„Emotionelle Erste Hilfe“ aus Senden - Sicherheit für Schreikinder

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Bettina Brenner ist mit ihren 15 Monate alten Zwillingen Sophia und Jakob seit rund einem Jahr Patientin in der Schreiambulanz Senden bei Heidi Schneider (rechts). Der Grund für den ersten Besuch war, dass Jakob als Säugling viel schrie.  Foto: 

Heidi Schneider erklärt ihre Arbeit so: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am Computer, stellen ein Dokument mit sehr vielen wichtigen Daten zusammen und haben dafür verschiedene andere Dateien geöffnet. Irgendwann werden es zu viele. Der Rechner schmiert ab – und gesichert ist nichts. So, sagt Schneider, gehe es auch Müttern und Babys, die zum Beispiel durch eine traumatische Geburt überlastet werden. Sie werden unterbrochen, während sie wichtige Bindungen aufbauen und Erfahrungen miteinander sammeln. Und deshalb reagieren die Säuglinge, wie man es selbst am liebsten tun würde, wenn man plötzlich ohne Backup dasitzt: mit Schreien. Und Schneider hilft den Eltern zu tun, was dann zu tun ist: wiederherstellen, neu aufbauen, sichern.

Hilfe In ihrer Schreiambulanz Senden  gibt Schneider „Emotionelle Erste Hilfe“ (EEH). „Meine Klientel sind Schwangere, Babys, Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene“, erklärt sie: Bindungsstörungen und Traumata können in jedem Alter Auswirkungen haben. Die gelernte Kinderkrankenschwester und Heilpraktikerin behandelt deshalb auch Menschen mit Schlafstörungen, jugendliche Schulverweigerer und einen Jungmanager, der „immer an die falschen Frauen gerät“. Und zwar am Körper. „Man kennt das vielleicht, dass die Leute nach einer Physiotherapie weinen, weil eine emotionale Blockade gelöst wurde.“ Sie hingegen setze bei den Gefühlen an, um diese körperlich zu bearbeiten – zum Beispiel durch sanfte Babymassagen, die durch Berührung Bindung herstellen, oder durch Atem­übungen für gestresste Eltern.

Schreiambulanz In einer Dachgeschosswohnung in der Sendener Sonnenstraße hat Heidi Schneider Matratzen und Kissen auf dem Boden der drei Behandlungsräume ausgelegt, an den Wänden hängen großformatige Babyfotos, in den Ecken stapeln  sich Spielzeug, Wasser und Taschentücher stehen bereit. Hier behandelt Heidi Schneider auch die Zwillinge Sophia und Jakob Brenner aus Dillingen und deren Mutter Bettina.

Die Hebamme hatte sie nach Senden geschickt. Heidi Schneider wusste damals nur: Jakob schreit viel. Bald stellte sich heraus, dass auch Jakobs ruhige Schwester Sophia ein Problem hatte. Sie verweigerte zuerst das Stillen, trank später auch wenig aus dem Fläschchen. „Das hat mich fertig gemacht“, sagt Mutter Bettina Brenner, die selbst mit Essstörungen zu kämpfen hatte. „Ich war immer mit meiner Figur am Hadern, magersüchtig nicht, aber an der Grenze dazu“. Für Schneider ist das keine Überraschung. „Beim Kinderkriegen bekommen wir Kontakt zu unseren eigenen Bindungserfahrungen.“ Eltern müssten daher eigene Traumata bearbeiten um „ruhig und gelassen bei sich zu bleiben“.

Mutter fürs Muttersein stärken

Bettina Brenner ist mittlerweile öfter alleine als mit Kindern in Senden, um Depressionen und Ängste aufzuarbeiten. Vor den Zwillingen, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden, hatte sie bereits eine Fehlgeburt. Im Rückblick auf die sorgenvolle Schwangerschaft sagt sie: „Wenn ich Frau Schneider damals schon gehabt hätte, wären die Kinder nicht so stark belastet gewesen.“ Eine Stunde Fahrzeit nimmt sie dafür in Kauf, womit sie aber nicht den weitesten Weg hat: Eine Patientin komme sogar regelmäßig aus Lettland, sagt Schneider.

Behandlung An diesem Tag behandelt Schneider die 15 Monate alten Zwillinge, die am Vortag geimpft wurden, mit der alternativmedizinische Polarity-Methode. Sie hält dabei spezifische Knochenpunkte, um, wie sie sagt „den Schrecken aus dem Knochensystem zu nehmen und das psycho-vegetative Gleichgewicht wiederherzustellen“. Jakob kuschelt sich an seine Mutter, die auf Schneiders Anweisung tief atmet. Die Therapeutin freut sich über diesen Vertrauensbeweis des Kindes. „Wir arbeiten nach dem Merksatz: „Bemuttere die Mutter, damit sie Mutter sein kann.“ Bezahlen muss es die Mutter – oder der Vater, der selbstverständlich auch behandelt werden kann – allerdings auch: Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Behandlungen nur in Ausnahmezuständen, wer privat zahlt, kommt auf 80 Euro pro Stunde. Viele Patienten seien zunächst skeptisch, sagt Schneider: Zumal es keine Patentlösungen gibt, sondern die Eltern im Verlauf der Behandlung auch eigene Probleme bearbeiten müssten.

Für Bettina Brenner hat sich dadurch vieles entspannt, sagt sie – sogar ihre Essstörung, „obwohl sie offiziell nie behandelt wurde“. Und das mit Jakobs Schreien sei schon nach dem ersten Mal leichter geworden.

Verfahren Emotionelle Erste Hilfe (EEH) ist ein körperorientiertes Verfahren der Bindungsförderung und Krisenintervention. Das Konzept wurde vom Bremer Diplom-Psychologen Thomas Harms entwickelt und soll die Bindungsbereitschaft und Feinfühligkeit der Eltern stärken indem deren Selbstwahrnehmungsfähigkeit gefördert wird. Dazu dienen Gespräche, bewusste Körperwahrnehmung und achtsame Berührung, die Angst und Bindungsverlust auflösen sollen. Durch neue Handlungsmöglichkeiten soll die Kompetenz der Eltern wachsen und die Bindung zum Kind intensiver werden.

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