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Denkanstöße gegen das Mittelmaß in Ulm

Mehr als 50 Jahre lang hat Inge Fried, Mit-Stifterin der Kunstsammlung Fried, leidenschaftlich am kulturellen Leben in Ulm teilgenommen. Jetzt zieht sie weg - mit schönen und enttäuschenden Erfahrungen.

PETRA KOLLROS ... | 0 Meinungen

Frau Fried, Sie waren als Ehefrau des Kulturjournalisten, Galeristen, Sammlers, Stifters Kurt Fried auch nach dessen Tod 1981 immer mitten drin im Ulmer Kulturleben. Jetzt führen wir ein Abschiedsgespräch. Wohin zieht es Sie mit 80 Jahren?

INGE FRIED: Ins Land meiner Kindheit. Ich bin zwar in Berlin geboren, aber im Bayerischen aufgewachsen. Später habe ich in Ulm meine Schul- und Buchhändlerlehrzeit absolviert. Ich ziehe nach Gröbenzell bei München in eine Anlage "Betreutes Wohnen" und damit auch etwas mehr in die Nähe meiner Tochter und weiterer Verwandter und Freunde.

Auch hier gibt es Betreutes Wohnen. Warum kehren Sie Ulm nach mehr als 50 Jahren den Rücken?

FRIED: Ulm ist jetzt einfach ein Kapitel, das für mich abgeschlossen ist, mit Ausnahme meiner Freunde. Ich habe seit der Eheschließung mit Kurt Fried in 53 Jahren viel Engagement auf verschiedenen Gebieten eingebracht. Und jetzt möchte ich in den Jährchen, die mir hoffentlich noch gegönnt sind, einfach mal etwas für mich tun.

Was tut Inge Fried denn gern?

FRIED: Ich möchte noch einige Klassiker der Literatur lesen, die ich noch nicht kenne. Und ich möchte mich vor allem mit Religionsgeschichte und jüdischer Geschichte weiter beschäftigen. Ich möchte begreifen, wie es zu Antijudaismus und Antisemitismus mit all den entsetzlichen Konsequenzen kommen konnte.

Aber das könnten Sie doch auch in Ulm wunderbar machen . . .

FRIED: Nein. Es gibt kein Jüdisches Kulturzentrum wie in München, und es gibt keine Universität, wo jüdische und alttestamentarische Geschichte gelehrt wird. In München würde ich da gerne als Gasthörerin teilnehmen.

Hier im Haus Fried im Silvanerweg, wo wir jetzt sitzen, begann 1959 die heute legendäre Galerie "studio f" mit ihren Ausstellungen. Es gingen progressive Künstler und Theaterleute ein und aus. Sie waren als junge Frau mitten drin in einer Ulmer Kulturszene, die als besonders fruchtbar in Erinnerung ist, mit prägenden Persönlichkeiten . . .

FRIED: Das stimmt, das Leben mit Kurt Fried war stark dominiert von seinem Beruf, seiner Leidenschaft für die kulturelle Prägung der Stadt, für Theater und vor allem für Kunst. Für diesen Reichtum an Eindrücken bin ich unendlich dankbar. Besonders die Phase der kulturellen Aufbrüche der 50er und 60er Jahre werde ich nie vergessen. Unvergessen auch, wie diese Aufbrüche, die herrliche kulturelle Zündelei, von den Verantwortlichen ermöglicht und mitgetragen wurde. Da gibt es Namen wie vor allem OB Theodor Pfizer, Herbert Pée (Museum), Herbert Wiegandt (Stadtbibliothek), am Theater natürlich Kurt Hübner und Peter Zadek mit Wilfried Minks, die von Ulm ausgehend das deutsche Theater revolutionierten, und Uli Brecht mit seinem genialen Dramaturgen Claus Bremer. Nicht zuletzt auch die Impulse der Gesellschaft 1950 mit ihren international besetzten Bach-Tagen unter der Regie von Hans Zumsteg. Und es gab einen lebhaft Anteil nehmenden und unterstützenden Gemeinderat. Die Münchner Abendzeitung schrieb seinerzeit: "München ist kulturell ein Vorort von Ulm".

Aber auch die jüngere Vergangenheit muss für Sie doch erfreulich gewesen sein. Die Stadt hatte schließlich, nach langem Zögern und Verzögern zwar, für elf Millionen Mark den Neubau für die Sammlung Fried gebaut. Wurden da nicht alle Ihre Wünsche erfüllt?

FRIED: Es ging hier nicht um Wunscherfüllung, sondern um eine Auflage des Schenkungsvertrages. OB Gönner hat das verstanden. Nicht die Stadt hat der Familie Fried einen Gefallen getan, sondern die Familie Fried hat der Stadt mit der Sammlung ein vielfaches Millionenvermögen geschenkt. Und ohne den Fried-Bau und die damit ermöglichten späteren Erweiterungen Richtung Neue Straße stünde das Museum gegenüber der Kunsthalle Weishaupt heute recht popelig da.

Es ist Ihnen in der Zeit des Ringens um Präsentationsräume für die Sammlung phasenweise also so vorgekommen, als sehe die Stadt die Stiftung als Ballast an?

FRIED: Ja, und zwar heute noch. Seit zehn Jahren, seit der Erweiterungsbau steht, mache ich unzählige Führungen. Oft sind die Leute so begeistert von der Sammlung, dass aus der Gruppe heraus gleich die nächste Führung verabredet wird. Aus dem Rathaus haben sich bisher nur Frau Mayer-Dölle, ein Stadtrat der FDP mit Freunden und die Fraktion der Grünen von mir in der Sammlung führen lassen. Ich hätte mich ja schon gefreut, wenn in diesen zehn Jahren auch sonst jemand aus dem Gemeinderat wenigstens mal zu mir gesagt hätte: Dankeschön, Frau Fried, das ist eine tolle Sache. Es war, als ob der Beschenkte das Geschenk niemals wirklich ausgepackt hätte.

Heißt das, auch das Museum hätte mehr "auspacken", sprich: mehr mit der Sammlung veranstalten können?

FRIED: Da muss ich die bisherige Museumsdirektorin Brigitte Reinhardt ganz ausdrücklich hervorheben. Ihre erste Aktion nach Antritt ihres Jobs war eine Gesamtausstellung der Sammlung Fried in fast allen Räumen des Ulmer Museums und im Schuhhaussaal mit blauen Transparenten über einigen Straßen der Innenstadt. Es war einfach großartig! Bei der Eröffnung des Erweiterungsbaus zehn Jahre später war die Sammlung so vorzüglich gehängt, dass man daran fantastisch ihre didaktische Absicht dokumentieren konnte, nämlich wie sich die Kunst seit 1940/50 entwickelt hat und die einzelnen Tendenzen aufeinander reagieren. Diese Grundlinie aufzeigen zu können, war mir für meine Führungen wichtig, und das hat Frau Reinhardt auch bei notwendigen Veränderungen in der Hängung immer berücksichtigt.

Haben Sie jetzt nicht das Gefühl, die Sammlung im Stich zu lassen?

FRIED: Nein, ich habe mich 20 Jahre stark für die Sammlung eingesetzt. Das, was ich glaubte meinem Mann schuldig zu sein - übrigens auch meinen Kindern -, habe ich eigentlich gut über die Runden gebracht. Jetzt darf ich mich zur Ruhe setzen. Die Belange der Sammlung wird in Zukunft ein noch einzusetzendes Kuratorium wahrnehmen.

Solches Verhalten der Mit-Stifterin einer bedeutenden Kunstsammlung gegenüber, wie Sie es geschildert haben, zeugt auch von einem Verfall des kulturellen Stils in Ulm. Haben Sie dafür noch andere Beispiele?

FRIED: Ja, sicher. Wenn ich bloß an die bodenlose Schande der Löwenmensch-Aktion denke! Mit diesen aufgeblasenen Gorillas schien den Verantwortlichen jeglicher Sinn für Ästhetik abhanden gekommen zu sein. Der frühere vh-Leiter Manfred Escherig hat einmal in einer Kritik einer Milde-Inszenierung der "Zauberflöte" geschrieben: "Und Milde darf man hier nicht walten lassen."

Gilt die Kritik auch für die Spatzen-Invasion wenige Jahre zuvor?

FRIED: Das war hübsch und lustig und passte stimmig zu unserer berühmten Spatzenlegende.

Weitere Sündenfälle?

FRIED: Das Donaufest, es steht für Mittelmaß und Drittklassigkeit, es ist ein provinzielles, kleinkariertes Volksfest mit einer leider nur scheuen Ecke für gute Literatur. Angesichts der aufregenden Geschichte - Kelten, Griechen, Römer, Osmanen, neuere Zeit - und Kunstgeschichte des Donauraumes kommt der künstlerische und historische Anspruch viel zu kurz, ja, ist nicht einmal wirklich sichtbar.

Wie wäre Abhilfe zu schaffen?

FRIED: Durch Mut zum Außergewöhnlichen. Volksfest muss sein, ist aber nur die eine Seite. Beispielsweise könnten zeitgenössische Künstler aller Donauländer in einer übergreifenden Ausstellung in allen drei Museen - Ulmer Museum, Donauschwaben- und Neu-Ulmer Museum - versammelt werden. Auch großartige Geschichtsdokumentationen sind denkbar. Viele komplizierte Entwicklungen heute versteht man erst aus der Geschichte dieser Region. Natürlich muss eine Öffentlichkeitsarbeit dafür so weit ausholend und attraktiv sein, dass Leute aus der ganzen Bundesrepublik anreisen müssten.

Was kritisieren Sie noch?

FRIED: Einmal die Streichung des Zuschusses für die Neue Musik im Stadthaus, ein Glanzlicht im kulturellen Alltag der Stadt. Diese Streichung ist leider wieder ein Beispiel missglückten Prioritätenverständnisses. Vielleicht auch, weil kaum einer der Entscheidenden jemals in einem dieser sensationellen Konzerte gesehen wurde. Und dann bedaure ich sehr, dass das Gebäude der renommierten HfG provinziellen Vermarktungszwecken zugeführt wird, anstatt über Inhalte nachzudenken, die seiner international bedeutenden Geschichte würdig sind.

Aus Inge Fried spricht die Frau, die sich immer wieder zu Wort gemeldet hat. Auch zu anderen Themen. Hat es sich gelohnt, sich einzumischen?

FRIED: Wenn man das Privileg der Unabhängigkeit hat, keine beruflichen oder sonstigen Beeinträchtigungen fürchten muss, muss man den Mund aufmachen. Das heißt nicht, dass man immer Recht hat. Meine Ablehnung des Museumsstegs war ein Irrtum. Und schließlich: Man rügt ein Kind, weil man es gut mit ihm meint. Ich bin von Kurt Fried angesteckt worden, mich mit dieser Stadt leidenschaftlich zu identifizieren, besonders mit der Kultur, und meine kritischen Einmischungen wollten im Grund nichts anderes, als ein bisschen zu ihrem Besten beizutragen.

Besonders groß war Ihr Engagement für das Dokumentationszentrum und gegen Rechtsradikale.

FRIED: Ich habe viele vom Doku-Zentrum eingeladene ehemalige Ulmer Juden im Laufe der Jahre bei mir beherbergt. Die Begegnungen mit diesen Menschen gehören zu den beeindruckendsten Erlebnissen meiner Ulmer Zeit. Da liegt es nahe, sich gegen Rechts zu engagieren. Und Rechtsradikalismus gibt es nicht nur unter Jugendlichen, den gibt es auch noch in bürgerlichen Kreisen, das habe ich durch die ganze Zeit mit Kurt Fried durch üble anonyme Briefe, Drohungen und dadurch benötigten Polizeischutz oder auch menschliche Fäkalien vor meiner Gartentür erfahren müssen - gewissermaßen bis heute geht das so.

Was meinen Sie damit?

FRIED: Wegen meines Wegzugs wollte ich mich von einer kleinen Immobilie trennen. Als ein Interessent meinen Namen erfuhr, erklärte er: Von einer Inge Fried kaufe ich nichts. Gemeint war natürlich, dass er von der Frau Kurt Frieds nichts kauft. Könnte ja jüdisch vergiftet gewesen sein.

Da schimmert Antisemitismus durch. Dieses Kapitel und die Tragödie der jüdischen Familie Fried hat Ihre Tochter Amelie in der eindrucksvollen und zu großen Teilen in Ulm spielenden Familienbiografie "Schuhhaus Pallas" aufgearbeitet. Einverstanden mit dem Ergebnis?

FRIED: Ja, sehr, es ist ein Buch gegen das Schweigen und Verschweigen, ein Dokument der ganz alltäglichen Verachtung und unmenschlicher Schikanen durch Obrigkeit, aber auch durch Mitbürger. Und wie durchlittenes Grauen auch später noch zum Beispiel auf Familien zurückwirken kann. Gerade ist "Schuhhaus Pallas" als Taschenbuch herausgekommen mit wichtigen Ergänzungen durch neu entdeckte Dokumente.

Sie sind Mutter dreier erfolgreicher Kinder. Wie wichtig ist Familie für Sie?

FRIED: Oh, sehr wichtig. Ich selber bin ein Scheidungskind, hatte aber das Glück einer zauberhaften Kindheit und später ferienhalber auch Jugend im Schoß einer verwandtschaftlichen Großfamilie. Das wäre mein Traum gewesen - vielleicht nicht gerade der Traum meiner Kinder! -, aber die beruflichen und familiären Konstellationen der Kinder heutzutage sind nicht mehr dafür geeignet.

Die größte Enttäuschung in Ulm?

FRIED: Die geschilderte Rezeption unserer Sammlung in Ulm und die ohne erkennbare Begründung versagte Unterstützung der SÜDWEST PRESSE, ausgerechnet Kurt Frieds Zeitung, im Kampf um die Museumserweiterung.

Was gefällt Ihnen an Ulm?

FRIED: Eine gute Auswahl an Bildungsmöglichkeiten: die vh, die mich seit Inge Scholls Anfangszeiten immer wieder mit ihren Angeboten bereichert hat bis zu meinem Spätabitur 1987 im Abendgymnasium. Oder das Weiterbildungs-Zentrum für ältere Menschen an der Universität, Zawiw, dessen Förderkreis ich fünf Jahre geleitet habe. Seit vielen Jahren ist aber das Humboldt-Studienzentrum an der Uni wie eine zweite Heimat für mich.

Und sonst?

FRIED: Die gute Jugendmusik, die interessanten, musikalisch bewegenden Wiblinger Bachtage und natürlich unser vielgestaltiges Museum mit hochkompetenten Mitarbeitern, Nachklängen der vielseitigen, sorgsam ordnenden Gestaltungsära Erwin Treu und der Zeit einer entdeckungsfreudigen Brigitte Reinhardt, derzeit auch Studnitz einfallsreiches Theater. Nicht zu vergessen die Entschiedenheit, mit der die Stadt, an der Spitze OB Gönner, für Antifaschismus und Gedenkkultur einsteht. Überzeugt bin ich vom Modell der künftigen Synagoge und ihrem Standplatz, und wunderbar finde ich das Stadthaus samt seinen ausgesuchten Angeboten. Ich freue mich für Ulm über die großartige Sammlung Weishaupt und besonders über die Ankunft der progressiven Sammlung Rentschler in Ulm. Seine Art zu sammeln erinnert mich an die meines Mannes. Und - wer liebt es nicht? - unser Münster, vor allem das Chorgestühl. Vom obersten Turmkranz sah ich 1945 Ulm in Trümmern liegen. Unvergessen.

Noch was vergessen?

FRIED: Auch das gefällt mir: Wenn ich durch die Platzgasse auf den Markt gehe. Da heißt es von links: Grüß Gott, Frau Fried, von rechts: Hallo, Inge. Die vielen freundlichen Geschäftsleute und auch meine tollen Handwerker. Es ist das Vertraute, Persönliche, und ich liebe den schwäbischen Dialekt. Aber jetzt muss ich umlernen und statt "ade" auf Bayerisch "servus" sagen.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie?

FRIED: Dankbar für einen ungeheuren Reichtum an Lernendürfen, Freundschaften und Sympathien.

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