Christian Streit spielt am Theater Ulm den Pinocchio

Seit zwei Jahren gehört Christian Streit zum Ensemble am Theater Ulm. Das Publikum liebt den 33-Jährigen in körperlichen, turbulenten Rollen - und nun darf er den Pinocchio spielen.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

Am Ende, das weiß Christian Streit aus Erfahrung, "werde ich meinen ganzen Sommerspeck los sein". Am Ende, das heißt, wenn er 35 Mal als Pinocchio auf der Bühne gestanden sein wird und Tausende Jungen und Mädchen begeistert und berührt hat. Denn kommende Woche feiert das Kinderstück am Theater Ulm Premiere, und Streit hat die Titelrolle inne.

Dieser Holzbub, der nicht ruhighalten kann, stets zu Streichen aufgelegt und keinem Abenteuer abgeneigt ist, der nur ein Ziel hat, nämlich ein Junge aus Fleisch und Blut zu werden: offensichtlich eine ideale Rolle für den 33-Jährigen. Die Theatergänger haben Streit seit 2013 als Autist Christopher Boone in "Supergute Tage" und als knuffiges Urmel aus dem Eis beklatscht, er hat in Komödien wie "Der nackte Wahnsinn" und "Die Nervensäge" herumwirbelnd begeistert.

Dieses sehr Körperliche, Energiegeladene sei eben seine Herangehensweise an Rollen, erzählt er, "und manchmal geht das auch mit mir durch". Wenn er "zu hippelig" werde, müsse er sich ganz bewusst zurücknehmen oder von der Regie bremsen lassen.

Aber Streit weiß, dass dieser Elan eine Qualität ist. Manchmal gibt er dabei so viel Vollgas, dass es selbstzerstörerisch wird, räumt er ein, "aber ich werfe mich nunmal immer total rein". Okay, in den "Pinocchio"-Proben überlegt er sich jetzt schon mal, "ob ich etwas dann wirklich 40 Mal auf der Bühne machen will" - zum Beispiel im Handstand singen, wie er es als Urmel wochenlang zweimal täglich getan hat.

Lebendig wird es in Martin Borowksis Inszenierung aber gewiss auch wieder zugehen. Und doch: Pinocchio sei letztlich eine sehr tragische Figur, findet Streit. Einer, der naiv, sorglos, mit einer "Was kostet die Welt"-Haltung auf alle zugeht, der mit offenen Augen und offenem Herzen unterwegs ist, der arglos nie das Unheil wittert und auf die Schnauze fällt, weil er falsche Entscheidungen trifft - eine Marionette mit dramatischer Fallhöhe. Umso mehr gefällt es Streit, dass sich Pinocchios Freundlichkeit eben doch irgendwann auszahlt.

Es geht aber nicht nur um Emotionen, wenn "Pinocchio" auf die Bühne kommt, sondern um ganz praktische Dinge. Etwa Pinocchios Nase, die bekanntlich - wenn er lügt - länger, dann aber auch wieder kürzer wird. "Die Nase", ächzt Streit, "die ist keine einfache Sache". Wo und wie man diese Gestänge ins Gesicht, in die Maske baut, wie man das alles verkabelt - das ist knifflig. Auch wenn das Kostüm nicht so schwer wie das vom Urmel sei, habe es trotzdem viele Schichten, sei eng und sehr warm. Dennoch, Streit ist nicht bang vor den vielen Vorstellungen und dem besonderen Publikum. Im Kindertheater verlaufe jede Vorstellung tatsächlich anders, "Kinder reagieren bei manchen Stellen total unterschiedlich".

Darauf zu reagieren, das gefällt ihm, auch wenn er das an keiner Schauspielschule gelernt hat. Christian Streit hat ohnehin keine ganz typische Schauspielervita. 1982 in Göttingen geboren, war er nach einer Automechaniker-Lehre über die Agentur für Arbeit am Jungen Theater Göttingen gelandet. Später hatte er sich in München in der freien Szene getummelt, nach einem Gastspiel ("Gespräche mit Astronauten") war er schließlich 2013 fest ans Theater Ulm gekommen.

Zwei Jahre Ensemble- und Repertoirebetrieb hat er nun hinter sich: "Man lernt erst, wenn man drinsteckt, wie die Mühle arbeitet." Ja, es sei wirklich harte Arbeit. Nach wie vor mag er es aber, "frisch und frei zu den Proben zu erscheinen, nicht schon alles vorher zu wissen". Er schätzt es, von erfahrenen Kollegen, den "Haudegen", zu lernen, "und die können auch was von den Jungen lernen". Wenn er dann mal, wie in "Der nackte Wahnsinn", als Geliebter der ein paar Jahrzehnte älteren Ulla Willick auf der Bühne steht, sei das einfach ein großer Spaß. "Und es ist super, vor einem vollen, brüllenden Saal zu spielen."

Dennoch findet der Vater einer knapp dreijährigen Tochter ruhigere, ernsthafte Rollen zunehmend reizvoll. Nicht immer nur den Haudrauf oder Kindskopf zu geben, sondern etwa den Anwalt Krogstadt in "Nora", das sei eine bereichernde Erfahrung gewesen. Es sei toll zu merken: "Mensch, solche Sachen liegen mir ja auch!"

So freut er sich in dieser Spielzeit schon sehr auf eine Hauptrolle in Horváths "Kasimir und Karoline". Zuvor aber ist Christian Streit Pinocchio: mit offenen Augen, offenem Herzen und vollem Einsatz.

Kommende Woche ist Premiere

Kinderstück Der einsame Gepetto traut seinen Augen kaum, als die selbstgeschnitzte Marionette zum Leben erwacht und Papa zu ihm sagt! Er nennt die Puppe Pinocchio und tut alles dafür, dass es seinem Jungen gut geht. Dabei ist dieser ein ausgesprochen freches Stück Holz und schliddert von einem Abenteuer ins nächste, anstatt brav zu sein. Pinocchio muss also lernen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. So kämpft er gegen jegliche Versuchungen und Gefahren an, um am Ende ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut zu werden.

Inszenierung Regie bei "Pinocchio" führt Martin Borowski, der auch die Stückfassung nach Carlo Collodis Kinderbuchklassiker von 1883 geschrieben und im vergangenen Jahr schon den "Zauberer von Oz" auf die Bühne gebracht hat. Bühne und Kostüme sind von Mona Hapke, die Musik ist von Daniel Hatvani.

Ensemble Es spielen: Christian Streit (Pinocchio), Christel Mayr (Signora Felicitá/Kater/Puppe), Wilhelm Schlotterer (Gepetto/Feuerfresser), Fabian Gröver (Carabiniere Bossi/Puppe), Barbara Trottmann (Fuchs/Bäckerin/Fischer/Puppe) und Daniel Klarer (Bauer/Fischer /Theaterjunge).

Termine Premiere ist am Donnerstag, 5. November, 9 Uhr. Danach sind bis Mitte Januar 34 Aufführungen angesetzt: Es gibt Vorstellungen um 9, 11 und um 13.30 Uhr - die besten Aussichten auf freie Plätze gibt es in den frühen Nachmittagsterminen. Kartentelefon: 0731/ 161 44 44.

 

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