Aus der Dampfreserve
Ulm. Die Fernwärme Ulm blickt auf 100 Jahre Dampfkraftwerk im Ulmer Westen zurück. Ein Buch informiert über die Entwicklung von der Strom- zur Fernwärmeversorgung und über mitunter erhitzte Gemüter.
Das passt gut zum Jubiläum: 100 Jahre Dampfkraftwerk im Ulmer Westen werden in diesem strengen Winter 2009/10 gefeiert. Und wann kam in diese Geschichte richtig Dampf rein? Im strengen Winter 1907/08. Auf 18 Grad minus sackten die Temperaturen damals ab, die Wasserkraftwerke am Illerkanal und an der Donau mussten den Betrieb runterfahren, in Ulm wurde der Strom knapp und die Straßenbeleuchtung abgeschaltet, damit die Straßenbahn weiterfahren konnte. Ganz klar, da musste Verstärkung her, um mit dem technischen Fortschritt in Ulm Schritt zu halten.
So erzählt es Uwe Schmidt, Historiker mit Hang zur Region, in einem Buch, das die Fernwärme Ulm (Fug) zum Jubiläum herausgegeben hat. Dabei ist die Weststadt gar nicht die Keimzelle für Elektrizität in Ulm, sondern die Oststadt: Ein E-Werk gab es damals bereits in der Münchner Straße. 1908 planten die Stadträte dann nach offizieller Sprachregelung eine "Dampfreserve" für die wacklige Wasserkraft im Westen.
Das Kraftwerk sollte sich zum Ulmer Kraftzentrum entwickeln. Am Westgleis gelegen, war die Versorgung mit Ruhrkohle gesichert, die nahe Blau sorgte für die nötige Kühlung. 55 Meter Höhe maß der erste Schornstein, es folgten 70 Meter 1922, 85 Meter 1967 und für die gute Ulmer Luft 112 Meter 1977. Weiterem Höhenwachstum stand der Respekt vor dem Münsterturm im Weg.
Parallel zum Kraftwerk in Ulm entstanden in Ravensburg die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke, die gleich mächtig Druck auf den lokalen Energieversorger machten. 1918 übernahmen sie das Werk, um es stetig auszubauen; es war nun das größte württembergische Überlandwerk. 1939 ging es in die EVS über, 1972 kam mit Gründung der Fug die Stadt wieder mit ins Boot und die kommunale Aufsicht zur Geltung. So brach Ulm "als erste Stadt in Württemberg das Monopol eines Energieversorgers", schreibt Schmidt. 1995 wurde mit den Stadtwerken daraus die "große Fug".
Längst war da der Schalter umgelegt, denn nach dem Krieg war das Kraftwerk von Strom- auf Fernwärmeversorgung umgestellt worden. Zunächst heizte das Werk nur Industriebetrieben ein, ab 1953 wurde dann die Innenstadt angeschlossen. Ulm war damit "eine der ersten Städte der Bundesrepublik, in der ein Fernwärmenetz gebaut wurde". Über Jahre, ja Jahrzehnte zog sich nun eine Wanderbaustelle zur Verlegung von Fernwärmeleitungen durch alte und neue Stadtteile.
Derweil war steigendem Umweltbewusstsein Rechnung zu tragen, in der Technik zur Luftreinhaltung wie der Wahl der Brennstoffe, was 2004 zu einem revolutionären Wandel führte: Holz. Damals ging das Biomassekraftwerk in Betrieb, in seiner Größe bundesweit beispielhaft.
Das Buch nährt sich naturgemäß über weite Teile von betriebswirtschaftlichen Zahlen und technischen Daten. Das Ulmer Büro Lahaye aber sorgt für Luft mit großzügiger Gestaltung, vielen Fotos und Skizzen aus dem Alltag, Beispiele: mit dem Ersten Weltkrieg gehen die Maschinisten, alle als Marinereservisten eingezogen; durchgebrannte Sicherungen erhitzen im Dunkeln sitzende Söflinger; und in den energiekriselnden 70er Jahren entfacht sich eine veritable "Heizungsdiskussion" über die Preisgestaltung.
So nah ist das Thema bei den Leuten. Und wer an der Fernwärmehauptleitung liegt, hat auch in strengen Wintern ein freies Trottoir.
Info
Das Buch 100 Jahre Energie für Ulm von Uwe Schmidt hat 120 Seiten inklusive einer DVD. Es ist für 20 Euro bei der Fug und über den Buchhandel erhältlich, ISBN: 978-3-88294-412-9.
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Autor: JAKOB RESCH | 13.03.2010
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