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Der Abschied tut weh

Eine Institution geht. Hans Mahlknecht hört nach 36 Jahren im Zunfthaus der Schiffleute im Ulmer Fischerviertel auf. Mit Wilhelm Schubert junior aus der Lochmühle steht der Nachfolger schon bereit.

EDWIN RUSCHITZKA |

Hans Mahlknecht blickt zurück - mit Freude, mit Wehmut, aber auch im Zorn. Wer bei ihm die ganze Bandbreite der Gefühle erlebt, der spürt sofort: Da geht einer, der mit vollster Überzeugung Wirt in einem der bekanntesten Gasthäuser in Ulm war, im Zunfthaus der Schiffleute im Fischerviertel.

Seit 1977 führt der im österreichischen Tirol geborene Gastronom das Gasthaus, bis zu seinem Herzinfarkt in den ersten 15 Jahren auch als Küchenchef. Am morgigen Samstag aber ist definitiv Schluss, und gleich nach den Weihnachtsfeiertagen werden von Donnerstag bis Samstag (9 bis 17 Uhr) in einem Flohmarkt die Restbestände des Inventars verkauft. Eine ausgesprochene Abschiedsparty gibts nicht, Hans Mahlknecht will eher im Stillen Abschied nehmen von seinem Lebenswerk.

Die Stadt Ulm, der das Haus gehört, hat längst einen Nachfolger gefunden: Wilhelm Schubert junior, gelernter Küchenmeister aus der Lochmühle, ebenfalls im Fischerviertel gelegen. Der 32-Jährige, der im Hotel zur Post in Leipheim gelernt und unter anderem im Hotel Schweizer Hof in Sankt Moritz gekocht hat, wagt zusammen mit seiner Frau Birgit erstmals den Schritt in die Eigenständigkeit. Allerdings nicht weit vom Vater entfernt, der in der Lochmühle verbleibt.

Schubert junior wird das Zunfthaus der Schiffleute renovieren und voraussichtlich gleich am 14. Januar wiedereröffnen. Die ganz große Veränderung plant er nicht, "ganz sicher keinen Nachtclub", wie er lachend sagt. "Der Charakter des Hauses bleibt bestehen." Aber neue Besen wollen anders kehren: Schubert setzt in Zukunft stark auf regionale Produkte und eine schwäbische Speisekarte. Die Biervielfalt wird aber eingeschränkt. Das Mahlknecht-Personal will er größtenteils übernehmen.

Auf seinen Nachfolger blickt Mahlknecht mit etwas Skepsis: Dass der neue Wirt die von ihm eingeführte und bewährte Biervielfalt einschränken und auf drei Sorten begrenzen will, hält er für einen Fehler. Mit Argwohn betrachtet er auch die Umbaupläne seines Nachfolgers. Im Clinch liegt Mahlknecht zudem mit der Stadt Ulm, deren Renovierungsauflagen er für überzogen hält. Dass die Stadt ihrerseits das Wirtshausschild nicht ablösen will, ärgert ihn gewaltig. Mahlknecht hatte es vor Jahren vom Kunsthaus Frey übernommen und aufwendig umbauen lassen. "Das ist sicher das am meisten fotografierte Schild in Ulm", sagt er mit Stolz. 5000 Euro will er dafür haben. "Und wenn die das nicht bezahlen, schraube ich es ab und nehme es mit."

Bei all seinen Befürchtungen wird eines deutlich: Da hängt einer immer noch mit ganzem Herzen an einem Gasthaus, dessen Geschicke er 36 Jahre lang bestimmt hat. Auf der einen Seite will der 68-Jährige loslassen, auf der anderen Seite fällt ihm genau das unheimlich schwer. Vor allem, wenn er an die schönen Tage zurückdenkt. "Nein", sagt er im hohen Brustton der Überzeugung, "das Zunfthaus ist keine Gaststätte allein für Touristen". Auch wenn vor allem Firmen sein Haus für Geschäftsessen gebucht haben. "Wenn bei Iveco ein neues Feuerwehrfahrzeug abgeholt wird, dann wird hier gegessen." Aber auch viele Ulmer hielten ihm bis zuletzt die Treue, darunter seit der Eröffnung vor 36 Jahren der Stammtisch der Skiabteilung im Deutschen Alpenverein. "Alle sind schon jenseits der 80, der Älteste sogar 94 Jahre alt." In einem Fassreifen, der über dem Stammtisch hängt, findet man sogar die Namen der Verstorbenen.

Mahlknecht hat viele bewirtet, darunter Nobelpreisträger und hohe Politiker. Auch Altkanzler Helmut Kohl gehörte dazu. Dabei ist das Zunfthaus geschichtlich gesehen eigentlich kein Gasthaus. Die Stadt Ulm hatte das Haus aus dem 15. Jahrhundert Mitte der 70er Jahren erworben und renovieren lassen. Über Jahrhunderte hatten darin Familien gelebt, die anfangs vom Fischfang oder Fischhandel lebten, später dann vom Schiffbau. Hans Mahlknecht war der erste Wirt. Er bleibt es noch bis Samstag.

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