Ärgernis für Rollstuhlfahrer
Ulm. Im täglichen Leben sind Menschen mit Behinderung oft benachteiligt. Mit einem Test im Zentrum von Ulm haben sie auf ihre Situation aufmerksam gemacht. Das Motto: Inklusion beginnt im Kopf.
Felix Rittelmann (20) fährt mit seinem Elektro-Rollstuhl langsam auf die geöffnete Eingangstür einer Ulmer Apotheke zu. Eine Frau putzt Schilder an der Wand. Sie geht zur Seite, lässt ihn vorbei, warnt aber: "Hier kommt gleich eine Stufe." Ein Hindernis. Unüberwindbar für Felix. Keine Chance, mit dem Rollstuhl die wenigen Zentimeter nach unten in den Verkaufsraum zu gelangen. Er wartet in der Türschwelle.
Dreizehn Geschäfte und ähnliche Orte haben Rollstuhlfahrer, Blinde, Gehörlose und Menschen mit geistiger Behinderung auf Barrierefreiheit und Freundlichkeit der Verkäufer getestet. Die Aktion war nicht angekündigt. Ulmer City Marketing und Ulm/Neu-Ulm Tourismus wussten davon. Sie gehören wie viele Behindertenvereinigungen zur Ulmer Arbeitsgruppe Tourismus für Menschen mit Behinderung, die die Aktion anlässlich eines weltweiten Protesttags organisierte.
Felix hat Glück. Die Putzfrau macht eine Apotheken-Mitarbeiterin darauf aufmerksam, dass er draußen wartet. Und Felix wartet. Sieben Minuten lang. Dann endlich kommt eine Mitarbeiterin auf ihn zu. Sie blickt jedoch nicht in sein Gesicht, sondern weiter nach oben. Hinter dem Rollstuhl steht Felix Begleiter Sebastian Hinkl, Zivildienstleistender bei der Caritas Ulm. Er schweigt. Felix erklärt: "Ich brauche etwas für trockene Haut." Die Mitarbeiterin senkt ihren Blick, lächelt, empfiehlt eine Creme und bringt sie nach draußen. Sie beantwortet Felix weitere Fragen freundlich.
Sehr unfreundlich war die Verkäuferin eines Bekleidungsladens zu einer jungen Frau: "Die wollte nicht, dass wir ein T-Shirt anfassen, um es anzusehen." Die Aktion zeigte auch, dass eine Ulmer Behindertentoilette gar nicht behindertengerecht ist. "Die Türe ist zu schwergängig, der Seifenspender schlecht erreichbar und das Waschbecken zu hoch", erkannte ein Rollstuhlfahrer.
Gute Erfahrungen hat ein Gehörloser in einem Service-Center gemacht: Eine Mitarbeiterin schrieb die Antworten auf seine Fragen auf einen Zettel. Freundlich und schnell begrüßte die Verkäuferin in einer Tierhandlung einen Rollstuhlfahrer. Sie wollte ihm mit einer Rampe den Ladenzutritt ermöglichen, doch der Elektro-Rolli war zu breit. Der blinde Behindertenbeauftragte Hartmut Dorow schwärmt von einer Bäckerei-Mitarbeiterin, die andere Kunden um Geduld bat, weil sie nun ihn bedienen und zu einem Tisch führen müsse. "Es gehört Mut dazu, etwas zu sagen", betont er. "Viele Menschen wollen uns helfen und uns einbinden. Inklusion gibt es also jeden Tag. Wir haben heute gezeigt, dass wir gemeinsam Barrieren überwinden können."
Felix Barriere in der Apotheke ließe sich auch überwinden. "Man könnte da eine Rampe anbringen. Das wäre gut", meint er. "Die Tür war breit genug für meinen Rolli, aber das bringt ja nichts, wenn ich wegen der Stufe nicht reinkomme." Sehr unzufrieden ist Felix mit der Hilfestellung der Mitarbeiter und Kunden: "Wenn die Putzfrau nicht da gewesen wär, wären wir noch ewig gestanden."
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Autor: LYDIA BENTSCHE | 06.05.2011
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Nach dem Test: Behindertenfreundliche Orte erhalten eine sichtbare Auszeichnung. Foto: Oliver Schulz
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