Dachau - Welt ohne Gnade

Bei einem Besuch in der Gedenkstätte Konzentrationslager Dachau haben sich Schüler der Klasse 10aM der Uli-Wieland-Mittelschule mit Deutschlands schrecklicher Geschichte beschäftigt.

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Das Mahnmal "Menschen im Draht" erinnert an die vielen Häftlinge, die im Konzentrationslager ihr Leben ließen. Privatfoto

Tausende Menschen mussten den Weg gehen: durch das Tor zum Konzentrationslager Dachau. Ingrid Schneider, die die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10aM der Uli-Wieland-Mittelschule Vöhringen an einem kalten Morgen durch die heutige Gedenkstätte führt, erzählt schier Unglaubliches: Von 1933 bis 1945 waren mehr als 200 000 Menschen dort eingesperrt. Sie wurden mit Schlägen und Beschimpfungen begrüßt. "Die Häftlinge wurden hier zur Nummer, nachdem sie ihr Hab und Gut, ihren Namen und sogar ihre Würde abgeben mussten", berichtet Ingrid Schneider.

Weiter geht es auf den Appellplatz, auf dem sich die Häftlinge jeden Morgen pünktlich einfinden mussten. Es herrscht Totenstille auf dem riesigen, steinigen und trostlosen Platz. Der eisige Wind pfeift und die Gesichter der Schüler sind starr vor Kälte. Sie beginnen zu verstehen, was es geheißen haben musste, in Dachau Häftling zu sein. Das gesamte Gelände ist mit einem tiefen Graben, einem elektrischen Stacheldrahtzaun sowie einer meterhohen Betonmauer umgeben. Ein Entkommen war fast ausgeschlossen. In den zwölf Jahren gelang es nur dem Häftling Hans Beimler, aus dem Lager in Dachau zu entkommen.

Die Schüler sehen einen Dokumentationsfilm im neu errichteten Kinosaal: Was sie dort zu sehen bekommen, ist an Grausamkeit nicht zu übertreffen. Ausgemergelte Menschenkörper, verzweifelte Blicke und unzählige Leichen, die neben den Brennöfen im Krematorium zu sehen sind. Selbst als der Film vorüber ist, bleibt es so ruhig, als wäre keine Menschenseele im Kinosaal.

Auf dem Weg ins Freie kommen die Schüler am Denkmal "Menschen im Draht" vorbei, das an die vielen Menschen erinnern soll, die im KZ in Dachau ihr Leben ließen. Ingrid Schneider führt sie über den Appellplatz in eine der Baracken, in denen die Häftlinge damals untergebracht wurden. Insgesamt gab es einst 34 davon, zwei wurden wieder aufgebaut. Als die Schüler den Schlafraum betreten, sind sie geschockt. Auf engstem Raum zusammengepfercht mussten die Männer in den schlichten Holzbetten die Nächte verbringen. Eine unfassbare Vorstellung, der Raum ist schon für die kleine Gruppe sehr eng.

Im nächsten Gebäude erfahren sie, auf welch grausame Art die Menschen bestraft wurden, obwohl sie eigentlich gar nichts getan hatten. "Jeder Fleck gab Ärger", sagt Ingrid Schneider. Wenn die Häftlinge etwa ihr Geschirr nicht sauber genug geputzt hatten, drohte ihnen "eine Stunde Baum". Dabei wurden sie eine Stunde an den Armen aufgehängt, die wiederum hinter dem Rücken zusammengebunden waren. Wer etwa seine karierten Bettlaken nicht exakt genug gerade strich, der landete auf dem Prügelbock. Mit nacktem Oberkörper musste er sich über einen Bock aus Holz legen und wurde dann von zwei SS-Leuten ausgepeitscht.

Der Gepeinigte musste die Schläge laut und deutlich mitzählen. Tat er das nicht, wurde von vorne begonnen. Man kann sich nur vage vorstellen, welche Qualen das für die Menschen gewesen sein mussten. Dort erfahren die Vöhringer Jugendlichen auch vom Häftling Karl Leisner, der während eines Kuraufenthalts auf die Nachricht vom missglückten Attentat von Georg Elsner auf Adolf Hitler mit dem Wort "schade" reagiert hatte. Daraufhin wurde er von einem Mitpatienten verraten und kam in Haft. Das war nur eines von unzähligen Beispielen, weshalb es unter der Bevölkerung bald hieß: "Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm."

Schließlich erreichte die Klasse den schlimmsten aller Orte: die Gaskammer und das Krematorium. Am Eingang der Gaskammer steht verharmlosend "Brausebad". Beim Anblick der Brennöfen im angrenzenden Krematorium haben alle noch die Bilder des Dokumentationsfilms mit den Leichenbergen deutlich vor Augen.

Erleichterung macht sich breit, als die Klasse das Krematorium verlässt und sich auf den Weg zum Ausgang macht. "So etwas darf nie wieder passieren. Darum schaut hin und nicht weg", gibt Ingrid Schneider den Jugendlichen bei der Verabschiedung mit auf den Weg. Die Schüler schreiben abschließend: Dies wurde uns deutlicher, als es manchem lieb war, vor Augen geführt.

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