Aus Ulmer Legionellen-Katastrophe keine Lehren gezogen
Neu-Ulm. Strengere Auflagen, mehr Kontrollen: Das fordern Experten beim Hygienekongress der Uni als Konsequenz aus dem Ulmer Legionellenausbruch.
Was haben Ulm, das spanische Murcia, die französische Region Pas-de-Calais und Sarpsborg in Norwegen gemeinsam? In allen Orten ereigneten sich in den vergangenen zehn Jahren folgenschwere Legionelleninfektionen mit zahlreichen Toten und Erkrankten. Stets waren so genannte offene Rückkühlwerke die Infektionsquelle. Solche Kühlanlagen für Industrie- oder Bürogebäude saugen (Raum-)Abluft an und berieseln sie mit Wasser, das danach meist in Tröpfchenform in die Umwelt verdampft. Sie gelten als idealer Hort für Legionellen, jene stäbchenförmigen Bakterien, die sich in warmem Wasser stark vermehren. Werden die Tröpfchen eingeatmet, kommt es - je nach Immunsystem des Betroffenen - zu Infektionen, die von grippeartigen Symptomen ("Pontiac-Fieber") bis zu schweren Lungenentzündungen ("Legionärskrankheit") reichen.
Während andere Staaten, allen voran England und Frankreich, aus derartigen Legionellenausbrüchen Lehren zogen und Gesetze zur Genehmigung, Erfassung und Wartung von Rückkühlanlagen erließen, ist in Deutschland bisher nichts passiert. Auch nicht seit dem bundesweit dramatischsten Ausbruch Anfang vergangenen Jahres in Ulm, bei dem 64 Menschen schwer erkrankten und 5 starben (die Zahl der Infizierten mit schwachem Krankheitsverlauf dürfte deutlich höher gelegen haben). Die "Infektionsschleuder" war seinerzeit eine im Probebetrieb laufende Rückkühlanlage auf dem Ulmer Telekom-Gebäude am Hauptbahnhof.
Auf diesen Missstand wies Prof. Martin Exner vom Institut für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Universität Bonn gestern beim "Ulmer Symposium Krankenhaushygiene" hin. Der viertägige Kongress im Edwin-Scharff-Haus mit knapp 900 Teilnehmern hatte das Thema "Lehren und Konsequenzen aus dem Ulmer Legionellenausbruch" zu einem von drei Schwerpunkten gemacht. Für Exner hat die deutsche Laxheit mehrere Gründe: Da sei zum einen die typische Überheblichkeit. "Wir glauben, wir seien technisch so gut und lügen uns dabei in die eigene Tasche." So habe das Umweltbundesamt 2002 in einer schriftlichen Stellungnahme das Risiko einer Legionellengefährdung in Deutschland als "äußerst gering" eingeschätzt.
Auch der deutsche Föderalismus und ein immer stärker zu beobachtender Hang zur Deregulierung sieht Exner als problematisch an. In England würden Legionelleninfektionen zentral erfasst, in Deutschland nicht, da eine zuständige Behörde fehle. Das Bundesgesundheitsamt wurde 1994 aufgelöst.
Für einen von mehreren weiteren Referenten, Dr. Carsten Gollnisch von der Hygieneinspektionsstelle für Trinkwassersysteme in Rackwitz, liegt das Problem "im mangelnden Problembewusstsein einer ganzen Branche". Planer und Installateure von Rückkühlanlagen wüssten "erschreckend wenig". Der neue Beruf des Anlagenmechanikers sei vor wenigen Jahren aus der Zusammenlegung der Ausbildungsberufe "Lüftungsbauer" und "Gas-/Wasserinstallateur" entstanden, die Ausbildung sei zu breit gefächert und vermittle kaum Spezialwissen. Gollnisch: "Wir brauchen deshalb eine flächendeckende und verpflichtende Weiterbildung."
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Autor: CHRISTOPH MAYER | 15.04.2011
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Kommentare (2)
... und die Lösung ist so einfach.
Die Lösungen das zu verhindern sind doch so einfach. Leider gibt es zu viele in der Branche mit Halbwissen. Das Problem ist und bleibt die Nachspeiseleitung, also die Leitung welche das über Aerosle in die Luft abgegebene Wasser nachführen. Eine Ultrafiltration unmittelbar vor dem Kühlturm löst das Problem sicher und kostet nicht die Welt.Legionärskrankheit: Tote und Kranke durch Legionellen im Trinkwasser
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soddemann-aachen@t-online.de