Der Ulmer Carsten Boeck unterstützt blinde PC-Nutzer

Ulm.  Ein Tor zur Welt ist das Internet für blinde Menschen. Doch im weltweiten Netz warten Barrieren. Wie sie überwunden werden können, hat der Ulmer Carsten Boeck in einem Workshop für blinde PC-Nutzer gezeigt.

Pling. "Sie haben eine neue Nachricht erhalten", informiert die synthetische Stimme nicht eben sonor. Für Hartmut Dorow aber ist sie unverzichtbar. Das Briefchen auf seinem Computerbildschirm kann der 62-Jährige genauso wenig sehen wie die wirbelnden Schneeflocken vor seinem heimischen Bürofenster. Dorow ist blind, seit sein Kopf vor 51 Jahren wegen eines vermeintlichen Tumors bestrahlt wurde.

Die Stimme aus dem Lautsprecher ist steter Begleiter, wenn er vor dem Computer sitzt. Ein Tipp auf die mit Aufklebern präparierten Felder der Tastatur, und die Mail wird vorgelesen. Oder die Informationen einer Internetseite. Reist der Böfinger etwa mit dem Zug, kann er so vorab die Nummern der Bahnhofsmissionen recherchieren, die ihm beim Umsteigen helfen. "Das Internet ist für uns Blinde ein Tor zur Welt, eine Möglichkeit zur Teilhabe", sagt der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte der Stadt Ulm. Ein Tor, das verschlossen bleibt, wenn etwa eine Nachricht graphisch dargestellt wird wie bei HTML- und PDF-Dokumenten. Dann bleibt Dorows Lautsprecher stumm. Die Braille-Zeile, mit der Text auf sein Display geleitet wird, das er mit den Fingerkuppen "liest", kann nicht reagieren. Und Dorows Maschine, mit dem er Texte in der verkürzten Blindenschrift Braille ausdruckt, steht still.

Einer, der solche Barrieren zu überwinden weiß, ist heute zu Gast bei Dorow. Carsten Boeck hat kürzlich für blinde und sehbehinderte Menschen aus der Region einen Workshop veranstaltet. Zwei Abende saßen die drei Frauen und zwei Männer dicht an dicht in Dorows kleinem Büro zusammen. Jetzt besucht Boeck sie zu Hause. Denn jeder hat mit der Technik so seine individuellen Probleme, für die der 31-Jährige Lösungen austüftelt.

Das kann zum Beispiel das Umwandeln einer graphischen Datei in eine reine Textdatei sein. "Du bist zu schnell", mahnt Boeck Dorow, dem er beim Umwandeln auf die Finger schaut. Die Männer gehen vertraut miteinander um. Im Herbst sind sie bei einer Veranstaltung ins Gespräch gekommen. Als Dorow vor Weihnachten Ärger mit seinem PC hatte, kam Boeck. Von Haus aus ist der Geschäftsführer mit drei Firmen in Ulm Marketingdienstleister. 20 Jahre private Erfahrung mit Hard- und Software haben ihn jedoch kundig gemacht. Zwei Stunden später lief in Dorows Büro wieder alles wie es sollte. Die Weihnachtsmails waren gerettet - und die Workshop-Idee geboren.

"Wer blind ist, kann sich zwar eine fertige Computerlösung kaufen, es gibt seitens der Hersteller aber kaum weiterführende Hilfen. Das ist ein Problem", erklärt Dorow. Der frühere Rechtspfleger beim Amtsgericht trommelte die Teilnehmer, darunter zwei Berufstätige, zusammen. Alle nutzen das gleiche Bildschirmleseprogramm, Screenreader genannt. "Jetzt sind die Teilnehmer auf einem Stand und können sich gegenseitig weiterhelfen", sagt Boeck, der seine rare Zeit kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Mehr als 70 mögliche Tastenkombinationen erschweren blinden Menschen zusätzlich die Arbeit am PC. Mit der Maus können sie nicht arbeiten. Und so hat Boeck eine Menge Befehle so angelegt, dass sie für blinde Menschen nutzbar sind.

Dorow hat den Anhang seiner Mail inzwischen erfolgreich als Textdatei abgespeichert. Die Synthetikstimme verliest den Inhalt Zeile für Zeile. "Wenn ich mir jetzt überlege, wie ich am Anfang meiner beruflichen Laufbahn ganze Gesetze in Blindenschrift abgeschrieben habe, wie müßig alles war . . .", erinnert sich der 62-Jährige kopfschüttelnd. "Sie haben eine neue Nachricht erhalten", tönt es abermals aus dem Lautsprecher. PDF hin, HTML her, Dorow kann sie nun "lesen".


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Autor: NICOLE REUSS | 12.03.2010

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