"Den Turm braucht es nicht"

Seit zehn Jahren ist Andrea Engel-Benz katholische Kirchengemeinderätin. Jetzt kandidiert sie wieder. Fragen zur Lage der Kirche, zu den Missbrauchsfällen - und zum Plan, den Wengenturm zu erhöhen.

Frau Engel-Benz, Sie sind 2. Vorsitzende des katholischen Gesamtkirchengemeinderats in Ulm, damit die ranghöchste Ulmer Laien-Repräsentantin der katholischen Kirche. Sie treten wieder an. Warum?

ANDREA ENGEL-BENZ: Ich kandidiere zunächst erst einmal wieder für den Kirchengemeinderat meiner Heimatgemeinde St. Maria Suso. Der KGR entscheidet dann, welche Vertreter er in den Gesamtkirchengemeinderat entsendet.

Was sind die Gründe für Ihre Kandidatur?

ENGEL-BENZ: Ich schätze das offene und vertrauensvolle Miteinander in der Suso-Gemeinde und in den Gremien. Ich kann mich mit meinen Fähigkeiten und, was mir ganz wichtig ist, meiner Meinung im Team engagieren. In unserer Gemeinde steht ein Pfarrerwechsel an, so dass es einfach auch Sinn macht, dass ich mich im KGR weiterhin einbringe. Und ich habe Lust dazu.

Ist Ihnen die nicht vergangen, nachdem viele Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Gewalt gegen Kinder in katholischen Bildungseinrichtungen bekannt werden?

ENGEL-BENZ: Es macht mich sehr zornig, dass Männer - und das waren nicht nur Männer der katholischen Kirche - ihre Position, ihre Vertrauensstellung bei Kindern und Jugendlichen so schamlos ausgenutzt, sie körperlich und seelisch missbraucht und ihnen für ihr Leben schweren Schaden zugefügt haben. Warum haben die Kinder sich nicht einmal ihren Eltern anvertrauen können? Warum haben Kollegen, Vorgesetzte geschwiegen, vertuscht, geleugnet, statt einzugreifen?

Das, immerhin, soll jetzt geschehen.

ENGEL-BENZ: Es ist gut, dass diese Vorfälle ans Licht der Öffentlichkeit kommen, so sehr es mich als Katholikin schmerzt, dass katholische Priester, Ordensleute und Mitarbeiter in großem Umfang daran beteiligt waren.

Muss man sich als aktiver Christ schämen für die katholische Kirche?

ENGEL-BENZ: Ich müsste mich schämen, wenn ich selber Unrecht begangen oder tatenlos zugeschaut hätte. Es gab schon öfter Entwicklungen in der Institution Kirche, die mir große Bauchschmerzen bereitet haben. Aber: Ich bin in der katholischen Kirche groß geworden, geprägt durch die Klosterschule der Ursulinen in meiner Heimatstadt Osnabrück. Ich fühle mich in der katholischen Kirche in Ulm, in meiner Suso-Gemeinde und in der Klara-Kirche verwurzelt. Ich habe beeindruckende Persönlichkeiten in der Kirche kennen gelernt, die Vertrauen verdienen.

Wen zum Beispiel?

ENGEL-BENZ: Wo fange ich an, wo höre ich auf? Ich kenne viele haupt- und ehrenamtlich tätige Frauen und Männer in der katholischen Kirche, die nicht im Rampenlicht stehen, die für mich Vorbild sind. Der liberale Geist in den Ulmer Kirchengemeinden, unter Amtsträgern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ermutigt mich, weiterzumachen.

Nochmals zu den Missbrauchsfällen: Können die denn überhaupt aufgearbeitet werden?

ENGEL-BENZ: Das Thema muss und kann aufgearbeitet werden. Dafür braucht man aber Zeit. Schnellschüsse unterm Druck der Öffentlichkeit bringen nichts. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen meiner Kirche die richtigen Antworten finden. Dass sie sich darum bemühen, steht für mich außer Zweifel.

Nach Ulm: Welches sind die derzeit größten Herausforderungen für die katholische Kirche?

ENGEL-BENZ: Wir haben uns auf einer Klausur des Gesamtkirchengemeinderats 2007 erstmals intensiv mit der Zukunft der Gesamtkirchengemeinde im Hinblick auf die pastorale Arbeit und die Entwicklung des Gebäudebestandes beschäftigt. Beide Themen bleiben aktuell für das nächste Gremium.

Worum geht es da genau?

ENGEL-BENZ: Hintergrund ist, dass der Unterhalt von Kirchen und Gemeindehäusern jährlich Unsummen verschlingt, sei es durch die inflationär steigenden Energiekosten, sei es, dass dringende Sanierungsarbeiten in der Warteschleife sind.

Und die inhaltliche Kirchenarbeit?

ENGEL-BENZ: Wir haben im ersten Schritt unsere Gemeinden gefragt, welches Gemeinde-Profil sie entwickeln wollen, was für sie am Ort unverzichtbar ist, was sie zum Leben der Kirche in der Stadt beitragen können oder wen sie einladen möchten, um die Gemeinderäume mit zu nutzen. Der zweite Schritt wäre, daraus ein Konzept für den Gebäudebestand zu entwickeln: Welche Gebäude brauchen wir für unsere Arbeit? Wo kann man Räume aufgeben, wo gemeinsam nutzen, wo macht eine Modernisierung Sinn? Ich hoffe, dass es gelingt, in den nächsten Jahren zu einer Lösung zu kommen, weil uns sonst die finanzielle Entwicklung überholt.

In der Stadt wird die katholische Kirche nicht zuletzt wahrgenommen als Trägerin von Kindergärten und -tagesstätten . . .

ENGEL-BENZ: . . . die eine weitere Herausforderung bilden. Hier gibt es ständig neue Entwicklungen. Ich bin froh, dass wir mit dem Kooperationsverbund katholische Kindertagesstätten ein starkes Instrument geschaffen haben, das uns hilft, am Ball zu bleiben und qualitätsvolle Arbeit anbieten zu können.

Der Bau einer neuen Turmspitze für die katholische Innenstadtkirche St.

Michael zu den Wengen zählt nicht zu Ihren Prioritäten.

ENGEL-BENZ: Nein.

Sind Sie etwa gegen den Turmbau zu Ulm?

ENGEL-BENZ: Ich halte das Projekt für nicht notwendig. Es ist unbestritten, dass Wengen als Kirche in der Stadt eine besondere Rolle einnimmt. Die Kirche ist mit ihrer gelungenen Sanierung 1998 attraktiv und einladend geworden. Ihre Türen stehen immer offen und viele Menschen nutzen schon jetzt das Angebot zur Einkehr. Für den Aufbau einer "City-Pastoral" in Wengen braucht es in meinen Augen ein Konzept, aber keinen Turmanbau.

Was erstaunt: Außer der Wengen-Gemeinde äußert sich seitens der katholischen Kirche so gut wie niemand.

ENGEL-BENZ: Die Wengen-Gemeinde ist in ihrer Entscheidung für den Turm, dessen Baulast das Land trägt, souverän. Wenn die Stadt Ulm und das Land Baden-Württemberg sich finanziell beteiligen wollen, ist das ebenfalls ihre Sache. Mittel aus der Gesamtkirchengemeinde fließen nicht ein. Also hält man sich als Außenstehender zurück.

Es existiert bereits ein Förderverein Wengenturm. Spontan traten an die 60 Personen bei, darunter namhafte Ulmer. Sind die alle schief gewickelt?

ENGEL-BENZ: Ich muss ja ein Projekt nicht gut finden, nur weil, wie Sie es bezeichnen, namhafte Ulmer mitwirken. Ich kenne die Liste der Mitglieder und ihre Motive nicht, aber ich respektiere selbstverständlich deren Engagement. Mir persönlich nimmt das Thema Architektur in Ulm einen zu hohen Stellenwert ein. Man sollte sich auch immer fragen, wem sie dient.

Was fällt Ihnen ein zum Stichwort Ökumene?

ENGEL-BENZ: Margot Käßmann. Sie hat ihr persönliches Scheitern, als sie mit Alkohol am Steuer gefahren ist, ohne Wenn und Aber eingestanden und damit wahre Größe gezeigt. Eine starke Frau, herausragende Theologin, brillante Rednerin. In Ulm freue ich mich immer wieder, wenn ich in Gottesdiensten evangelische Pfarrerinnen erleben darf.

Katholische Pfarrerinnen: Einer Ihrer Träume?

ENGEL-BENZ: Ja, ich träume davon, dass die katholische Kirche sich endlich öffnet, Frauen als Diakoninnen und Pfarrerinnen zulässt.

Falls Sie wieder gewählt werden, wie lautet Ihr Wunsch für die kommende Amtszeit?

ENGEL-BENZ: Ich wünsche mir, dass wir in den Gremien weiter wie bisher eine offene Gesprächskultur pflegen, getragen von gegenseitigem Respekt.


Kommentare (1)

13.03.2010 12:10 Uhr |   houlot

Interview Frau Engel-Benz

Respekt Frau Engel-Benz.
Bewundernswert klare, ehrliche, sachliche und sinnvolle Argumente und Antworten.
Schön dass es Sie gibt. Danke. Alles Gute und viel Erfolg

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