Das Jugendstück "Die Durstigen" im Podium

Wajdi Mouawads "Die Durstigen" ist ein rätselhaftes Stück über das Erwachsenwerden. Im Podium wird es eindringlich, unauflöslich und ziemlich surreal erzählt. Beklemmungen sind garantiert.

CHRISTINA KIRSCH |

Wahrscheinlich muss man dieses Stück nicht verstehen. Wahrscheinlich kann man die Figuren zwischen Fiktion und Realität so undurchschaubar rätselhaft stehen lassen. "Seltsam" ist noch ein milder Ausdruck für dieses verschrobene und verschobene Kuriosum des kanadisch-libanesischen Autoren Wajdi Mouawad im Podium.

Es gibt einiges zu sehen. Inmitten einer Sehnsuchtslandschaft (Raum, Kostüme: Britta Lammers) prangt ein Spiegel. Es ist die Tür zum Zimmer des Mädchens Norwegen. Norwegen hat sich eingeschlossen. Die Eltern, erschreckend schön gespielt von zwei Kindern des Jungen Forums, sind so ratlos und bemüht, wie einfühlsame Eltern nun mal sind. "Lass uns reden", bitten sie. Und dringen doch nicht vor. Das Fenster zum Kind bleibt blind.

Daneben hockt auf einer Plüschinsel Gerichtsanthropologe Boon. Vor ihm ein Aquarium, daneben eine rosa Palme, was so gar nicht zur Melancholie des verkannten Dichters passt. Boon hat eine Wasserleiche auf dem Seziertisch. Nein, eigentlich sind es zwei Menschen, erzählt er und klappt die Scheiben seines Vesperbrotes auseinander, um sie dann wieder zusammenzukleben. So, wie man das ertrunkene Paar gefunden hat.

Der männliche Teil dieser verrotteten Verschlingung ist Boom bekannt: Silvain Murdoch, ein Junge aus der Klasse seines Bruders. Erinnerungsfetzen steigen auf. Keine schönen Erinnerungen. Das Werden und Vergehen ist bei allen drei Protagonisten mit Schmerzen verbunden. Sie sind diesen Dingen ausgeliefert. Es geschieht einfach.

In Barbara Fraziers Inszenierung platzt Murdoch unvermutet aus einem Kokon auf die Bühne und schreit heraus, was ihn nervt: Dieser Fuck-Scheiß-Bungalow, diese Fuck-Scheiß-Bushaltestelle, dieses Fuck-Scheiß-Leben ohne Lebendigkeit seien unerträglich. Durch die Pein des Heranwachsens boxt sich Murdoch mit prolligem Gehabe. Christian Streit gibt der Figur brutale Unbedingtheit.

Boon ist der Introvertiertere, der Streber mit den nervösen Zuckungen, wenn es stressig wird. Matthias Happach spielt ihn zurückgenommen, betreten. Wenn schon nicht in den Sand, so steckt Boon seinen Kopf wenigstens ins Aquarium. Leere, Ausweglosigkeit und Raserei machen den Durstigen - und den Zuschauern - einen trockenen Mund. Von nirgendwo ist Hilfe zu erwarten. Und auch Norwegens Geheimnis ist der pure Horror.

Man darf in der surrealen Inszenierung voller Versatzstücke des Hässlichen keinen Funken Licht im Tunnel des Erwachsenwerdens erwarten. Das ist einerseits konsequent, andererseits Hoffnung raubend. Das Unbedingte des Erwachsenwerdens kommt zwischen Palmen und Plüsch schonungslos ätzend daher. Nach 90 Minuten muss man trocken schlucken.

Info Nächste Termine: 24. und 27. September, 7., 10., 16. und 30. Oktober. Karten: 0731/161 44 44.

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