Jörg Schmitz hat die ehemalige Kron-Apotheke in der Platzgasse saniert
Ulm. Ein 546 Jahre altes Haus ist fast wie neu: aufwendig, detailgenau und mit viel Herzblut saniert. Dabei taten sich Schätze auf, versteckt im Boden. Wertvoll ist auch die Geschichte, die sich am Gebäude ablesen lässt.
Die Ulmer kennen das Haus am Ende der Platzgasse als Kron-Apotheke. Seit den 50er Jahren und bis zur Schließung Ende 2008 wurden im Erdgeschoss Pillen und Arzneien verkauft. Ursprünglich aber wurde das markante Eckgebäude ganz anders genutzt: als Haus eines Tuchmachers, in dem gearbeitet wurde, verkauft und gewohnt – hochherrschaftlich auf der ersten Etage, klein, eng und winkelig auf den beiden anderen.
„Jedes Stockwerk hat seinen eigenen Charakter“, sagt Jörg Schmitz. Er hat das Gebäude aus dem Jahr 1465 dem Apotheker Hans-Joachim Schönemann abgekauft. Jetzt, nach gut einjähriger Sanierung, sagt er glücklich: „Es ist so geworden, wie ich es mir erträumt habe.“ Als Ulmer Stadtbildpfleger hat Schmitz den Blick dafür. Er wusste von vornherein um die Bedeutung des denkmalgeschützten, städtebaulich für die Platzgasse wichtigen Hauses. Dass noch mehr in ihm steckte, trat erst bei der Sanierung zutage.
Beim Freilegen der im Lauf der Jahrhunderte hinzugekommenen Wand- und Bodenschichten entdeckten die Handwerker fast 1000 Tonplatten mit sorgsam gefertigten Ornamenten: Blumenmuster, Ranken, Reliefs. Sie lagen als Dämmmaterial und Schallschutz im Boden, „heute würde man Estrich machen“. Die Tonplatten stammen aus dem Mittelalter, „sie sind mindestens 100 Jahre älter als das Haus“ – und damit ein frühes Beispiel für Recycling. Schmitz vermutet, dass sie aus einem Abbruchhaus stammen, das Ulmer Patriziern gehört hat. „Solche aufwendigen Platten konnten sich nur Betuchte leisten.“
Schmitz will den überraschenden Fund nicht mehr im Boden, sondern auf dem Boden verwenden. Die Platten sollen mit einem Schutz versehen und zu Mustern arrangiert in Fluren des Gebäudes verlegt werden. Ähnliche Tonplatten sind übrigens für jedermann sichtbar: Sie sind im Süden in die Fachwerkfassade eingebaut.
Überhaupt, die Südfassade: Sie ist als einzige original erhalten, „zauberhaft und richtig mächtig“. Das übrige Fachwerk wurde bei späteren Umbauten verputzt. Der erste wurde im Barock vorgenommen: „Das Haus wurde auf Steinbau getrimmt, das Fachwerk teilweise ersetzt, Fenster verändert.“ Ursprünglich gehörte das Gebäude einem Tuchmacher. Seine Geschäfte liefen offenbar gut, hätte er sich doch sonst ein für damalige Verhältnisse großzügiges Haus nicht leisten können. Es war so gegliedert:
Keller: Im fünf Meter tiefen Gewölbekeller befanden sich Weberstuben, dort wurden Stoffe hergestellt. Licht drang nur durch kleine Fenster, die von der Platzgasse aus zu sehen sind. Feucht war es auch. „Es war ein hartes Leben und eine harte Arbeit“, sagt Schmitz.
Erdgeschoss: Es war ganz dem Laden vorbehalten, in dem die Stoffe verkauft wurden – eine große, offene Halle mit vier Stützbalken. Zwischenwände wurden erst später eingezogen. Vom Tuchmacher-Laden führte einst eine Treppe nach oben in den ersten Stock. Reste davon wurden freigelegt. Wann diese direkte Verbindung nach oben gekappt wurde, ist unklar.
1. Obergeschoss, „die Beletage“: Dort wohnte der Tuchmacher mit seiner Familie. Oder besser: Er residierte. Denn die Wohnung war großzügig, und sie hat „für Fachwerk eine enorme Höhe“. In der Küche wurde über offenem Feuer gekocht, der Rauch wurde über eine Esse abgeleitet. Ins Schwärmen gerät Schmitz beim Anblick der Wände. Sie bestehen aus dicken Eichenbohlen, „an jeder Stelle, selbst an der Außenwand. Das ist einmalig in Ulm.“ Solches Holz von dicken, alten Bäumen zu beschaffen, sei im 15. Jahrhundert sehr teuer gewesen. Schmitz ließ einige Bohlenwände freilegen; sie sollen sichtbar bleiben. Kleine regelmäßige Löcher im Holz künden von späteren Umbauten. „Die Bohlenwände wurden später verputzt“, erklärt Schmitz. „In den Löchern steckten kleine Holzstifte drin, damit der Putz hält.“ Ansonsten will Schmitz die barocke Ausstattung erhalten: mit Stuckdecken, Türen und Beschlägen. Auch die barocke Wandbemalung soll an einer Wand restauriert werden.
2. Obergeschoss und Dachgeschoss: Sie waren unterteilt in Kleinstwohnungen, wohl für die Beschäftigten. Dennoch sind die Räume auch dort recht hoch. Der 1,90 Meter große Schmitz kann jedenfalls überall bequem und mit Luft nach oben stehen.
Bei der Sanierung achtete der Eigentümer darauf, dass alles sorgfältig, fachkundig und möglichst originalgetreu in alten Techniken erledigt wurde. Die Zimmerer der Ulmer Firma Metzger verwendeten sogar Holznägel, jeder Sparren ist repariert. Schmitz ist begeistert: „Es ist erste Sahne, was der Zimmermann hier geleistet hat. Nirgends ein Stück Metall.“ Er geht durch das Haus, zeigt hierhin und dorthin. „Ich habe eine solche Freude, wenn ich das sehe!“
Wie Schmitz so dasteht zwischen Bohlenwänden und Stützbalken und durch die neuen Fenster an der Südwand, die er den Denkmalschützern abgetrotzt hat, den Blick über die Platzgasse hin zum Münster schweifen lässt, ahnt man: Hier ist jemand glücklich. Besonders eine der künftigen Wohnungen hat es ihm angetan. „Ich habe mich verliebt in diese Etage“, gesteht der Eigentümer denn auch. Selbst mit der Familie einziehen wird er trotzdem nicht, „leider nicht“. Die Wohnungen werden wie der Laden im Erdgeschoss vermietet – „die Bank verlangt viel Geld. . .“
Wie viel Geld Schmitz ins Haus gesteckt hat, will er nicht sagen. Nur das: „Viel. Es ist ein verrücktes Abenteuer.“ Immer wieder kam etwas dazu, traten neue Kosten auf. Zum Beispiel für einen unbekannten, irgendwann früher nur notdürftig reparierten Wasserschaden an einer Ecke. Die Decken mussten mühsam Zentimeter für Zentimeter angehoben werden. Selbst jemand, der so erfahren ist wie der Stadtbildpfleger, erlebt Überraschungen. „Das Haus sagt, wo es langgeht. Nicht ich. Man muss sich zurücknehmen. Wer das nicht kann, sollte die Finger von so etwas lassen.“ Für ein solches Vorhaben seien enormes Stehvermögen und gute Berater nötig.
Schmitz hatte aber auch Glück. Die oberen Stockwerke über der Apotheke standen jahrzehntelang leer. Das habe ihnen mehr genutzt als geschadet, sagt der neue Eigentümer, denn es kamen keine weiteren Veränderungen, Abnutzungen, Umbauten dazu. Apotheker Schönemann sei sehr liebevoll mit dem Haus umgegangen und habe es sorgsam gepflegt.
Jetzt ist alles fast fertig. Außen fehlen nur noch die grünen Fensterläden, und innen sollen die Handwerker im März abrücken. Schmitz betrachtet das Haus mit leuchtenden Augen. „Diese Sanierung hält jetzt die nächsten 150 Jahre.“
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Autor: CHIRIN KOLB | 22.02.2012
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Platzgasse 31, Ulm. Zwischen den 50er Jahren und 2008 beherbergte das Haus die Kron-Apotheke. Nach einer Sanierung ist es jetzt fast wie neu. Trotz seines stolzen Alters von 546 Jahren. Foto: Volkmar Könneke
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