Ulm feiert sich selbst

Ulm.  Wenn die Ulmer ihre Stadt feiern, wird geschworen: Am Schwörmontag klingt die jahrhundertelange Geschichte der früheren Reichsstadt an. Der OB leistet seinen Treueschwur und beschwört die stolze Kommune - deren Bürger auf und in der Donau feiern.

Als die Schwörglocke auf dem Turm des Münsters läutet, hebt er seine rechte Hand zum Schwur. Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner spricht schon zum zwanzigsten Mal die Worte: Er erneuere den Schwur, „Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein, in den gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne allen Vorbehalt“. Sprich: das Stadtoberhaupt ist für alle da und macht keinen Unterschied zwischen Arm und Reich.

Wie er die Stadt führt, hat er zuvor freilich schon eine Stunde lang dargelegt. Ulm ist für ihn ein Beispiel dafür, wie wichtig die Kommunen „als Basis unserer Gesellschaft“ sind. Gönner hat gut reden - denn für die Donaustadt lief es zuletzt wirklich nicht schlecht. Doch weist er auch daraufhin, wie etwa zuletzt die Entscheidung aus Berlin, die Wehrpflicht auszusetzen, die Kommunen treffe, zumal auch der Zivildienst wegfalle.

Mit den Entscheidungen von Bund und Land müssten die Kommunen zurechtkommen, betont Gönner. Auch in Ulm müsse letztlich die Rechnung für die Währungskrise in Europa bezahlt werden. Es schwingt Stolz mit, wenn Gönner dann darauf verweist, dass hier aber nicht nur keine neuen Schulden aufgenommen, sondern sogar Verbindlichkeiten getilgt werden konnten: „In den letzten Jahren haben wir die Schulden um 80 Millionen Euro reduziert.“

Solche Botschaften goutieren die Ulmer und Ehrengäste vor dem Balkon des rot-beigen Schwörhauses. Zugleich nutzte er den Anlass, etwa vor dem Vizeministerpräsidenten Nils Schmid (SPD) nochmals vehement für die geplante ICE-Trasse Stuttgart-Ulm zu werben. „Ulm braucht die Neubaustrecke“, rief Gönner. Auch dafür gibt es viel Applaus -  Stuttgart und seine Bahnkritiker sind weit weg.

Gönner selbst gefällt, dass er vom historischen Balkon des Schwörhauses verkünden kann, dass die Gewerbesteuer nicht angetastet wird - hatte er sich als Präsident des baden-württembergischen Städtetags doch vehement dafür eingesetzt. „Wo schwätzt der jetzt“, fragt sich vor Beginn der Rede noch ein Zuschauer - doch das kräftige Organ des OB lässt ihn dann schnell nach oben blicken.

In der ersten Reihe schaut auch Landtagspräsident Willi Stächele (CDU) nach oben, um das Schwörreden-Ritual zu verfolgen. „Jedes Traditionsmoment, dass die Identifikation mit einer Stadt verstärkt, ist gut“, sagt er. Denn die Kommunen würden in Zeiten der Unsicherheit für Europa immer wichtiger. „Ich bin beeindruckt von so viel bürgerschaftlichem Engagement“, betont Stächele.

Weniger getragen ist dann am Nachmittag die Fortsetzung des Stadtfeiertags auf der Donau. Beim „Nabada“ (Hinunterbaden) nehmen rund ein Dutzend Motto-Boote das Zeitgeschehen aufs Korn. Da schwimmt die selbst gebastelte Idee des Biogaskraftwerks vorbei: Vorne isst die OB-Figur Linsen, hinten wird Strom erzeugt. Ein weiteres Boot schlägt den Export gefräßiger Biber aus Ulm in den Stuttgarter Schlossgarten vor - um das Problem mit den Bäumen für Stuttgart 21 zu lösen: Als „Biber to go“ in Anspielung auf das Carsharingprojekt.

Überhaupt scherzen die Ulmer gerne über die Landeshauptstadt - denn über die Solarhauptstadt lache die Sonne, über die verhinderten Bahnhofsbauer in Stuttgart die ganze Welt. Zehntausende an den Ufern und in der Ulmer Innenstadt schwören sich so „feucht-fröhlich“ auf die Party und den Rest des Tages ein. Einige sind nach Wasserschlachten auf der Donau allerdings richtig nass.

Kommentare (2)

19.07.2011 00:05 Uhr |   Obenbleiber

Erstaunlich!

OB Gönner scheint in seinem gestandenen Alter wider Erwarten doch noch lernfähig zu sein.
Bei seiner Schwörmontagsrede vermied er im Zusammenhang mit der geplanten neuen ICE-Trasse ganz offensichtlich den Begriff "Stuttgart 21", sondern sprach lediglich von der Neubaustrecke Ulm-Wendlingen, die die Donaustadt unbedingt brauche und die STRECKE nach Stuttgart, die ebenfalls verbessert werden müsste.
Hat sich bei ihm und in der SPD-Führung hier im Lande doch noch ein positiver Denkansatz eingeschlichen?
18.07.2011 20:22 Uhr |   ecofahr1

Gönner soll sich die Neubaustrecke abschwören

Auch noch so eindringliche Schwüre von Ivo Gönner machen die Neubaustrecke Ulm-Wendlingen nicht wirtschaftlicher.
Die alte Strecke über die Geislinger Steige ausbauen, Kurven etwas überhöhen, Lärmschutz entlang der Strecke, Auf der Albhochfläche einige Begradigungen und schon ist man fast genau so schnell, nur kostet das ganze nur 20 % der Neubaustrecke.
So machen es eben die Schweizer.
Der Schweizer Bahnchef sagte in Stuttgart kürzlich, dass mit den Kosten für S 21 in der Schweiz 160 Bahnprojekte realisiert wurden und damit ein S-Bahn Netz Schweiz geschaffen wurde.

Ulrich Pfeiffer, Schwetzingen

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