Aus der persönlichen Spielhölle herausgekommen

Ulm.  In die Ulmer Selbsthilfegruppe für Automatenspieler gehen auch einige Menschen aus dem Raum Ehingen. Zwei von ihnen berichten über ihr Schicksal. Und kritisieren die Pläne für eine weitere Ehinger Halle.

"Was da in Ehingen gemacht wird, ist absoluter Quatsch, mit einer Spielhalle wird nur an Süchtigen Geld verdient", sagt Mario Kalisch (Name von der Redaktion geändert). Der 36-jährige Maschinenführer aus dem Raum Ehingen ist bereits sein halbes Leben spielsüchtig, seit drei Jahren abstinent, und er ist über die Pläne für eine weitere Spielhalle entsetzt. "Vor allem, wie leichtfertig damit umgegangen wird. Kinder sehen das doch im Wohngebiet", sagt der Familienvater. Statt einer Spielhalle würde er sich einen Indoor-Spielplatz wünschen.

"Es heißt ja nicht umsonst ,Spielhölle", sagt Kalisch. In seine persönliche Spielhölle geriet er bereits im Alter von 15 Jahren. "Ich sah in einem Tanzlokal, wie manche am Automaten gewannen und dachte mir, das ist schnell verdientes Geld, das probierst du auch mal." Die Abhängigkeit kam schleichend. Irgendwann ging es nicht mehr um den Gewinn, sondern ums Spielen selbst. "Ich wusste sonst nichts mit mir selbst anzufangen, am Automaten war ich beschäftigt", sagt er heute. Dem jungen Familienvater war seine Situation über den Kopf gewachsen. Vor Problemen zuhause lief er davon. Zum Automaten.

Kalisch verspielt sein verdientes Geld, den Dispokredit, das Geld von Freunden, Kollegen, von jedem, der ihm welches leiht. Am Ende hat er mehr als 50 000 Euro Schulden. Und hat ein riesiges Lügengerüst aufgebaut. "Ein Süchtiger belügt sich selbst und alle anderen." Um an mehr Geld zu kommen, richtet er sich ein zweites Konto ein, auf das er sich sein Gehalt zahlen lässt. Das alte Konto wird nur mit Rechnungen und Miete belastet. In krassen Phasen spielt er an allen verfügbaren Automaten gleichzeitig, verspielt tausende Euro am Tag. "Du denkst überhaupt nicht mehr an die Zukunft, nur ans Jetzt."

Versuche aufzuhören gab es viele. Doch dann verfiel er seiner zweiten Sucht, dem Alkohol. "Man verliert nicht nur das Geld, sondern auch seine Seele", sagt Kalisch. Am Ende ernährt er sich fast nur noch von Kaffee, Cola und Zigaretten. Seine Familie droht an der Sucht zu zerbrechen.

Nach vier Monaten Spezialklinik kam er vom Spielen und vom Alkohol los. Heute geht er wöchentlich zur Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige in Ulm. Dort fühlt er sich verstanden, bekommt Hilfe. Das braucht er. "Sonst hätte ich ein Problem." Kalisch fährt mittlerweile einen Umweg zur Arbeit, um nicht versehentlich zur Spielhalle zu fahren. Seine Frau hat die Vollmacht über sein Bankkonto, er bekommt nur ein kleines Taschengeld. "Ich fange wieder wie ein Kind an."

Auch Volker Richting (Name geändert) braucht immer noch wöchentlich die Ulmer Selbsthilfegruppe, selbst nach 15 Jahren Abstinenz. Der 51-jährige Werkzeugmacher aus dem Raum Ehingen hat beim ersten Automatenspiel, im Alter von 19, einen guten Gewinn gemacht. Da kommt man an Geld, dachte der damals Arbeitslose.

Zunächst sei das Spielen ein Zeitvertreib gewesen, die Sucht schlich sich auch bei Richting langsam ein. Bis er seine Freundin verlor, seine Arbeit, all seine sozialen Kontakte. "Es gab für mich nichts anderes mehr, das Spielen gab mir ein Gefühl der Sicherheit und ersetzte auch die Beziehung. Der Automat widerspricht mir ja nicht."

Das Schlüsselerlebnis kam erst nach 17 Jahren Sucht. Es war Heiligabend, und Richting hatte 2000 Mark in der Hosentasche, mit denen er Geschenke kaufen wollte. Er verspielte das Geld stattdessen noch am selben Tag und war danach einige Tage ganz allein in seiner Wohnung. Denn wie für Kalisch kam es auch für ihn nicht in Frage, durch Kriminalität an weiteres Spielgeld zu kommen. Richting lieh sich nicht einmal Geld aus, verbrauchte nur den eigenen Verdienst und eigene Kredite, manchmal in einer einzigen Woche. Doch zu jenem Weihnachten fasste er den Entschluss aufzuhören. Vier Monate in der Spezialklinik halfen ihm. Seitdem hat er keine Spielhalle mehr betreten. "Wenn ich da hingehen würde, wäre das für mich schon ein Rückfall."

Die Selbsthilfegruppe hält Richting heute noch vom Spielen ab. "Neue erinnern mich immer wieder an meine Spielerzeit." Die Gruppe hat für ihn auch eine Kontrollfunktion. "Die anderen würden es merken, wenn ich wieder spielen würde", ist er überzeugt. In der Gruppe sind derzeit nur Männer, in den vergangenen Jahren gab es nur einmal eine weibliche Teilnehmerin. Lehrer, Kommissare, Arbeiter, alles war schon da. Man spricht bei den wöchentlichen Treffen über die vergangene Woche, über Probleme, aber auch über den Alltag und alles Mögliche.

Richting ist mittlerweile wieder in einer Beziehung, geht viel wandern und läuft. Kalisch konnte seine Ehe retten, wurde zum dritten Mal Vater. Er geht mit seiner Sucht offen um, Lügen sind inzwischen tabu. Vier weitere Jahre lang muss er noch 500 Euro monatlich abbezahlen, wenn alles gut geht.


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Autor: KARIN MITSCHANG | 29.07.2010

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