Mehr Präsenz zeigt Wirkung

Ob Gewalt, Straßenkriminalität oder Diebstahl - überall gehen die Zahlen in Senden zurück. Die Bevölkerung fühlt sich sicher, sagt Polizeichef Günter Gillich in seiner ersten Jahresbilanz. Doch er hat auch Sorgen.

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Günter Gillich, 53, Vater, FDP-Stadtrat in Neu-Ulm und seit Sommer Polizeichef von Senden, zieht eine positive erste Jahresbilanz. Foto: Volkmar Könneke

Die Explosion ist weithin zu hören. 9.45 zeigt die Uhr, als die Polizei am 3. November 2011, einem Donnerstag, auf einer Wiese bei Wullenstetten Sprengstoff fernzündet. Das instabile Eigengebräu stammt von einem 29-Jährigen, der Kopf eines an diesem Morgen ausgehobenen Dopingrings ist. In seinem Wohnhaus mitten in Senden haben die Ermittler ein Labor gefunden, Grundstoffe für die Anabolikaherstellung und den Sprengstoff.

Dieser Zugriff war wohl einer der spektakulärsten Einsätze der Sendener Polizei im vergangenen Jahr, meint Günter Gillich, seit gut neun Monaten neuer Chef der 18 Beamten starken Station. Abgesehen von diesem Großereignis ging es 2011 vergleichsweise ruhig zu. Die Zahl der Straftaten ist im Vergleich zum Vorjahr um 14,7 Prozentpunkte gesunken, auf 1069 Fälle. Den größten Rückgang gab es bei Rauschgiftdelikten: minus 37,9 Prozentpunkte. Registriert wurden auch weniger Straßenkriminalität (-21,7), Diebstähle (-17,3), Gewaltkriminalität (-6,1 Prozentpunkte). Vergleicht man Senden mit Bayern - wo es einen leichten Zuwachs bei den Straftaten gab - und dem Gebiet des Präsidiums - wo es nur einen leichten Rückgang gab -, steht die Stadt noch besser da. Auch wenn man die absoluten Zahlen betrachtet und mit dem Landesschnitt vergleicht, gehts in Senden relativ friedlich zu.

"Das spricht für uns", meint Gillich, dessen Maxime "Präsenz zeigen" heißt; "Angsträume" sollen verhindert werden. Dazu holte sich Gillich im Juli und Oktober die Bereitschaftspolizei. "Das Feedback der Bürger ist gut. Ich weiß keinen, der sich unsicher fühlt." Dabei hätten sich früher nur wenige getraut, nachts allein durch die Hauptstraße zu gehen. Die verstärkten Kontrollen sollen fortgesetzt werden, "um eine gewisse Nachhaltigkeit zu erreichen". Denn in Senden gebe es viele "örtliche Täter". Dabei liegt die Stadt kriminalgeographisch auf der Schiene Ulm/Neu-Ulm-Illertissen. Mit Weißenhorn, wo die Station zugehörig ist, gebe es kaum Beziehungen. Um kriminellen Nachwuchs nicht entstehen zu lassen, leistet sich die Polizei Senden "trotz Personalknappheit" mit Thomas Pleier einen Jugendbeamten, der mit Eltern und Schulen eng vernetzt ist. Mit Erfolg, sagt Gillich: "Wir haben keine jugendlichen Intensivtäter mehr, wie es sie eigentlich im Bereich jeder Dienststelle gibt."

Der Hauptkommissar ist aber keineswegs so vermessen, die gute Entwicklung nur seinem Team und sich zuzuschreiben. Manche reisende Tätergruppe sei an Senden vorbeigezogen, räumt er ein. Und Überfälle von Drogenabhängigen, die im südlichen Illertal oft vorkommen, habe es in Senden nie gegeben. Warum, wisse er nicht, sagt der Polizeichef. Denn Abhängige gibt es auch in Senden: 36 Rauschgiftdelikte wurden vergangenes Jahr registriert, ein Minus von 37,9 Prozentpunkten. Was jedoch nicht auf einen Rückgang schließen lässt, sondern offenbart, dass es weniger Kontrollen gab. "Kontrolliert man viel, kommt viel raus", erklärt Gillich. Zwar gibt es drei schwerpunktmäßig für Rauschgift zuständige Beamte, doch die haben wegen der zu geringen Personalstärke anderes zu tun. Mehr Leute kommen im Herbst, hofft Gillich.

Schließlich hat Senden mit den beiden Großdiscos zwei Orte auf der Gemarkung, wo es immer wieder zu Streit kommt. Davon zeugen neun Fälle von Gewalt gegen Polizisten. Allerdings bringt Gillich, der in seiner vorigen Dienststelle in Neu-Ulm unter anderem für die Lagebewertung und Einsatzplanung im problematischen Disco-Viertel Lessingstraße zuständig war, einige Erfahrung mit. "Wir haben mit dem Zoll sehr erfolgreiche Kontrollen gemacht." Zu vermeiden sei vor allem, dass Türsteher aus dem Rocker-Milieu eingesetzt werden. Verhindern lasse sich die Gewalt aber nicht, weil es oft draußen, vor den Discos, in den Morgenstunden losgeht. Deshalb plädiert Gillich für eine landkreisweite Sperrzeitverlängerung - 3 Uhr müsste doch reichen, meint er, wohlwissend, dass das Partyvolk heute erst gegen Mitternacht loszieht. Die Discos sind aber nicht der einzige Ort in Senden, wo viele Straftaten passieren: Die großen Einkaufszentren ziehen Ladendiebe an. 86 Fälle gab es 2011, im Jahr davor waren es 111. Das bereite den Beamten viel Schreibtischarbeit.

Und wie sieht es aus mit Extremisten - sei es von rechts oder islamistisch motiviert? Die einst in Senden rege NPD mache heute Infostände beim Wochenmarkt. Mit den drei islamischen Vereinen pflege er den Kontakt, treffe sich alle sechs Monate mit den Verantwortlichen, sagt Gillich. Rockergruppen habe man im Blick. Was ihn besorgt, ist die Zunahme häuslicher Gewalt. 40 Fälle gab es 2011, fast doppelt so viele wie 2010. Da schlage durch, dass Senden "Wohnraum für sozial Schwache" ist, sagt der Polizeichef.

Viel Arbeit also, dennoch hat es Gillich geschafft, sich ums Betriebsklima zu kümmern: Zwei Mal in der Woche sammeln sich die Beamten nun mittags zur Rückengymnastik.

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