Nur mit der Luftmatratze bei den wilden Nabadern unterwegs: Ein Selbstversuch
Ulm. Es sind zwar nur knapp 8 der 2888 Kilometer Donau - aber es sind an diesem Tag die wichtigsten der auch Schwarzer Fluss genannten Donau. Gemächlich fließt das Wasser von der Illerspitze her unter Autobahn- und Fußgängerbrücke hindurch, bis sie schließlich hinter der Eisenbahnbrücke weder blau noch schwarz ist, sondern in ein buntes Farbenmeer getaucht, wie es kein noch so begabter Kunstmaler hätte anrühren können.
Zwischen Brücke und Edwin-Scharff-Haus sammeln sich vor allem am Abgang der Kanuten die wilden Ulmer und Neu-Ulmer, die dem Wasserumzug genau die Portion Leben geben, welche die Tradition zum Überleben braucht und gerade bei der Jugend so ungetrübt beliebt macht.
Am Ufer hat auch eine kleine Armada zusammengebundener Schlauchboote festgemacht, in denen die "Angreifer Mädels" in hellblauen Einheitsshirts alles abpassen, was männlich ist und noch trocken. Selbst Ü-50er kommen bei den 20-Jährigen nicht unbespritzt davon. Zwar wollen sie ihre Herkunft nicht verraten, aber so unüberhörbar sie schwäbeln, können es nur Ulmerinnen sein. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung am Ufer und die vielen hundert Nabader warten fast schon wie eine Herde nervös mit den Hufen scharrender junger Bullen, die endlich losgelassen werden wollen.
Zwei DLRG-Schwimmer kauern auf ihren Rettungsbrettern und halten Zeichensprache mit ihren Kollegen, die die Brückenpfeiler absichern, dass kein Leichtmatrose in den wilden Strudeln unter der ICE-Strecke München-Stuttgart untergeht. Die Ufer sind über und über belegt mit aufgeblasenen bunten Schlauchbooten, die den Fußweg entlang der erst vor wenigen Jahren erbauten Hochwassermauer unpassierbar machen. Junge Menschen lachen und freuen sich und skandieren wie selbstverständlich "Ulmer Spatza, Wasserratza", als hätten sie das Sprüchlein in ihrer Schulzeit auswendig lernen müssen.
Gegen 16 Uhr dann zerreißt ein Böllerschuss das Treiben und gibt das unüberhörbare Zeichen für eine Wildwasserfahrt auf dem Flüsschen, das seinen wenig rühmlichen Beinamen dem Umstand zu verdanken hat, dass er im Schwarzwald entspringt und im Schwarzen Meer endet - dem verklärten Text im bekannten Strauß-Walzer zum Trotz, in dem diesem europäischsten aller europäischen Flüsse weiter am Unterlauf gelegen die Farbe blau angedichtet wird.
Wenn die Ordinarischiffe mit mehr oder weniger bekannter Lokalprominenz ablegen und das THW-Schiff mit dem Spielmannszug Lehr und der Feuerwehr Ulm an Bord die Spitze des Zuges übernehmen, dann ist kein Halten mehr. Von links und rechts, von oben und unten beinahe springen die überwiegend jung und jung gebliebenen Nabader ins Wasser, johlen und freuen sich aus ganzem Herzen an diesem Ulmer Tag der Tage. In dieser manchmal kritisch beäugten und immer wieder auch reglementierten kritischen, weil wilden Masse, ist in jeder Grimasse und in jedem spitzen Schrei die Verbundenheit der Jugend mit der lebendigen Tradition ihrer Heimatstadt spürbar.
So etwa auf einem selbstgezimmerten Floß des Jugendraums in Lehr, wo auf ein paar Bohlen die abgeschabten Sessel und Ledersofas aus dem Treff montiert sind und die Jugendlichen kaum eine Minute ruhig sitzen können, so sehr kratzt sie der Tag auf. "Wir starten als erste und kommen als letzte an", sagt der 18-jährige Lukas, der seit er geradeaus denken kann, den Schwörmontag auf der Donau verbringt. Seine Gang hat sich einen besonderen Trick ausgedacht. Sie hat an ihr Floß zwei schwere Anker gehängt, die deutlich vernehmbar über den Kiesboden scheuern und die Fahrt so verlangsamen.
Gestartet sind sie nach guter alter Tradition so wie der große Teil der Wilden an der Illerbrücke bei Wiblingen. Der dortige Gastwirt hat die Gunst der Stunde genutzt und seine Ländereien für 2 Euro je Auto als Parkplatz umfunktioniert. Hunderte platzierten sich auf den Wiesen ringsum und auf der Kiesbank, zurrten ein letztes Mal die notmäßig verbundenen Floße zusammen. Würziger Grillduft durchzieht die Luft, Einzelne vertilgen schnell noch ein Steak, bevor es auf die große Fahrt geht.
Die Iller ist kaum schiffbar. Knietief allenfalls bedeckt das Wasser aus den Allgäuer Alpen die Kiesel, die alle paar Jahre und Meter weiter mühsam aus der Donau gebaggert werden müssen. An der Mündung an der Illerspitze, wo in früheren Jahren die Jugend aus dem Donaubad an langen Seilen so eine Art jugendfreies Wellenreiten erprobte, ist der erste Halt.
Offenbar haben viele hier ihre ersten Abenteuer bestanden und erinnern sich selbst Jahre später an die Sommerfreuden einer unbekümmerten Jugendzeit. Eine Geschichte im Übrigen, die ein rüstiger Mann seinem Enkel genau so erklärte, der den Kleinen im mit bunten Luftballons geschmückten aufblasbaren Kajak mitgenommen hat und dem Spross auch gleich beibrachte, dass nach guter Ulmer Tradition ein Nabada trockenen Hauptes einfach nicht vorstellbar ist.
Die wilde Fahrt auf der trägen Donau durch das Spalier zigtausender Menschen an den Ufern kommt trotz der zunehmenden Unterkühlung einem Triumphzug gleich. Wer diesen den inneren Zusammenhalt der Stadt begründenden und seit Jahrzehnten gefeierten Schwörmontag wahrhaftig erfassen will, muss ihn zumindest einmal als wilder Nabader verbringen. Das öffnet die Augen für die innere Verfasstheit dieser Stadt. HANS-ULI MAYER
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20.07.2010
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