Prozess: Zellenkollegen im Gefängnis Hals aufgeschlitzt

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Der Angeklagte lächelt verlegen, als ihn Polizisten am Donnerstagmorgen in Handschellen und Fußfesseln in den großen Schwurgerichtssaal am Landgericht Ulm führen. Die Vorwürfe gegen den 22-Jährigen aus Laichingen wiegen schwer. Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann versuchten Totschlag und einen Verstoß gegen das Waffengesetz vor. Er soll im August vergangenen Jahres seinen Vater in dessen Laichinger Haus mit einer Pistole bedroht und dabei gesagt haben: „Ich bin Jesus, ich bin Gott, ich darf alles machen.“

Wenige Tage später wird der wegen Raubs vorbestrafte 22-Jährige festgenommen, kommt in Untersuchungshaft nach Ulm. Dort hat er laut Anklage am ersten Tag dieses Jahres nach einem Hofgang einen Zellenkollegen mit einem Rasiermesser angegriffen und dessen Hals aufgeschlitzt.

Das 23 Jahre alte Opfer erleidet eine neun Zentimeter lange, klaffende Fleischwunde. Glücklicherweise sind keine lebenswichtigen Blutgefäße verletzt worden. Im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus wird die Wunde mit neun Stichen genäht. „Er hat den Tod des Geschädigten billigend in Kauf genommen“, sagt der Staatsanwalt.

Der Angeklagte äußert sich bereitwillig zu den Vorwürfen, räumt die beiden Vorfälle ein, präsentiert aber seine ganz eigene Sicht der Dinge. Ja, er sei mit einer Waffe in das Haus seines Vaters gegangen. Die Pistole habe er zuvor im Auto seines Onkels entdeckt, an sich genommen, allerdings nicht gewusst, ob es sich um eine scharfe Waffe oder eine Schreckschusspistole handelt, sagt der 22-Jährige. „Bedroht habe ich meinen Vater damit nicht. Ich habe die Pistole nur mal eine Sekunde lang aus der Tasche geholt, um ihn zu beeindrucken.“ Klar ist: Der Beschuldigte besitzt keinen Waffenschein.

Der Laichinger gesteht die Attacke auf seinen ein Jahr älteren Mithäftling. Er habe ihn aber nicht töten, sondern ihm lediglich „eine kleine Narbe  verpassen“ wollen. Der Hintergrund: Der 22-Jährige und sein späteres Opfer kennen sich. Als sie Ende 2016 in U-Haft aufeinandertreffen, hat der junge Mann aus Laichingen noch eine Rechnung mit seinem Bekannten offen. „Er hat mir vor Jahren mal den Arm gebrochen. Das hat mich erniedrigt“, berichtet der Angeklagte vor Gericht. Er habe seinem Mithäftling deshalb eine Lektion verpassen wollen.

Der Beschuldigte bestreitet, eine Rasiermesser für seine Attacke benutzt zu haben, sondern ein Plastikstück. „Das habe ich mit einem Rasiermesser scharf gemacht.“ Das Plastikstück wird nie gefunden, dafür aber die abgebrochene Klinge eines Rasiermessers – in der Zelle des Angreifers.

Das Opfer sagt an dem ersten Prozesstag als Zeuge aus und bestreitet, jemals Streit mit dem späteren Angreifer gehabt zu haben. Im Gegenteil: „Ich habe mich gefreut, ihn in Haft zu sehen“, sagt der 23-Jährige, der sich inzwischen wieder auf freiem Fuß befindet. „Und ich habe ihn unter meine Fittiche genommen, damit er nicht so alleine ist.“

Opfer spricht von Heimtücke

Für den 23-Jährigen ist die Tat unerklärlich. Er betont: „Ich kapiere es nicht.“ Die Attacke hat er weder sehen noch abwehren können. „Das war heimtückisch. Ich war einfach nur geschockt und habe gedacht: Jetzt musst du sterben.“ Der Angriff in U-Haft habe sein Leben verändert: „Ich bin ängstlicher und misstrauischer geworden“, sagt er.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 11. April, um 8.30 Uhr an Landgericht Ulm mit der Anhörung weiterer Zeugen fortgesetzt.

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