20-Kilo-Kreuzblume des Münsters steht in Damaskus

Vor 32 Jahren hat der Syrer Khaled Kallas eine Kreuzblume des Münsters gewonnen. Jetzt unterstützt er das Münster-Kunst-Projekt von Ralf Milde. Die Geschichte einer langen Liebe zur "gemütlichen kleinen Stadt".

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  • Das "Wir sind Münsterturm 2015" hat sich Khaled Kallas sofort zu Herzen genommen und einen Würfel gekauft, um das Benefiz-Projekt zu unterstützen. Da hat der Initiator der Kunst-Aktion zum Turm-Jubiläum, Ralf Milde (im Hintergrund), gut lachen. 1/2
    Das "Wir sind Münsterturm 2015" hat sich Khaled Kallas sofort zu Herzen genommen und einen Würfel gekauft, um das Benefiz-Projekt zu unterstützen. Da hat der Initiator der Kunst-Aktion zum Turm-Jubiläum, Ralf Milde (im Hintergrund), gut lachen. Foto: 
  • So sieht das von Milde verfremdete Gesicht Khaled Kallas für den Würfel aus. 2/2
    So sieht das von Milde verfremdete Gesicht Khaled Kallas für den Würfel aus. Foto: 
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Wie oft Khaled Kallas schon in Ulm war? Das kann der 55-Jährige bei bestem Willen nicht sagen. "Mit zwölf war ich zum ersten Mal hier. Damals mit meinen Eltern. Unsere Familie hatte in Damaskus einen Betrieb für Telekommunikation, deshalb gab es Kontakte zu Telefunken in Ulm und den Nachfolgeunternehmen." Es folgten viele weitere Besuche im Lauf der Jahre. Den Familienbetrieb gibt es schon lange nicht mehr, aber der Syrer kommt noch immer gerne - "auf Urlaub".

Aktenkundig geworden sind seine Ulm-Aufenthalte 1983. Im Jahr zuvor hatte der damalige Verkehrsverein Ulm/Neu-Ulm eine Gästebefragung gemacht. In 30 Hotels der Doppelstadt waren Fragebögen ausgelegt, um Daten über das Verhalten und die Vorlieben der Gäste zu bekommen. Um die Touristen zum Mitmachen zu motivieren, wurden Preise verlost. 2250 Fragebögen bekam der Verein zurück, unter den Teilnehmern wurden 53 Preisträger ermittelt. Der Hauptpreis war eine Original-Kreuzblume, die kurz zuvor von der Münsterbauhütte in 20 Meter Höhe ausgetauscht und ersetzt worden war. Sie ging an Kallas.

Er erinnert sich gut an den Brief, der ihm im Dezember 1982 ins Haus schneite: "Damals konnte ich noch kaum Deutsch. Als ich ,Verkehrsverein' las, dachte ich, es wäre ein Strafzettel, weil ich beim Autofahren einen Fehler gemacht hätte." Das Missverständnis löste ein Freund auf, der den Brief übersetzen konnte. Darin stand: "Sie haben gewonnen: 1 Alten gotischen Formstein vom Hauptturm des Ulmer Münsters (mit Zertifikat), gestiftet von der Münsterbauhütte. Wie Sie wissen, muß der Preis bei den Stiftern innerhalb eines Jahres abgeholt werden."

Im März 1983 holte er sich hocherfreut seinen Gewinn ab. Weil die Kreuzblume 20 Kilo wiegt, brachte er das gute Stück zunächst bei seiner Schwester unter, die seinerzeit in Ulm lebte - ihr Mann arbeitete an der Uniklinik. Später überführte er den Münsterstein - im Handgepäck und mit Hilfe des Zertifikats - nach Syrien. Seither steht er im Wohnzimmer seines Hauses in Damaskus. Kallas hat einen hölzernen Sockel und eine Art Rahmen gebaut. Der Hintergrund ist ein Bild vom Münster. Und am Goethe-Institut hat er gut Deutsch gelernt.

Seit in Syrien der Bürgerkrieg tobt und das Leben in Damaskus zu unsicher geworden ist, lebt Khaled Kallas in Beirut, 90 Kilometer entfernt von Damaskus im Libanon. Von dort aus führt der Christlich-Orthodoxe sein heutiges Geschäft: eine Opel-Vertretung. Neuwagen gibt es keine mehr, aber Ersatzteile und Reparaturen sind nach wie vor gefragt. Kallas' Familie, zu der außer seiner Frau drei Töchter und ein Sohn gehören, lebt verstreut über die Welt: in Kanada und England. In der nächsten Zeit will Kallas die Kreuzblume mit nach Beirut nehmen, damit sie in Sicherheit ist. "Sie ist wertvoll für mich."

Ein- bis zweimal im Jahr kommt er nach wie vor nach Ulm. Er mag die "gemütliche kleine Stadt". Zum festen Programm gehören für ihn eine Radtour an der Donau, und er mag den Blick aufs Münster, das ihn durch seine schiere Präsenz fasziniert. "Irgendwo sitzen, Kaffee trinken und aufs Münster schauen", das tut er gern. Er mag die Kirche auch, "obwohl ich sonst kein Fan der Gotik bin". Zwei- oder dreimal hat er die 768 Stufen des Turms selbst erklommen und den tollen Blick von oben genossen.

Dieser Tage ist er über den Judenhof geschlendert - und hat am Kulturconsulting-Büro von Ralf Milde das orangefarbene Logo "Wir sind Münsterturm" gelesen. Kurzerhand hat er an die Tür geklopft und gefragt, was es damit auf sich hat. Milde erklärte ihm sein Kunst-Projekt zum Turm-Jubiläum, dessen Aufbau in Kürze beginnt. Der Syrer war begeistert und hat einen Würfel gekauft, damit auch sein Gesicht den Benefiz-Turm-Nachbau ziert. "Ich finde, das ist eine gute Idee, die die Geschichte reflektiert und in der schönen alten Stadt einen modernen Akzent setzt", findet er.

Tags darauf klopfte es erneut an Mildes Tür. Er war gerade dabei, Kallas' Foto für den Würfel zu verfremden. Der Gast betrachtete sich auf dem Bildschirm aufmerksam und meinte: "Ich habe keine Ohren." Darauf Milde: "Das ist die Essenz Ihres Gesichts."

Seit 1982 hat Kallas übrigens nie mehr etwas gewonnen, berichtet er schmunzelnd: "Da ist damals wohl all mein Glück hineingeflossen."

Wir sind Münsterturm

Kunst-Projekt "Wir geben dem Münsterturm ein Gesicht", das ist die Idee von Ralf Milde bei seinem Kunst-Projekt. Auf dem Judenhof wird er den Münsterturm im Jubiläumsjahr im Maßstab 1:10 verkleinert und etwas verfremdet nachbauen. Mit gespannten Stahlseilen, an denen Plexiglaswürfel hängen mit Porträts. Für Milde ist das eine "Hommage an die Leute, die seit 1377 am Münster und seinem Turm bauen." Für zehn Euro, von denen ein Teil ans Münster geht, können Interessierte sich so einen Würfel kaufen und mitmachen. www.wir-sind-muensterturm.de

 

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