ist, sie muss sich doch noch behaupten. Karl Heinz Glaser als Hauptmann gefiel mir gut, Ulla Willick als seine Frau Alice war mir nicht emanzipiert genug. Jugendfreund Kurt (Gunther Nickles) blieb eher blass. Im Großen und Ganzen war die Inszenierung (Antje Thoms) ordentliches Handwerk.

Michael Spaun (25), Dornstadt: Ich fand die Inszenierung ganz gut. Die Kontrahenten sind gut dargestellt und das Auftauchen des Jugendfreunds löst schlüssig den Bruch in der Beziehung des Ehepaars aus und zeigt den Kern der Krise auf. Das Bühnenbild spiegelt das Innere der Figuren. Wolken, Meer, das ganze Naturbild verändert sich je nach Stimmungslage. Einziger Wehrmutstropfen: die unglückliche Pause kurz vor dem Höhepunkt. Die hätte ich an eine der beiden Aktgrenzen verlegt, um die Eskalation vor Wiederauftauchen des Ehemannes nicht so zu unterbrechen.

Christof Heim (34), Weilheim/Teck: Das ist ein tolles Schauspiel mit drei tollen Schauspielern, die es geschafft haben, die große Bühne zu füllen. Zum Inhalt: Für die junge Generation ist nicht nachvollziehbar, wie man sich in der Ehe so aufgeben kann. Entweder es funktioniert, oder man trennt sich. Das Bühnenbild finde ich toll.

Konstantin Brade (21), Dornstadt: Ich fand den Totentanz gut gespielt und inszeniert, das Bühnenbild sehr gut. Bei der Hexenjagd war es mir zu puristisch und bei Madama Butterfly zu langweilig. Den Ehemann fand ich etwas besser als seine Frau Alice, weil er lebendiger gespielt hat und das Hinterlistige der Figur herausholte.

Markus Csulits (55), Ulm: Ich überlegte, ob ich mir das Stück überhaupt antun soll. Es war tatsächlich schwer auszuhalten. Aber so ein Drama gehört zur Mischung eines Theaterprogramms. Für das Stück gilt der Satz des Pädagogen Bert Hellinger: "Leiden ist leichter als lösen." Tatsächlich ist wenig Entwicklung drin und am Ende kann man nur sagen, so schlimm ist es bei mir nicht. Da hat man ein gutes Gefühl.

Eckhard Steger (74), Ulm: Mir und meiner Frau hat die Vorführung sehr gut gefallen. Wir sind 51 Jahre verheiratet, ich kenne mich im Eheleben aus und Eheprobleme sind immer wieder da, wobei wir nie so gestritten haben wie die. Gunther Nickles als Freund des Ehepaars versteht es, immer wieder Ordnung hineinzubringen. Das Bühnenbild fand ich besonders gut, insbesondere die Beleuchtung des Horizonts und die Musikunterlegung, da hätte man ins Schwärmen kommen können. Wir älteren Menschen haben manchmal Hörprobleme im Theater, an diesem Abend aber nicht.

Irene Trojan (58), Burlafingen: Die Schauspieler haben die Charaktere sehr gut verkörpert, Bühnenbild und Lichteffekte waren gelungen. Mich beeindruckt immer wieder, wie effektiv am Ulmer Theater mit Licht gearbeitet wird. Eine sehr stimmige Inszenierung.

Jochen Schaub (37), Biberach: Ich fand die Inszenierung mittelmäßig bis okay. Der Totentanz ist ein intensives Stück, die Handlung jedoch absehbar. Bis zur Pause fand ich die Inszenierung relativ moderat mit dem gleichbleibenden Tempo. Am Schluss ging es dann sehr schnell, es wurde fast zu dicht.

Cordula Winterholler (48), Erlangen: Das tut mir jetzt richtig leid, aber ich muss sagen, dass es mir überhaupt nicht gefallen hat. Es ist schwierig, die Nuancen der Personen darzustellen. Was an subtiler Zwischenmenschlichkeit läuft, können die Schauspieler nicht umsetzen. Die Figuren sind in der Anlage grob geschnitzt, sodass schwer nachvollziehbar ist, wie es zum Zusammenbruch kommen kann. Das liegt nicht nur am Stück, sondern auch an den Schauspielern und der Regie. Kurt zum Beispiel kommt als Katalysator nicht zur Geltung. Das Bühnenbild mit der Beleuchtung zeigt dem Zuschauer sozusagen mit dem Hammer, was jetzt läuft. Das ist nicht Strindberg, der ist diffiziler.

Berthold Dworzak (60), Neu-Ulm: Karl Heinz Glaser als Edgar hat in Mimik und Gestik ganz wunderbar die unterschiedlichen Facetten der Figur herausgestellt, Ulla Willick habe ich bewundert, wie sie das Dämonische darstellte. Zuerst habe ich sie als Opfer gesehen, doch dann kam ihr teuflischer Charakter hervor, der in der Szene gipfelte, als Kurt ihr die Schuhe küssen musste.


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Autor: SWP | 27.10.2011

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