Der Kampf um die Ulmer Identität

Ulm.  Bei den Besserers in Obertalfingen stiegen einst Herzöge ab. Gestern war das Schloss mal wieder kurzzeitig gesellschaftliches Zentrum Ulms.

Die Familie Besserer stiftete Identität in Ulm wie kaum eine zweite. Besserers gaben Ulm wohl die Stadtfarben, blieben für Ulm im Felde, führten in Ulm die Reformation ein, ja, es hätten mehr von ihnen sein dürfen, wie ein Sprüchle über Ulms Patriziergeschlechter besagt: "Einige Kraft, wenig Besserer, viel Schad." Was blieb, ist ein Schloss von ihnen: Obertalfingen. Hart am Rande Ulms gelegen, rückt es jetzt wieder ins Bewusstsein - dank eines Buches des heutigen Mit-Hausherren Michael Geyer.

Tatsächlich sagt Geyer, das Buch sei "aus einem gewissen Unmut heraus entstanden", da Obertalfingen von den Ulmer Behörden oft nach Bayern verschoben oder Böfingen zugeschlagen wurde. Wo bleibt da die Identität? Dieser Unmut ist noch besserer nachzuvollziehen, bedenkt man, dass Geyer seinerseits einer stadtprägenden Ulmer Sippe entstammt. Gestern knüpfte er mit der Buchvorstellung nun dafür in gut gelaunter Gesellschaft an Zeiten an, die 500 Jahre zurückreichen. 1540 erwarb Eitel Eberhard Besserer das Schloss, das fortan bis zum Tode Martha Besserers 1980 in Familienbesitz blieb. Heute sorgt eine Eigentümergemeinschaft aus drei Familien für alten Glanz und neuen Stolz. So fiel mitten in der Identitätskrise bei einem Obstwiesenfestle vor dem Schloss der Entschluss: "Wir müssen was machen."

Es wurden drei Fahnenmasten aufgestellt und mit Ulmer Farben beflaggt. Dann schrieb Geyer einen Brief an den OB, der so ironisch war, dass er ihn lieber nicht abschickte. Dann schrieb er ein witziges Buch, das beim Stadtarchivdirektor durchfiel. Es wurde so lange geschüttelt, bis die Ironie draußen war. Nun liegt ein weniger politisches denn historisches Werk über Obertalfingen vor, das den Vorteil hat, dass es die Zeitläufte überdauern dürfte.

Verleger Ulrich Klemm rührte genau diese Geschichte des kleinen gallischen Dorfes umringt von Bayern. Von dort war gestern der Elchinger Bürgermeister Joachim Eisenkolb hochgekommen und verriet, seine Einheitsgemeinde habe bis heute kein gemeinsames Wappen. So viel zur Identität.

Info Das Buch gibt es für 13,80 Euro im Buchhandel. Besprechung folgt.


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Autor: JAKOB RESCH | 30.07.2010

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