Stieftochter über Jahre hinweg sexuell missbraucht

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Es klingt erschütternd: Ein 61 Jahre alter Mann soll sich über viele Jahre hinweg an seiner heute 27-jährigen Stieftochter vergangen haben. Und das regelmäßig, mehrmals pro Woche. Die Staatsanwaltschaft listet mehrere hundert Fälle auf. Sie wirft dem Angeklagten aus dem südlichen Kreis Neu-Ulm schweren sexuellen Missbrauch, Kindesmissbrauch und Nötigung vor. Die ersten Taten reichen bis ins Jahr 1997 zurück, da war die Stieftochter sieben. Demnach soll es zunächst zu unsittlichen Berührungen, dann zu Oral- und Geschlechtsverkehr gekommen sein.

Deal vor Gericht

Seit gestern muss sich der 61-Jährige vor dem Landgericht Memmingen verantworten. Der gelernte Stahlbauschlosser schwieg zunächst zu den Vorwürfen, legte dann aber doch ein Geständnis ab, was sich für ihn strafmildernd auswirken dürfte. Der Beschuldigte ließ sich auf Initiative seines Verteidigers auf ein so genanntes Rechtsgespräch ein, an dem alle Prozessbeteiligten teilnahmen. Der Vorsitzende Richter Jürgen Hasler berichtete nach einer Verhandlungspause, was hinter verschlossenen Türen besprochen wurde. Um das Verfahren abzukürzen und dem Opfer allzu detaillierte Aussagen vor Gericht zu ersparen, schlug die Kammer dem Angeklagten einen Deal vor: Für ein umfassendes Geständnis stellte das Gericht eine Reduzierung des Strafmaßes und eine Gefängnisstrafe in Aussicht, die fünf Jahre nicht überschreitet. Alle Prozessbeteiligten stimmten der Abmachung zu.

Der Angeklagte ließ von seinem Verteidiger Martin Rehfeldt eine Erklärung verlesen, in der er die Vorwürfe einräumte. Die Verteidigung versuchte die Straftaten, die juristisch gesehen den Tatbestand von Verbrechen erfüllen, zu relativieren. Der Stiefvater habe eine von gegenseitiger Zuneigung bestimmte Beziehung zu seiner Stieftochter gehabt, „die leider die Grenzen überschritt“. Rehfeldt bemühte bei dem Versuch, „dem Fall etwas Menschliches zu geben“, gar die Bibel und das Alte Testament, in dem bereits über innige Vater-Töchter-Verhältnisse berichtet werde. Er betonte: „Mein Mandant ist kein pervertierter Lustmolch, der sich über seine Stieftochter hergemacht hat.“

Staatsanwaltschaft und die Anwältin der Nebenklage, die die heute 27-Jährige vertritt, äußerten sich nicht zu den Einlassungen der Verteidigung, die im Zuschauerbereich Empörung hervorriefen.

Freunde und Bekannte der Familie, die gestern als Zeugen aussagten, wollen von den Missbräuchen nichts mitbekommen haben. Laut Anklage hat der Täter seine Stieftochter mehrfach massiv bedroht, damit diese niemandem von den Vorfällen erzählt, die bis zum Jahr 2004 aktenkundig sind. Erst 2013, als inzwischen erwachsene Frau, habe sich das Opfer getraut, den Weißen Ring, die Hilfsorganisation für Kriminalitäts­opfer, und die Polizei zu informieren, sagte ein Gerichtssprecher. So kam das Verfahren ins Rollen.

Gestern blieben viele Fragen offen. Wie konnten die Missbräuche so lange in der Familie und im Umfeld unbemerkt bleiben? Vier Mal musste die heute 27 Jahre alte Stieftochter infolge der Penetrationen ihres Stiefvaters operiert werden. Warum die Mediziner keinen Verdacht schöpften, weder Polizei noch Jugendamt informierten, blieb ein Rätsel. An der Glaubwürdigkeit des Opfers bestehen laut Gericht keine Zweifel. Das hätten Gutachter vor Prozessbeginn festgestellt.

Info Der Prozess wird am kommenden Montag, 13.30 Uhr, fortgesetzt.

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