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Zug erfasst zwei Mädchen - "Sie starben gemeinsam"

Nach dem tragischen Tod zweier Mädchen im bayerischen Günzburg bleibt rätselhaft, weshalb die beiden 15-Jährigen den herannahenden Zug übersahen. Ein Gutachten soll klären, ob menschliches oder technisches Versagen vorlag. Ein Vater trauerte am Freitag vor Ort.

OLIVER HEIDER |

Er hat die graue Kappe tief ins Gesicht gezogen, kniet nieder, zündet ein Licht an und legt drei weihnachtliche Figuren auf den Boden neben die Bahnschranke: Zwei Engel und ein blonder Weihnachtsmann stehen nun vor fünf Windlichtern. Als der Mann seinen Kopf hebt, rollen Tränen über seine blassen Wangen. Der 38-Jährige, schwarze Jacke, blaue Jeans, hat am Bahnübergang in der Ulmer Straße in Günzburg am Tag zuvor seine Tochter verloren.

Gemeinsam mit ihrer 15-jährigen Freundin und deren 16 Jahre alten Schwester war das Mädchen am Donnerstagabend auf der linken Seite stadtauswärts, Richtung Leipheim, auf dem Fußweg unterwegs gewesen. Die Drei, die laut dem 38-Jährigen in das nahegelegene Einkaufszentrum wollten, gingen durch eine rot-weiß gekennzeichnete, metallene Umlaufsperre. Die ist etwa zehn Meter von den Gleisen entfernt. Die 16-Jährige überquerte als erste den durch Andreaskreuz und Warnlicht gesicherten Bahnübergang. Nach Angaben der Polizei konnte sie die Gleise vor der Durchfahrt des von Krumbach kommenden, in Richtung Günzburg fahrenden Regionalexpress um 18.45 Uhr unverletzt queren. Die 15-Jährigen aber wurden vom Triebwagen erfasst. Sie erlagen beide an der Unfallstelle ihren schweren Verletzungen. Zur Unfallursache kann die Polizei noch nichts sagen.

Auch der Vater der 15-Jährigen steht vor einem Rätsel. Ein Erklärungsversuch: „Das Wetter war schlecht, es hat geregnet und stark gewindet. Da guckt jeder nach unten.“ Das rote Warnlicht sei aber „sehr hoch“ über dem Boden. „Wenn es hell ist, kann man den Zug gut sehen“, sagt er. Bei Regen und Wind sei das schwieriger.

Vielleicht waren die Jugendlichen aber unaufmerksam oder haben das Warnlicht bewusst missachtet. Laut ersten Erkenntnisse der Polizei funktionierte die Warnanlage. Um mehr Licht ins Dunkel zu bringen, hat die Staatsanwaltschaft Memmingen ein Unfall-Gutachten in Auftrag gegeben. Es soll klären, ob es sich um menschliches oder technisches Versagen handelte. Zudem wurden die Daten des Fahrtschreibers im Triebwagen gesichert, die Aufschluss über Zuggeschwindigkeit und Signalstellung geben. Die Ergebnisse werden in den nächsten Wochen erwartet. Bei dem Unfall erlitten die 16-Jährige und der 39-jährige Triebwagenführer einen schweren Schock. Sie wurden, wie die Angehörigen der Toten, von Mitarbeitern eines Kriseninterventionsteams betreut. Zudem wurde laut Polizei die Arbeit der Rettungskräfte von Schaulustigen „teilweise massiv behindert“. Das Mädchen und der Zugführer waren am Freitag, am Tag nach dem Unglück, noch nicht vernehmungsfähig.

Der 38-Jährige, der noch einen Sohn hat und die Hiobsbotschaft von der Polizei während des Abendessens erhielt, steht mit den Eltern der Überlebenden „in gutem Kontakt“. Die 16-Jährige habe erzählt, sagt er, dass der Zugführer nicht gehupt habe. Der 38-Jährige kritisiert die Sicherheitsvorkehrungen am Übergang. Für Autofahrer gibt es halbseitige Schranken und Blinklichter. Die Umlaufsperre auf dem Fußweg sei nur für Radfahrer ein Hindernis. „Für Fußgänger gibt es keine Schranke.“ Dies sei gefährlich, weil ein benachbartes Fast-Food-Restaurant „ein Jugendtreff“ sei. Eine Passantin sieht das ähnlich. „Der Übergang müsste besser abgesperrt sein.“ Natürlich sollten Fußgänger stehen bleiben, wenn das Warnlicht leuchtet. „Aber Jugendliche sind manchmal dumm und naiv“, sagt die Frau. Aus Sicht der Deutschen Bahn war der Übergang ausreichend gesichert.

Wenn er an seine Tochter, die am 25. Dezember 15 Jahre alt wurde, denkt, laufen dem Vater die Tränen herunter. Sein Kind sei häufig mit ihrer Freundin, mit der sie „seit eh und je“ befreundet war, unterwegs gewesen. „Sie haben alles gemeinsam gemacht – und sind jetzt gemeinsam gestorben.“

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