Berufskleidung für den modebewussten Arzt und die extravagante Köchin

In dritter Generation führen Mark und Silke Bulling in Ulm ein Fachgeschäft für Berufskleidung. In den Regalen liegen heute weniger Blaumänner, dafür gibt es weit mehr Auswahl. Und sogar Modetrends.

NICOLE REUSS |

Prof. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik hatte ihn - und eine Zeit danach war er ziemlich out. Tatort-Prof. Boerne hat den Visitemantel in Eppendorfer Form nun wieder salonfähig gemacht. Bei "Bulling - Berufskleidung" im Hafenbad ist der lange taillierte Weißkittel mit ausgestelltem Rock und Gehfalte, Stehkragen und Stiftfächern von Ärzten stark gefragt. Ein Trend. Und längst nicht der einzige. Vorbei die Zeiten, als Berufskleidung sich auf ein, zwei Modelle Blaumann, derbe Sicherheitsschuhe und Schürzen beschränkte.

"Vor allem in von Frauen dominierten Berufen wie Arzthelferin ist die Auswahl immens gewachsen", sagt Inhaber Mark Bulling. Ganze 25 weiße Damen-Hosenmodelle stehen in der "Medizinabteilung" zur Auswahl: Röhren- und Stretchjeans, die jetzt so beliebten Chinos mit Bundfalten und tief hängendem Schritt, Hüfthosen, Hosen mit Schlag, Gummizug, Turn up (aufgekrempeltem Hosenbein), mit Stickerei und, und, und . . . Alle auf 95 Grad waschbar, für rund 30 Euro zu haben und mit entsprechendem Beruf von der Steuer absetzbar.

Vielfalt, die sich Bullings Großvater Alfons 1948 bei der Firmengründung nicht hat träumen lassen. Doch als der heute 39-jährige Mark Bulling und seine Frau Silke (36) den einstigen Schürzen-Bulling 2008 von seinen Eltern übernahmen, stand für sie fest: Wir wollen mehr Auswahl, mehr Mode im Fachgeschäft anbieten. Beste Voraussetzungen dafür hat das Paar: Beide haben in der Textilbranche gearbeitet. Er als Abteilungsleiter eines Modehauses, als Zentraleinkäufer und im Außendienst für ein Sportunternehmen. Sie war Filialleiterin einer großen Modekette, hat zuletzt in einem exklusiven Kindermodengeschäft in München gearbeitet.

Wer trägt Berufskleidung? "Unser Slogan lautet von A wie Arzt bis Z wie Zimmermann", sagt Mark Bulling. Vor allem im Medizin- und Handwerksbereich sowie in der Gastronomie gehört Berufskleidung nach wie vor zum Alltag. Die dritte Bulling-Generation im Fachgeschäft aber hat sich von der Ära der klassischen Schürzen und blauen Latzhosen verabschiedet. "Sicher, wir haben sie noch", sagt Silke Bulling, die eben einen italienischen Hilfskoch in dessen Muttersprache berät. "Aber nicht mehr so viele und auch außergewöhnliche Modelle wie schwarze Kochjacken."

Die klassische Farbenlehre - Mechaniker tragen blau, Schreiner beige, der Koch weiß, der Gärtner grün - gehört ebenfalls der Vergangenheit an. Praxen und Unternehmen setzen zunehmend auf ein einheitliches Erscheinungsbild. "Da passt der Kasack, das kittelähnliche Oberteil vieler Mitarbeiter im medizinischen Bereich, farblich zur Einrichtung und Visitenkarte. Oder Unternehmen lassen über uns Poloshirts mit Firmenlogos bedrucken oder -sticken", sagt der Chef.

Individueller gehts auch. Silke Bulling weist auf eine weise Tunika mit goldenen Knöpfen, modischen Raffungen. Mit dem klassischen Kasack hat das Modell nicht mehr viel gemein. Es gibt Exemplare mit Rüschen, sportlicher Kapuze, mit Tattoo-Emblem, länger geschnitten mit Reißverschluss und schmalem Taillengürtel . . .

Da kommts vor, dass beide Umkleidekabinen im Laden längere Zeit besetzt sind. Und manch Kunde soll schon unter der ungewohnten Qual der Wahl gestöhnt haben. Auch in Sachen Arbeitsschuhe, deren Präsentation reichlich Regalmeter einnimmt. Die meisten Sicherheitsschuhe im Angebot schauen aus wie normale Sneakers oder Wanderschuhe. "Sie können aber richtig was", sagt Mark Bulling. Inzwischen seien die Vorschriften sehr streng, sogar Mitarbeiter im Discounter müssten Sicherheitsschuhe tragen. Der 39-Jährige nimmt ein schmales schwarzes Damen-Paar mit lila Nähten. S3, meint er. Das heißt: rutschfest, wasserfest, durchtrittsicher und mit Zehenschutzkappe. "200 Joule halten die aus. "Da kann auch mal ne schwere Palette auf dem Fuß landen . . ."

Wichtig sei ihm eine individuelle Beratung, sagt Mark Bulling. Seine Frau, mit der er eine kleine Tochter hat, steht halbtags im Laden, zudem gibt es eine Teilzeitkraft.

Etwa jeder zehnte Kunde kauft für den Privatbedarf: Der Hobbygärtner eine robuste Hose, der Gourmet eine Kochjacke, gerne bestickt mit Namen und Sternen. Auch (Abschieds-)Geschenke werden bei Bulling gekauft, etwa ein in Schwaben handgenähtes Blauhemd, der original schwäbische Bauernkittel von der Alb. Richtig gut gingen im vergangenen Jahr Servierhäubchen und -schürzen. Käufer waren aber nicht etwa Caféhaus-Beschäftigte, sondern Kulturfreunde - Theaterbesucher, die in der Wilhelmsburg der Rocky Horror Show beiwohnten.

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