Car2go macht in Ulm dicht - Pilotstadt war zu klein und zu teuer

Es war fast ein Abschied auf Raten: Car2go hat in Ulm die Preise erhöht, neue Zuschläge eingeführt, die Flotte verkleinert - und verfehlt doch die Gewinnzone. Nun macht Car2go am Pilotstandort Ulm dicht. Mit einem Kommentar von Frank König: Enttäuschung nach dem Hype.

FRANK KÖNIG | 4 Meinungen

Daimler verabschiedet sich mit dem Automietsystem Car2go vom Gründungsstandort Ulm. Sprecher Andreas Leo sagte, der Standort werde zum 31. Dezember 2014 geschlossen. Car2go stelle die Aktivitäten "schweren Herzens" in Ulm ein. Es gebe jedoch aus heutiger Sicht keine Perspektive, das System in Ulm "nachhaltig wirtschaftlich erfolgreich" zu machen, sprich in die Gewinnzone zu kommen. Die Entscheidung sei erst in diesen Tagen ganz kurzfristig gefallen. Partner von Daimler bei Car2go ist der französische Autovermieter Europcar.

Eine Schwierigkeit am Standort Ulm ist demnach vor allem die geringe Nutzerquote unter den registrierten Kunden. Zwar gibt es seit der öffentlichkeitswirksamen Markteinführung im März 2009 rund 20.000 registrierte Nutzer, die jedoch vielfach in der Anfangsphase zum Nulltarif eingestiegen sind. Der Anteil derjenigen, die tatsächlich mit den zuletzt noch 200 Smartfahrzeugen zum bereits erhöhten Minutenpreis von 31 Cent fahren, ist allerdings weit unterdurchschnittlich und beträgt lediglich ein Drittel. In anderen Städten sind 80 Prozent normal.

Car2go wächst sehr schnell und ist an 29 Standorten in Europa und Nordamerika vertreten, erst am Wochenende wurde der New Yorker Stadtteil Brooklyn eröffnet. Es gibt fast 900.000 Nutzer. Die Gewinnschwelle soll 2016 überschritten werden. Car2go-Kunden in Ulm/Neu-Ulm, die sich erst kürzlich für 19 Euro haben registrieren lassen, erhalten die Gebühr zurück. Dabei ist unklar, wie weit Car2go mit dem Zeitpunkt der Registrierung zurückgeht. Der Car2go-Chip und die Kundenkarte behalten jedoch ihre Gültigkeit und können für Fahrten an anderen Standorten benutzt werden. Für Inhaber eines Kontos auf der Daimler-Mobilitätsplattform Moovel ist dies europaweit möglich.

Daimler hat die beiden Oberbürgermeister in Ulm und Neu-Ulm, Ivo Gönner und Gerold Noerenberg, vorab über die Einstellung des über Jahre hinweg hochgelobten Mobilitätssystems informiert. Auf Wunsch der Nutzer wurde Neu-Ulm mit ein paar Monaten Zeitverzögerung zum Car2go-Gebiet hinzugenommen, später in der Peripherie auch Blaustein, Dornstadt, Senden.

Bei der letzten Preiserhöhungsrunde wurden dafür jedoch Außenzuschläge eingeführt. Dies sollte ebenfalls dem Ziel dienen, profitabel zu werden. Ulm war zuletzt der teuerste Car2go-Standort mit gesonderter Preisliste. In anderen Städten gilt überall 29 Cent pro Fahrminute. Aus Sicht Leos ist die Pilotstadt Ulm für das auf Ballungsräume zugeschnittene System mit frei verteilten Fahrzeugen - also ohne feste Mietstationen - letztlich zu klein.

Die Untergrenze liege eigentlich bei 500.000 Einwohnern. Außerdem gelte eine Bevölkerungsdichte von etwa 3000 Einwohnern pro Quadratkilometer als erforderlich. In Ulm habe man dies "nur in der Innenstadt erreicht". Daher sei zuletzt "nicht absehbar" gewesen, wie man vor Ort ausreichend Umsätze erzielt, um aus den Verlusten herauszukommen. Nun sollen auch zügig die speziellen Car2go-Parkplätze im Stadtgebiet gekündigt werden.

Der Sprecher erinnerte daran, dass die kommunale Seite das Projekt stets unterstützt habe. Car2go werde sich auch nicht vollständig aus Ulm zurückziehen. Vielmehr bleibe die Entwicklung der Telematik-Software bei der Daimler-Tochtergesellschaft TSS in der Wissenschaftsstadt angesiedelt. Hier geht es darum, das gesamte System zu programmieren: wie die Navigation mit den verschiedenen Geschäftsgebieten oder die Abrechnung.

Car2go hatte anfangs auch den Firmensitz in der Ulmer Wissenschaftsstadt, die Firma wurde aber nun auch wegen der Nähe zum Stuttgarter Flughafen nach Leinfelden-Echterdingen verlegt. Der eigentliche Start erfolgte in der Wissenschaftsstadt 2008: Car2go war damals zunächst ausschließlich für Daimler-Mitarbeiter zu Testzwecken offen. Nach dem erfolgreichen Start in Ulm wuchs die Flotte rasch auf 300 Fahrzeuge plus 25 Elektro-Smarts. Die Stadtwerke bauten die Strom-Tankstellen-Infrastruktur. Um dieses Stromtankstellennetz weiter zu nutzen und kein Carsharingloch in Ulm entstehen zu lassen, fordern die Grüne Fraktion Hoch drei nun einen Ersatz für Car2go in Ulm.

Daten und Fakten

Expansion Car2go hat nach dem Start in Ulm schnell expandiert. Es gibt inzwischen 12.000 Smart-Mietfahrzeuge, davon 1250 als E-Version. Die fast 900.000 Nutzer haben 27 Millionen Mieten absolviert und 200 Millionen Kilometer zurückgelegt. Nach dem Aus in Ulm ist Car2go noch in 28 Städten, es soll aber 2014 noch ein neuer Standort dazukommen. In Deutschland wurde zuletzt Frankfurt eröffnet.

Ein Kommentar von Frank König: Enttäuschung nach dem Hype

Wenn so um Weihnachten herum dann die Car2go-Smarts aus dem Stadtbild verschwinden, dürfte dies ein einigermaßen schmerzhafter Abschied werden. Unvergessen noch die Vorstellung des Mobilitätsprojekts im Daimler-Forschungszentrum in der Wissenschaftsstadt und der nachfolgende Hype mit Medienanfragen aus aller Welt.

Ein Auto mieten zum Handytarif lautete das Motto, der Preis für die Fahrminute lag gerademal bei 19 Cent. Der Charme des Systems bestand auch im Verzicht auf feste Mietstationen: Die Autos sollten im Stadtgebiet kursieren und waren per Computer oder Smartphone auffindbar. Die Stadt und ihre Menschen waren begeistert. Und Car2go wurde in der Folge zum Imagefaktor für Ulm.

Nach der Erfolgsgeschichte, die das Automietsystem in fünf Jahren geschrieben hat, schien es irgendwie klar, dass Ulm trotz fehlender Größe eine Art Bestandsgarantie hat - auch wegen des Bekenntnisses zu Car2go von kommunaler Seite, ungeachtet der Kritik an unnötigen Spritztouren. Daher kommt das Aus trotz der zunehmenden Abwertung Ulms mit Strafzuschlägen und maximalen Minutenpreisen überraschend.

Bei fast 30 Standorten hätte Car2go einen kleinen Verlustbringen mitziehen können, das macht jede Firma. So bleiben die Gründe für die Schließung ein Stück weit unklar. Das derzeit einzig Positive ist, dass der Konzern die Telematik weiter in der Wissenschaftsstadt entwickelt. Ansonsten bleibt viel Enttäuschung.

4 Kommentare

30.10.2014 16:10 Uhr

Ulm wird in die Geschichte eingehen

Als die Stadt, in der Car2go zuerst eingestellt wurde. Ob weitere folgen, wird sich zeigen. Damit es rentabel wird, muss man auch woanders die Preise kräftig anheben. Mal sehen, ob die Kunden reagieren wie in Ulm. Zumindest muss man sich jetzt hier keine Unwahrheiten mehr anhören." Es wird kein einziger regulärer Parkplatz wegen Car2go wegfallen", "Wegen Car2go wird es weniger Individualverkehr geben" und ähnlicher Quatsch.

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30.10.2014 10:37 Uhr

Tatsache ist auch,

und ich wiederhols gerne immer wieder, das nämlich etliche C2G-Autos quasie zu Privatautos umfunktioniert wurden. Ständig blockiert und auf sehr entlegenen Parkplätzen abgestellt. Es war und ist somit gar nicht möglich, das alle Autos allen Nutzern der C2G-Sharing-Cummunity jederzeit zur Verfügung stehen. Aber interessieren seitens C2G tut das bis heute keinen. Die Nutzer die sich so verhalten haben, haben eine erheblich Mitschuld am scheitern der Idee des Carsharing. Aber wie in Deutschland üblich geworden, werden jene die etwas falsch machen oder einen Schaden verursachen nicht bestraft, sondern immer alle anderen mit.

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30.10.2014 10:17 Uhr

Außer Spesen nichts gewesen

Wie, von mir schon zu Beginn von Car2go in Ulm hier geschrieben wurde, ist Car2go kein gemeinnütziger Verein, der Ulm ein neues Verkehrssystem schenken wollte. Mancher Politiker und auch die SWP glaubten daran. Es ging schlicht um Profit und der ist in Ulm mit solch einem System nicht zu erzielen. Mag sein, dass es in Metropolen, wo der Parkraum knapp und teuer ist, funktioniert. Hier ist der eigene Kleinwagen, bei regelmäßiger Nutzung, wesentlich preisgünstiger und komfortabler als Car2go zu den aktuellen Tarifen. Wer ernsthaft glaubte, die anfangs geforderten Car2go Tarife würden auf Dauer bestand haben, hat von Wirtschaft keine Ahnung. Saftige Preiserhöhungen und Änderungen der Geschäftsbedingungen verdarben den sparsamen Schwaben die Lust auf Car2go. Eine Farce war es, das Anfangsalter des Fahrers von 18 auf 19 Jahre anzuheben. Damit wurde das Werbeversprechen, junge Fahranfänger bräuchten sich kein eigenes Auto anzuschaffen, ad Absurdum geführt. Es wurde auch in keiner einzigen Studie belegt, dass der Individualverkehr in Ulm abgenommen hat. Schlicht, weil es nicht so war, sondern durch Car2go sogar zusätzlicher Verkehr generiert wurde. Peinlich, wie die Ulmer Provinzpolitiker und die SWP, auf die Werbeversprechen von Daimler hereingefallen sind.

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04.11.2014 10:48 Uhr

Autsch

Es tut weh. Ein super Grundkonzept. Hätte gut werden können. Leider ein Opfer darwinistischer Wirtschaftsmechanismen, wie so viele gute Ideen. Scheinbar füllen sich da irgendwelche Taschen wieder nicht schnell genug mit Kohle????
Was die Nutzer betrifft: Kann gut sein, daß eine Gesellschaft der EGO Kultur nicht reif für ein solches Konzept ist.
Wirkte irgendwie sozial, human...am Anfang...doch ein Narr, wer heute noch sowas glaubt, nicht wahr?

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Car2Go in Ulm und Neu-Ulm

Car2Go in Ulm und Neu-Ulm

Im März 2009 schickte Daimler das Automietsystem Car2go in Ulm an den Start. Ein paar Monate später wurden die Smart auch in Neu-Ulm angeboten. Inzwischen gibt es Car2go weltweit an 29 Standorten. Doch am Gründungsstandort Ulm ist jetzt Schluss damit.

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