Zornige Töne in Bürgerversammlung zu Asylbewerberheim in Elchingen

Lange hat das Landratsamt über ein geplantes Flüchtlingsheim in Elchingen geschwiegen. Das sorgt für Ärger im Ort und schürt Ängste. Die Stimmung in einer Infoveranstaltung war teils feindselig.

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Buhrufe, Pfiffe, Szenenapplaus, empörte Kommentare: Die Stimmung in der Bürgerversammlung zum künftigen Asylbewerberheim im übervollen Saal des Konstantin-Vidal-Hauses war von Beginn an aufgeladen, der Grundtenor streckenweise aggressiv. Weit über 300 Zuhörer waren gekommen, um sich von Bürgermeister Joachim Eisenkolb und Vertretern des Landratsamts über die Pläne für das Flüchtlingsheim im ehemaligen Gasthof Adler informieren zu lassen (wie schon kurz berichtet). Die Stuhlreihen waren bald belegt, die Besucher drängten sich teils vor den Saaltüren.

Es sollte ein langer und kein leichter Abend für die Behördenvertreter werden; bis nach Mitternacht zog sich die Veranstaltung hin. Viele Unterelchinger sind weiterhin massiv verärgert darüber, dass das Landratsamt sie nicht im Vorfeld über das Flüchtlingsheim informiert hatte. Obwohl eine erste Besichtigung des Gasthofs mit dazugehörigem Hotel schon im September oder Oktober stattgefunden hatte. Und dass die mit dem Eigentümer - einem Investor, der die Gebäude erst vor kurzem erworben hat - vertraglich vereinbarten Bedingungen nur scheibchenweise ans Licht kommen. "Beschämend" sei das, befand ein Anwohner. Mehr als 800 Unterschriften hat eine Initiative gegen eine "Massenunterkunft" in Unterelchingen gesammelt und an Landrat Erich Josef Geßner übergeben. Gegen die Unterbringung einer "sozialverträglichen Anzahl" von Asylbewerbern in Unterelchingen habe man indes nichts einzuwenden, betonen die Initiatoren. Um die 20 Personen nennen sie als Hausnummer.

"Wir haben den Gasthof Adler für die Unterbringung von maximal 80 Personen angemietet", erklärte die zuständige Bereichsleiterin Karen Beth vom Landratsamt. Der Mietvertrag läuft über drei Jahre, über die Miethöhe gab es keine Auskunft. Obwohl die Zahl schon seit geraumer Zeit im Ort kursiert, führte die - in den Augen vieler Anwohner viel zu späte - offizielle Bestätigung zu aufgebrachten Reaktionen.

Offenbar schürt die Aussicht, dass im Ort künftig eine größere Anzahl an Asylbewerbern beherbergt wird, eine Vielzahl von diffusen Ängsten. An den nördlichen Rand des Landkreises Neu-Ulm gequetscht, könnten diese einen Lagerkoller entwickeln, hieß es in der Versammlung. Unterelchingen biete schlicht zu wenige Möglichkeiten zum Zeitvertreib. Da trug die Information, dass das Landratsamt derzeit mit dem Alb-Donau-Kreis verhandelt, damit die Flüchtlinge auch jenseits der Landesgrenze ins benachbarte Langenau dürfen, nur bedingt zur Beruhigung bei.

Eine Nachbarin zweifelt daran, dass der Brandschutz in dem hastig eingerichteten Gebäude ausreicht. Sie befürchtet, dass die Asylbewerber mit ihren Kochplatten das Gebäude in Brand setzen, das Feuer auf ihr Haus überspringt. Rauchmelder habe sie schon angebracht. "Ich habe Angst um meine Familie." Ein weiterer Anwohner wies auf die Nähe des Kindergartens hin, ein anderer denkt über die Anschaffung eines Kampfhundes nach. Wieder andere sorgen sich in erster Linie um den befürchteten Wertverlust ihrer Immobilien. Fürsprecher aus den Reihen des Publikums hatten einen schweren Stand. Man könne die Asylbewerber doch auch als Chance für den Ort begreifen, sagte eine Neu-Ulmerin. "Haben Sie Kinder?", bekam sie vielsagend zur Antwort.

Karen Beth betonte, welche Schwierigkeiten der Kreis Neu-Ulm habe, ausreichend Unterkünfte für Asylbewerber zu finden. Bis Jahresende rechnet Beth mit zehn zugeteilten Flüchtlingen pro Woche. Diese müsse die Behörde menschenwürdig unterbringen. "Sie glauben nicht, was uns schon für Schweineställe angeboten wurden." Und sie verteidigte die zurückhaltende Informationspolitik des Landratsamts. Teils platzten Mietverträge noch im letzten Moment, weil Druck aus der Nachbarschaft auf den Vermieter ausgeübt werde. "Deswegen geben wir möglichst wenig, am besten gar nichts vor einem Vertragsabschluss bekannt." Es sei jedoch "überlegenswert, wie wir das in Zukunft handhaben". Am Donnerstag werden die ersten 20 Flüchtlinge im Adler ankommen: sieben Einzelpersonen aus Pakistan, ein syrischer Mann mit seiner Tochter sowie Familien aus Jordanien und Syrien.

Tanja Eysell, die die Unterschriftenaktion mitinitiiert hat, zeigte sich vom Verlauf des Treffens enttäuscht. "Ich bin komplett frustriert." Das Landratsamt nehme die Sorgen der Unterelchinger nicht ernst, auch von Bürgermeister Eisenkolb fühlten sich diese im Stich gelassen. "Wir sind komplett übergangen worden." So sei die Chance vertan worden, eine für alle Beteiligten gute Lösung zu finden. Die Initiative setze sich für ein "sinnvolles Maß" an Asylbewerbern ein, mit 80 bestehe die Gefahr, dass "sich ein Brandherd entwickelt".

Eindeutig fällt auch das Fazit einer weiteren Adler-Anwohnerin aus, die die Versammlung vorzeitig verlassen hatte, weil es mehr um Stimmungsmache als um "sinnvolle Informationen" gegangen sei: "Ich fand es erschreckend, wie viele Elchinger scheinbar denken. Dann muss ich sagen, habe ich eher vor meinen Nachbarn Angst, wenn die sich jetzt schon Kampfhunde anschaffen wollen."
 

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Kommentare

28.11.2013 20:08 Uhr

Tellerrand und Bodensatz

"Ein weiterer Anwohner wies auf die Nähe des Kindergartens hin, ein anderer denkt über die Anschaffung eines Kampfhundes nach."
Ein Satz und zwei Aussagen, welche die wirren Ängste und Vorurteile einiger "Teutschen" pointiert darstellen.
Die einen sind eindeutig zu viel geBILDet! Warum Kinder im nahen Kindergarten gefährdet sein sollten, wenn Flüchtlinge vor Krieg und Elend in der Nachbarschaft einziehen, bleibt in den Tiefen der Phantasie des betreffenden Anwohners verborgen.
Und das Anschaffen eines Kampfhundes gefährdet da schon eher das Kindeswohl im nahen Kindergarten.
Da begreift jemand einen Hund anscheinend als Schutzwaffe und beweist damit einmal mehr, dass Kampfhundbesitzer oft nur ein sehr verkümmertes Gemeinschaftsgefühl entwickelt haben.

Zum Glück sind diese "Teutschen" meist tattrige alte Opas mit Stock, die auch ohne die neuen Gäste in Elchingen, immer einen Grund zu meckern und zum Jammern finden.

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28.11.2013 13:30 Uhr

Warum keine leerstehenden Kasernen?

Eine erhebliche Wertminderung der Immobilien in der Nachbarschaft ist nicht von der Hand zu weisen. Dies lässt sich durch die Marktpreisentwicklung von Immobilien andernorts, z.B. in einigen Stadtteilen Münchens, belegen. Insofern verstehe ich die Ängste der Unterelchinger. Die Einrichtung von Massenunterkünften (80 Menschen) führt leicht zu sozialen Brennpunkten, und das ist ganz unabhängig von der Herkunft der Menschen. Auch ein Obdachlosenheim für 80 deutsche Obdachlose würde zu den gleichen Problemen führen. Deshalb ist die Forderung der Elchinger nach einer Begrenzung der Zahl der Flüchtlinge auf 20 berechtigt.

Im übrigen verstehe ich es wirklich nicht, warum man für diese Zwecke nicht leerstehende Kasernen heranziehen kann. Hier sollte weiter recherchiert werden. Hat der Bund etwa Angst, sein Eigentum könnte "wertgemindert" werden und verwüstet werden?

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28.11.2013 12:10 Uhr

Antwort auf „@ Junkov - Haben wir denn Krieg?”

Nein, wir haben keinen Krieg, aber es sollte Ihnen nicht entgangen sein, dass die weitaus meisten AsylbewerberInnen aus Ländern kommen, in denen Krieg bzw. Bürgerinnen-Krieg herrscht.

Ich darf Ihnen ein Geheimnis verraten: die Welt endet nicht an Deutschlands Grenzen!

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28.11.2013 10:39 Uhr

Antwort auf „Geborgenheit finden und gefördert werden”

http://www.zusammenruecken.com/alt/arbeitskreis_asyl.php

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28.11.2013 10:32 Uhr

Geborgenheit finden und gefördert werden

@Herr Schmitz: wie wärs denn mal mit einem Blick über den Tellerrand:

"(...) Hier in primitiven, abgenutzten Containern fristen Asylanten ihr trostloses Dasein. Ein wenig deprimierend wirkt der Gang zwischen den schmucklosen Baracken.

Doch dann lässt Kinderlachen den Besucher aufhorchen. Folgt er den Geräuschen durch leere Räume, fühlt er sich plötzlich inmitten des grauen Einerlei wie in eine andere Welt hinein versetzt: Man erreicht ein helles, liebevoll ausgestattetes Kinderzimmer. Hier errichtete Elena Eischeid, selbst Mutter eines Sohnes, in Eigeninitiative und Eigenregie einen Raum für Kinder zum Spielen und Lernen. Ein Zufluchtsort, der durch die kindgerechte Einrichtung, den mit Bildern geschmückten Wänden, Büchern und Spielzeug einladend wirkt und viel Wärme ausstrahlt.

„Hier sollen Asylanten-Kinder, die im Spannungsfeld zwischen schwierigen Verhältnissen und teilweise traumatisierten Erlebnissen ihrer Eltern einerseits und der Beobachtung unserer Wohlstandsgesellschaft andererseits leben, Geborgenheit finden und gefördert werden,“ erläutert die Kauffrau. Seit Jahren setzt Eischeid sich mit großem Engagement für diese Kinder ein und einstimmig wurde ihre Tätigkeit im vergangenen Jahr in das Projekt „Miteinander-Füreinander“ des Stadtmarketing-Arbeitskreises Kultur und Gesellschaft integriert. (...)"

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/ratingen/bunte-oase-aid-1.879011

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28.11.2013 09:46 Uhr

Antwort auf „@ Junkov - Haben wir denn Krieg?”

Mein Name ist David Schröder und Ihnen Herr Schmitz würde ich wirklich gerne persönlich meine Meinung sagen. Ich wünsche Ihnen niemals Hilfe andere zu benötigen, sie sollten sich wie die "guten Elchinger Land Leute" in Grund und Boden schämen.

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28.11.2013 08:42 Uhr

Wo wäre die Bundesrepublik heute?!

Wenn die Nachbarstaaten des "Dritten Reiches" zu Ihnen flüchtende Zentrumsleute, Sozialdemokraten und viele andere, welche unter den Nazis ihre Arbeit verloren haben, als "Wirtschaftsflüchtlinge" wieder zurück abgeschoben hätten? Wer hätte die neue Republik dann aufgebaut?

"sozialverträglich" ist doch Heuchelei! Weniger als 1% sollen das Gemeinwesen zum Kippen bringen? Dass ich nicht lache.

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28.11.2013 08:15 Uhr

Grüne Zeitung...

Jaja, wieder mal ein Grünes Schlüsswort von Herrn Czernin:

"Eindeutig fällt auch das Fazit einer weiteren Adler-Anwohnerin aus, die die Versammlung vorzeitig verlassen hatte, weil es mehr um Stimmungsmache als um "sinnvolle Informationen" gegangen sei: "Ich fand es erschreckend, wie viele Elchinger scheinbar denken. Dann muss ich sagen, habe ich eher vor meinen Nachbarn Angst, wenn die sich jetzt schon Kampfhunde anschaffen wollen.""

Oje, die Zeitung ist auch nicht mehr das, was sie mal war...

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