Absolventen der Drama Academy in Ramallah am Ulmer Theater

Theater als Industrie und Theater als Leidenschaft und Widerstand. Yasmin Shlalda und Jihad Al-khateeb erzählen, wie sie das Theater Ulm erleben und was es bedeutet, in Ramallah Schauspieler zu sein.

SAMIRA EISELE |

In einer der ersten Szenen der Ulmer Inszenierung von "Der Zauberer von Oz" rennt die Nachbarin Miss Gunch schreiend - verfolgt von Dorothys Hund Toto - durch den Garten von Dorothys Onkel Henry und Tante Emmy. Die meisten Kindergarten- und Grundschulkinder im ausverkauften Großen Haus des Theaters Ulm finden das irre lustig. Nur ein älterer Schüler flüstert: "Das ist aber keine schwere Rolle, einmal schreiend über die Bühne rennen." Yasmin Shlalda, die die Nachbarin mimt, lacht, als sie davon erfährt. Und sie erklärt: "So einfach ist das gar nicht, ich muss auf Musik starten und ankommen". Und der lästernde Schüler hat wahrscheinlich keine Vorstellung davon, welchen Weg Shlalda vor ihrem getakteten Bühnensprint hinter sich gebracht hat. Yasmin Shalda (22) und ihr Kollege Jihad Al-khateeb (26) sind aus dem Westjordanland zu Gast am Theater Ulm.

Die palästinensischen Schauspieler sind durch ein Programm des ehemaligen Ulmer Intendanten Volkmar Clauß nach Deutschland gekommen. Sie haben an der einzigen Schauspielschule des Westjordanlands studiert: der Drama Academy Ramallah. Clauß, Mitgründer der Schule, will palästinensischen Schauspieler ermöglichen, Erfahrungen an internationalen Theatern zu sammeln. Yasmin Shlalda und Jihad Al-khateeb waren beide schon mehrmals mit dem Programm unterwegs. In Ulm spielen sie zur Zeit Nebenrollen: Als Oz-Ureinwohner "Mümmler" streiten sie beispielsweise auf "Jibberisch", einer Theater-Fantasiesprache.

Ihr Eindruck vom hiesigen Theater: "In Deutschland ist es eher eine Industrie", sagt Shlalda. Al-khateeb ergänzt: "Das Theater hier sieht aus wie eine Stadt." Groß, durchorganisiert, geplant, arbeitsteilig - "wie ein Bürojob". In Westjordanland ist Theater familiärer, intimer, leidenschaftlicher. Und schwieriger. Schauspieler sind oft auch für ihre eigenen Kostüme und die Technik verantwortlich. In Ramallah Schauspieler zu sein bedeutet aber vor allem, gegen die räumlichen Einschränkungen, gegen Krieg und die politische Lage anzuspielen.

Die beiden erzählen von einer kleinen Schauspieler-Gemeinde, in der jeder jeden kennt. Theater habe (noch) keinen festen Platz in der palästinensischen Gesellschaft. "Ein Taxifahrer hat mich einmal gefragt, wo ich arbeite", erzählt Shlalda: "Ich sagte: Am Theater. Und er fragte mich: Was ist das? Ein Sport?"

Frauen dürfen nur in der Öffentlichkeit oder unter Aufsicht mit Männern proben. Gemeinsame Übungen müssen gut geplant werden. Zu den innergesellschaftlichen Schwierigkeiten kommen alltägliche Konflikte und Schikanen in den palästinensischen Autonomiegebieten. Mehrere Stunden planen die Schauspieler für Kontrollen an israelischen Checkpoints ein, wenn sie diese auf dem Weg zu Aufführungen passieren müssen. Wer, wie Al-khateeb, den palästinensischen Reisepass hat, kann nicht ab Tel Aviv fliegen, sondern muss über Jordanien reisen. Anschläge auf die Theaterschule gab es auch schon.

Trotzdem: "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir je einen Tag nicht zur Schule gegangen sind", sagt Shlalda. Auch während des Gaza-Kriegs im Sommer: "Man muss sich eben organisieren", sagt sie schlicht. Al-khateeb korrigiert: "Als sie Juliano ermordet haben, ist keiner zur Schule gegangen." Der israelisch-palästinensische Schauspieler und Aktivist Juliano Mer-Khamis war im April 2011 vor der Schule von einem maskierten Täter erschossen worden. Am Tag danach demonstrierten die Schauspieler. Am zweiten Tag machten sie weiter: "Wir haben dieses Erlebnis genutzt, um noch mehr zu arbeiten."

Der Gedanke, durch ihre Lebensweise und die Kunst Widerstand zu leisten, zieht sich durch die Erzählungen der jungen Darsteller. "Die Situation ist immer beschissen. Man gewöhnt sich daran, dass Leute ins Gefängnis wandern oder erschossen werden. Man muss einen Weg finden, damit zu leben. Das tun wir in unserer Arbeit. Arbeiten ist kämpfen."

Bis 30. Dezember sind die beiden noch in Ulm. Nach der Rückkehr möchte sich Jihad Al-khateeb an seiner Bewerbung für ein Filmregiestudium in Köln arbeiten. Yasmin Shlalda hat vor, zum zweiten Mal in einem gesellschaftskritischen Stück mitzuspielen, das zuletzt heftige Publikumsreaktionen hervorrief. Doch ob es soweit kommt, weiß sie nicht: "In Ramallah braucht man immer einen Plan B."

Im Dezember nur noch Tickets für drei Vorstellungen

Vorverkauf Yasmin Shlalda und Jihad Al-khateeb sind noch bis Ende des Jahres als Gäste in Martin Borowskis Inszenierung von "Der Zauberer von Oz" im Großen Haus des Theaters Ulm zu sehen: Karten gibt es im Vorverkauf im Dezember nur noch für die Vorstellungen am 17., 18., und 19. Dezember an der Theaterkasse (0731/161 4444) oder per E-Mail theaterkasse@ulm.de

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