SV Elchingen: Gegen Kulturkonflikt im Sport

Integration im Sportverein braucht Zeit, Geduld und vor allem Wissen, um Missverständnisse zu vermeiden. Das vermittelt ein Lehrgang beim SV Thalfingen.

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Kursteilnehmer beim interkulturellen Training in Thalfingen.  Foto: 

Eine Frau kniet am Boden, das Haupt gesenkt. Würde ein Tourist aus Europa auf einer Südsee-Insel eine solche Szene beobachten, stünde für ihn fest: Hier herrschen patriarchalische Strukturen, die Frauen werden unterdrückt. Dabei ist das Gegenteil der Fall, wie die erstaunten Teilnehmer des Lehrgangs „Fit für die Vielfalt“ beim SV Thalfingen erfahren. Die Erde gilt in dieser Kultur als heilig und nur Frauen haben die Ehre, darauf zu knien.

Diese Szene soll helfen, die eigenen Vorurteile zu erkennen, berichtet   Tobias Trick vom SV Thalfingen. Der SV ist Stützpunktverein für Integration durch Sport des Bayerischen Landes-Sportverbands (BLSV), der den Kurs in Thalfingen anbietet. Das 15 Unterrichtseinheiten umfassende Intensivseminar ist vor allem für Übungsleiter und Vorstände von Vereinen gedacht, die Migranten als Mitglieder gewinnen und integrieren wollen.

Die Besonderheit in Thalfingen: Viele Teilnehmer sind Flüchtlinge, vor allem aus Syrien und Afghanistan, und spielen seit einiger Zeit in der Freizeit-Volleyballmannschaft oder leiten selbst Gruppen. Die  erfahrenen Kursleiter und BLSV- sowie Olympischer-Sportbund-Referenten Plamen Nikolov und Benjamin Bellatreche passten das Programm an die Zusammensetzung der Gruppe an.   „Das Gute an dem Konzept ist die Offenheit. Wir können immer auf die konkreten Bedürfnisse vor Ort eingehen“, sagt Sportwissenschaftler Nikolov. Grundsätzlich geht es darum, interkulturelle Kompetenz zu vermitteln und dabei die speziellen Anforderungen im Sport und Verein zu berücksichtigen.

Praktische Tipps für Sportstunden gehören ebenso dazu wie Übungen zur Gruppendynamik oder Informationen über Strategien, den Verein für Menschen mit Wurzeln in anderen Kulturen zu öffnen. Eine große Rolle spielen die Auseinandersetzung mit Vorurteilen sowie der Umgang mit Vielfalt und Fremdheit. Außer dem dreitägigen Intensivseminar bietet der BLSV Tages- und Kompaktseminare an.

„Integration durch Sport ist ein Prozess, der Zeit braucht“, betont Nikolov. Er stammt aus Bulgarien, hat in Deutschland Sport und Politik studiert, zusammen mit Bellatreche, der in Deutschland und Algerien aufgewachsen ist und einige Zeit in Spanien lebte. Er weiß, wie man sich fühlt, wenn man in neuer Umgebung die Sprache nicht oder nur schlecht beherrscht. Wie anstrengend, verunsichernd und schwierig es ist zu verstehen und sich verständlich zu machen, verdeutlichten die vielen praktischen Übungen des interkulturellen Trainings. Sie zeigen aber auch die Möglichkeiten nonverbaler Kommunikation und sensibilisieren für kulturelle Unterschiede. „Denn auch beim Sport treffen verschiedene Werte-Auffassungen aufeinander“, sagt Bellatreche. Das kann bei der Frage über körperliche Nähe zu Tage treten, oder bei unterschiedlicher Regelauslegung. Nicht selten resultieren daraus  Unsicherheit und Irritation, die zu Konflikten führen können. Wie sie entstehen und gelöst werden können, wurde den Kursteilnehmern in Spielen gezeigt. Dabei lernten sie, „wie wir die eigene Prägung und das, was wir selbst gelernt haben, als gültig betrachten“, sagt Tobias Trick. Er würde den Lehrgang „jedem Verein empfehlen“, sagt der Thalfinger.

Die Übungsleiter-Fortbildung „Fit für die Vielfalt“ wurde vom Bayerischen Landes-Sportverband veranstaltet. Der SV Thalfingen ist seit Herbst 2016 Integrations-Stützpunktverein, Integrationsbeauftragte ist Silvia Maag. Der Antrag auf Anerkennung als Stützpunkt muss beim BLSV jährlich neu gestellt werden. Gefördert werden innovative und integrative Projekte. Neben finanzieller Unterstützung für bestimmte Zwecke gibt es auch Beratung und Qualifizierungsangebote. Informationen unter www.sportintegration.de.

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